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Abschied von Monika Schoeller : Die behutsame Kämpferin

  • -Aktualisiert am

Monika Schoeller (1939 bis 2019) Bild: Barbara Klemm

Der Tod der S. Fischer-Verlegerin Monika Schoeller ist ein Verlust nicht nur für die literarische Welt. Mit ihr geht ein Zeitalter. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Es war im Herbst 1987. Ich hatte vor wenigen Tagen meine Verlagslehre bei S. Fischer begonnen, da empfing mich Monika Schoeller zu einem Antrittsbesuch in ihrem Büro. Sie war soeben aus Camaiore in der nördlichen Toskana zurückgekehrt, wo sie Tutti und Gottfried Bermann Fischer, die Tochter und den Schwiegersohn des Verlagsgründers Samuel Fischer besucht hatte. Es sei eine ausgelassene Begegnung gewesen, berichtete sie, Gottfried Bermann Fischer, der gerade neunzig Jahre alt geworden war, habe Tennis gespielt wie ein Dreißigjähriger.

          Für mich als junger Lehrling, der vor kurzem noch Thomas Mann, den großen S. Fischer-Autor, im Leistungskurs Deutsch gelesen hatte, war das ein entscheidender Moment: Mit einem Mal wurde mir in dem eher nüchternen Verlagsbüro in der Frankfurter Geleitsstraße unmittelbar vor Augen geführt, dass Geschichte etwas höchst Lebendiges, Gegenwärtiges und auch Verpflichtendes ist.

          Eine Frau, die sich durchsetzt

          Monika Schoeller war sich dessen immer bewusst. In der hundertdreiunddreißigjährigen Geschichte des Verlags war sie in der unmittelbaren Nachfolge von S. Fischer und dessen Schwiegersohn erst die dritte Verlegerin – und das fünfundvierzig Jahre lang. 1974, als junge Frau, die bei Emil Staiger in Zürich studiert hatte, übernahm sie den Verlag, den ihr Vater Georg von Holtzbrinck von den Fischers erworben hatte, und was sie über diese ersten Jahre berichtete, klang wenig vergnüglich.

          Das Unternehmen war von Männern geprägt, Misstrauen schlug ihr als Erbin und Frau entgegen, es gab politische Vorbehalte gegen sie, ihr wurde Unerfahrenheit vorgeworfen. Ältere Mitarbeiter wie etwa der Lektor J. Hellmuth Freund wurden ihr zu treuen Gefährten und festen Stützen. Noch vor wenigen Wochen richtete Monika Schoeller zum Gedenken an Hellmuth Freunds hundertsten Geburtstag ein gemeinsames Essen unter Freunden aus. Dass sie diese Anfechtungen – wie auch manche spätere – durchstand und dass Aufgeben für sie wohl niemals eine Option war, kann man kaum genug würdigen. Sie selbst sprach einmal augenzwinkernd von „Sturheit“, ein westfälisches Erbe, für das sie dankbar sei.

          Monika Schoeller verstand sich stets als Treuhänderin, der dieser Verlag anvertraut worden war, und als Bindeglied zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Elisabeth Mann Borgese besuchte sie regelmäßig zum Tee im Verlag, Hans Keilson, dessen Romane in den dreißiger Jahren bei S. Fischer erschienen waren und der Krieg und Verfolgung im Versteck überlebt hatte, veröffentlichte auf ihren Wunsch hin seine gesammelten Werke im Verlag und wurde auf diese Weise auch international als der große Autor wiederentdeckt, der er ist. Ilse Aichinger war sie über Jahrzehnte bis zu deren Tod als enge Freundin verbunden.

          Literarisches Erbe und Interesse an der Gegenwart

          Mit ungeheurer Ausdauer pflegte sie das reiche Erbe des Verlags und seiner Autorinnen und Autoren, zum Teil mit Werkausgaben, die über Jahrzehnte hinweg entstanden – hier seien nur die zweiundvierzigbändige kritische Hofmannsthal-Ausgabe, die von Klaus Reichert herausgegebene Virginia-Woolf-Ausgabe, die Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke von Thomas Mann und die Werkausgaben von Anne Frank genannt.

          Doch Monika Schoeller war zugleich ganz und gar in der Gegenwart zu Hause. Eine unermüdliche Neugier zeichnete sie aus. Sie liebte die Literatur, lebte in ihr, war eine leidenschaftliche Leserin und eine wache, zugewandte und höchst aufmerksame Gesprächspartnerin. Smalltalk und Ungefähres waren ihr fremd. Wenn Monika Schoeller sprach, stimmte jedes Wort, sich genau mitzuteilen war für sie entscheidend. Genauigkeit, auch in ihrer Beobachtung, war einer ihrer markanten Wesenszüge – eine Fähigkeit, die sie auch zu einer wunderbaren, mitunter verschmitzten Erzählerin machte.

          Matriarchales Gegenmodell

          Früh regelte sie ihre Nachfolge, vertraute das Tagesgeschäft ihren zum Teil noch sehr jungen Mitarbeitern an und gab den Verlag auf diese Weise an die nächste Generation weiter. Die Kontinuität blieb gewahrt, indem sie bis zum Schluss Verlegerin, Gesellschafterin und Vorsitzende der Geschäftsführung war und an wichtigen Entscheidungen beteiligt blieb. Auch diese Weitsicht und Souveränität in der Nachfolgeregelung unterschied den S. Fischer Verlag unter Monika Schoellers Ägide von manchem anderen Haus. Vielleicht war er ein erfolgreiches matriarchales Gegenmodell in der traditionell eher patriarchalisch geprägten Verlagswelt.

          Monika Schoeller vermied es, im Mittelpunkt zu stehen. Die Autorinnen und Autoren und deren Werke waren es, der alle Aufmerksamkeit gebühren sollte. Es waren insgesamt scheinbar unzeitgemäße Eigenschaften, die Monika Schoeller auszeichneten: Haltung, Geduld, Takt, Güte, Dezenz, Bescheidenheit, Großzügigkeit und Empathie. Silvia Bovenschen sprach in dieser Zeitung anlässlich von Monika Schoellers siebzigstem Geburtstag von „Ehre durch Ruhmvermeidung“, Carolin Emcke in einem Text zu Monika Schoellers achtzigstem Geburtstag vor wenigen Wochen von „dieser unnachahmlichen Gabe, jemanden zu sehen. Als ob alle Hüllen oder Masken vor ihr abfallen würden.“ Es ist schön und tröstlich, zu wissen, dass Monika Schoeller die späten Ehrungen und Anerkennungen noch erleben durfte.

          Nicht nur der S. Fischer Verlag, die ganze literarische Welt hat mit ihrem Tod am vergangenen Donnerstag einen großen Verlust zu beklagen. Mit Monika Schoeller geht ein Zeitalter.

          Peter Sillem war seit seiner Verlagslehre dreißig Jahre lang für den S. Fischer Verlag tätig, zuletzt bis 2017 als Programmgeschäftsführer.

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