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Zum Tod von Inge Feltrinelli : Mit Hemingway fing alles an

Mit Hemingway auf dem Boot: Inge Feltrinelli in jungen Jahren Bild: Inge Feltrinelli ( Steidl )

Wissen und Geschmack: Inge Feltrinelli war die letzte Königin der Verlagswelt. Jetzt ist die deutsch-italienische Grande Dame der Literatur mit 87 Jahren in Mailand gestorben.

          Die erste Frage, die sie hatte, als wir 2011 bei einem Essen zu Ehren des Verlegers, Sammlers und Designers Franco Maria Ricci in der Biblioteca Palatina in Parma nebeneinander saßen, war nach einem Kollegen, dem Korrespondenten, der über Jahrzehnte für diese Zeitung aus Mailand berichtet hatte: Wie sehr sie ihn schätze und immer gelesen habe. Die letzte Königin der Verlagswelt, als die die italienische Presse Inge Feltrinelli heute würdigt, war eine gebürtige Deutsche, auch wenn es der temperamentvollen eleganten Grande Dame nicht anzusehen und auch nicht anzuhören war. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern waren ihr zeitlebens ein Anliegen, an dem sie als literarische Brückenbauerin über die Alpen maßgeblichen Anteil hatte.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Berühmt geworden aber war sie bereits, als sie noch Inge Schoenthal hieß; als Tochter eines deutschen Juden, der 1938 in die Niederlande emigrierte, wurde sie am 24.November 1930 in Essen geboren. In Göttingen hat sie das Gymnasium besucht, von dem sie als „jüdischer Mischling“ noch im März 1945 verwiesen wurde. Bei der Fotografin Rosemarie Pierer in Hamburg ist sie 1950 in die Lehre gegangen, und drei Jahre später hat Heinrich Maria Ledig-Rowohlt sie nach Kuba geschickt, um Ernest Hemingway zu treffen. Als der sie nach vielen vergeblichen Anfragen endlich auf seine Finca einlädt, entstehen ganz ungewöhnliche, kuriose Porträts, auch das mit dem Selbstauslöser aufgenommene, auf dem sie als lachende Badenixe mit dem Schriftsteller auf einem Boot steht und sich beide an einem dreißig Kilo schweren Schwertfisch festhalten. Ihr Lieblingsfoto aber war ein anderes: Es zeigt Greta Garbo 1952 in New York, wie sie, in sich gekehrt, auf der Madison Avenue an einer Ampel wartet.

          Inge Feltrinelli 2011 in Aachen

          Auf einer Einladung von Ledig-Rowohlt lernte Inge Schoenthal 1958 in Hamburg den italienischen Linksintellektuellen Giangiacomo Feltrinelli kennen, der mit seinem Millionenerbe einen Verlag aufbaute und die Kommunisten unterstützte. Erst kurz zuvor war es ihm, den sie im Jahr darauf heiratete, gelungen, die Weltrechte von Boris Pasternaks „Dr. Schiwago“ zu erwerben, nachdem er das Manuskript aus der Sowjetunion geschmuggelt hatte. Und mit dem „Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der die Veröffentlichung nicht mehr erleben sollte, hatte er mehr Spürsinn als die Konkurrenz bewiesen. Grundlagen für einen Erfolg, der Feltrinelli, der 1969 als erster Gabriel García Marquez in Europa bekanntmachte, zum führenden Verlag Italiens wachsen ließ. Als Giangiacomo, der mit Fidel Castro und mit Rudi Dutschke befreundet war, 1972 unter mysteriösen, bis heute nicht aufgeklärten Umständen ums Leben kam, hat „La Inge“, wie sie in der Branche nur hieß, den Verlag „nicht nur gerettet, sondern“ – so Umberto Eco – „ihn immer weiter gedeihen lassen“: Das ultralinke Image wurde zurückgenommen, das kritische politische Profil geschärft und erweitert, aber auch um ein weites Spektrum von Titeln, bis hin zu Mode, Lifestyle und Kochbücher, um Tonträger, E-Books ergänzt sowie die Buchhandelskette, die in hundert Städten präsent ist, ausgebaut. 1998 übernahm ihr Sohn Carlo die Geschäftsführung des Hauses, Inge Feltrinelli blieb dessen Präsidentin.

          Harper Lee, Marguerite Yourcenar, Doris Lessing, Nadine Gordimer, Isabel Allende, Maguerite Duras, Richard Ford hat, um nur wenige wichtige zu nennen, der Verlag in Italien publiziert, und Inge Feltrinelli, die Amos Oz einen „Vulkan der Ideen, der Neugier und der Freundlichkeit“ nannte, hat dafür gesorgt, dass viele, auch „schwer vermittelbare“ deutschsprachige Autoren dazu kamen: Johnson, Bachmann, Frisch, Dürrenmatt, Gras, Walser, Herta Müller, Ingo Schulze, Daniel Kehlmann. „Saperi e sapori“, der Titel einer populären Reihe, könnte auch über dem Verlagsprogramm stehen: „Wissen und Geschmack“. Als wir Inge Feltrinelli 2015 vor der anstehenden Elefantenhochzeit von RCS und Mondadori um ein Interview baten, lehnte sie höflich ab: „Wir haben eine Meinung zu dem Problem, es ist zu früh, darüber zu sprechen.“ Die Antwort hat die „casa editrice“ gegeben: Anspruchsvoll und vielseitig, hat sich Inge Feltrinelli als bedeutendster unabhängiger Verlag Italiens behauptet. Gestern ist Inge Feltrinelli im Alter von 87 Jahren in Mailand gestorben.

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