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Zum Tod von Ursula Haeusgen : Schutzheilige der Lyrik

Ursula Haeusgen 2019 in München Bild: dpa

Sie hat eine eigene Lyrik-Buchhandlung in München gegründet und ließ daraus eine bedeutende Präsenzbibliothek hervorgehen: die Stiftung Lyrik Kabinett. Ursula Haeusgen war Herausgeberin einer eigenen Buchreihe und eine bedeutende Mäzenin. Jetzt ist sie in München gestorben.

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          Sie war keine, die gern über sich gesprochen hat. Und schon gar nicht darüber, was sie alles Gutes für die Menschheit getan hat. Sie hat es halt einfach gemacht. Aus einer Technikerfamilie stammend, ist die am 22. April 1942 in München geborene Ursula Haeusgen auf Umwegen zu einer bedeutenden Mäzenin geworden, indem sie ihr Erbe für die Förderung der Dichtkunst einsetzte. Drei Söhne hat sie geboren: einer von ihnen, der Unternehmer Karl Haeusgen, leitet den Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer. Und er sitzt im Vorstand des vierten Kindes seiner Mutter – der Stiftung Lyrik Kabinett. Diese betreibt nicht nur Europas zweitgrößte Spezialbibliothek für Dichtkunst mit derzeit 65000 Medieneinheiten, sie veranstaltet in normalen Jahren vier Dutzend Lesungen, publiziert und fördert Schulprojekte.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Mit vierzig absolviert Haeusgen erst einmal ein Philosophiestudium, um sich Klarheit zu verschaffen. 1989 eröffnet sie eine Lyrik-Buchhandlung in der Maximilianstraße, ausgestattet mit einer exzellenten Sammlung von Künstlerbüchern. Es habe sie gestört, hat sie zu Protokoll gegeben, dass Dichtung in den Buchhandlungen „immer nur in einem Eckerl“ gestanden habe. Dem Laden ist kein dauerhafter Erfolg beschieden, und die Unterbringung ihrer vorzüglichen Sammlung von Erstausgaben im Literaturhaus scheitert.

          Bei den Komparatisten der Ludwig-Maximilians-Universität findet Haeusgen erst Unterschlupf, dann eine dauerhafte Heimat: Die Sammlung wird zu einer wissenschaftlich betreuten Präsenzbibliothek. 2003 entsteht die Stiftung Lyrik Kabinett, 2005 eröffnet das Bibliotheksgebäude in der Amalienstraße. In jenem Jahr hat dann auch München – wo so etwas häufig länger dauert – begriffen, welche Leistung Haeusgen erbracht hat. Sie wird Ehrensenatorin der Universität, Orden und Preise folgen.

          Michael Krüger, in dessen früherem Verlag Hanser Haeusgen eine eigene Buchreihe herausgab, hat sie „Heilige Ursula“ getauft. Als Schutzheilige der Dichtkunst mag das passen, ihr Auftreten als Mensch beschreibt es eher nicht. Die passionierte Raucherin verströmte mit dem warmen Timbre ihrer dunklen Stimme stets eine Aura der Zurücknahme der eigenen Person – sich ins Rampenlicht zu stellen lag Ursula Haeusgen fern. Am Mittwoch ist sie im Alter von achtundsiebzig Jahren in ihrer geliebten Heimatstadt München gestorben. „Wenn ich nicht mehr da bin, macht’s eben jemand anderes“, hat sie vor elf Jahren der F.A.S. gesagt. Ganz so, wie es sich halt gehört.

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