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Zum Tod von Sara Danius : Sie gab der Nobel-Akademie die Farbe

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„Ich dachte, es wäre an der Zeit, Freude zu zeigen.“ Sara Danius vor der Nobelpreis-Zeremonie 2018 Bild: AFP

Sara Danius sorgte für Momente zum Erinnern – nicht erst, als sie sich medienwirksam aus der schwedischen Akademie zurückzog. In der Nacht zum Samstag ist die Literaturwissenschaftlerin im Alter von 57 Jahren gestorben.

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          Sara Danius, von 2015 bis 2018 Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, ging mit vier Szenen ins kollektive Gedächtnis ein. Die erste Szene war der Augenblick, als sie im Oktober 2016 in weißer Schluppenbluse mit zusammengekniffenem Mund aus der berühmten Tür des alten Börsenhauses in Stockholm trat und den Nobelpreis für Bob Dylan verkündete, über den sie mittlerweile auch ein Buch geschrieben hat.

          Dann ihr Auftritt vor Journalisten am Abend des 23. November 2017, unten vor dem Gebäude. „Dagens Nyheter“ hatte zuvor eine Enthüllungsstory gebracht. Achtzehn Frauen warfen einer „bekannten Kulturpersönlichkeit“ sexuelle Übergriffe vor, einem Betreiber eines Kulturclubs, den die Akademie subventionierte, der sich eine Weile um eine Wohnung der Akademie in Paris kümmerte, und mit einem Akademie-Mitglied verheiratet war. Sara Danius stand unter einem Regenschirm, den ihr Vorgänger Peter Englund hielt, und verlas eine Erklärung.

          Ein aufrechter Auftritt

          Die Akademie bräche die Kontakte zu dem Mann „mit sofortiger Wirkung“ ab, sagte sie. Man lasse die Beziehung zu ihm untersuchen, überdenke die Arbeitsroutinen, da man schon jetzt wisse, dass eigene Regeln verletzt worden seien. Auch „Akademiemitglieder, Töchter von Mitgliedern, Freunde von Mitgliedern und Personal“ seien durch die Person „ungewünschter Intimität und unpassender Behandlung“ ausgesetzt worden. Ein aufrechter Auftritt im Herbst von #Metoo, wie Danius ja überhaupt immer aufrecht auftrat.

          Monate später brach in der Akademie ein Streit aus, der sich zur Existenzkrise auswuchs. Er drehte sich zum einen darum, wie mit dem fertigen Untersuchungsberichts zu verfahren sei – zum anderen um Katharina Frostenson, die Gattin der „bekannten Kulturpersönlichkeit“ Jean-Claude Arnault. Frostenson hatte es versäumt, ihre Beteiligung an Arnaults Kulturclub anzugeben, und ein Teil der Akademie hielt sie auch für die Quelle, dank der Arnault einige Nobelpreisträger vorzeitig ausplaudern konnte; man forderte ihren Ausschluss, kam damit aber nicht durch.

          Rückzug in die Passivität

          Sara Danius gehörte damals zu dieser unterlegenen Gruppe, wenn auch nicht zu den ersten drei Mitgliedern, die sich aus der Akademie medienwirksam zurückzogen. Sie wollte bleiben und weiter wirken, wurde von Horace Engdahl per Interview als miserable Krisenmanagerin beschimpft – und Tage später intern gedrängt, die Arbeit ruhen zu lassen. Danius ging, und auch Frostenson räumte den Stuhl.

          Der Rückzug in die Passivität (einen Austritt verhinderten die Statuten) löste große öffentliche Sympathiebekundungen für Sara Danius aus. In der folgenden Zeit, in der die Akademie durch den Rückzug weiterer Mitglieder an den Rand des Zusammenbruchs rückte, die Nobelstiftung auf Reformen drängte, der Literaturpreis für 2018 ausgesetzt wurde und Arnault wegen Vergewaltigung einer Frau ins Gefängnis kam, war Sara Danius dann kaum noch zu sehen.

          Absurd knallbuntes Kleid

          Registrierte wurde lediglich, dass sie und zwei andere passive Mitglieder in einem Brief an die Akademie den Austritt „des unermüdlichen Fürsprechers der bekannten Kulturpersonlichkeit“ Horace Engdahls forderten – und keineswegs von der neugeschaffenen Möglichkeit zum endgültigen Rücktritt Gebrauch machten. Auf diesem Wege wahrten sie sich den Einfluss auf die Wahl neuer Mitglieder, denn nur mit ihren Stimmen war die Wahl neuer und frischer Mitglieder möglich.

          Die Wahlen erfolgten, obwohl Engdahl blieb, die Modernisierung der Akademie kam voran. Beim Nobelfest im Dezember richteten sich dann noch einmal alle Blicke auf Sara Danius: In einem absurd knallbunten Kleid saß sie zwischen alten Männern im schwarzweißen Frack. Ein Störbild für die Geschichtsbücher, auch wenn Sara Danius selbst keine Hintergedanken gehabt haben will: „Ich dachte, es wäre an der Zeit, Freude zu zeigen. Zeit für etwas Neues, ein neues Kapitel.“

          Zwei Monate später, kurz nach dem endgültigen Austritt Frostensons aus der Akademie, gab auch Danius ihren Austritt bekannt, begleitet von einer öffentlichen Entschuldigung der Akademie für die Polemik ihr gegenüber im Frühjahr. Sie hätte noch mit Blick auf die Altersgrenze, auf die der Interims-Sekretär zulief, ihre Rückkehr ins alte Amt angeboten, schrieb sie in einer Erklärung. Was aber abgelehnt worden sei.

          In der Nacht zum Samstag nun ist die Literaturwissenschaftlerin Sara Danius, Tochter der Schriftstellerin Anna Wahlgren, im Alter von siebenundfünfzig Jahren gestorben.

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