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„Schiffbruch vor Lampedusa“ : Unter Rettern und Totengräbern

Am Ende ist Schweigen: Mobiltelefon eines der 368 Migranten, die am 3. Oktober 2013 vor Lampedusa ertrunken sind. Bild: FABIO BUCCIARELLI/The New York T

Europa unter dem Brennglas: Davide Enias Roman „Schiffbruch vor Lampedusa“ vergreift sich im Ton, spannt den Bogen zu weit und findet doch den Weg ins Herz der Leser, wenn er andere sprechen lässt.

          Dieser Haufen Felsen mitten im Meer ist längst zu einem unübersehbaren Symbol geworden: Lampedusa, das war einmal eine italienische Insel zwischen Sizilien und Afrika, auf der die Menschen weltvergessen vom Fischfang lebten und von bescheidenem Fremdenverkehr, bis das Weltgeschehen zu ihnen kam in Gestalt Zehntausender Flüchtlinge, die in ihren erbärmlichen Booten auf immer neuen Wellen anlandeten, tot oder lebendig.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Migranten haben aus den Inselbewohnern Retter und Totengräber gemacht, Nachbarn eines Flüchtlingslagers, Gastgeber von Politikern, NGOs, Journalisten und des Papstes. Ihr Eiland wurde zum Gegenstand von Reportagen, Analysen und Dokumentarfilmen, von fiktiven Erzählungen, Spielfilmen und Biographien, zum Anlass für postkoloniale Studien und ethnologische Forschungen. Nun hat Davide Enia ein weiteres Buch geschrieben, das sich in die immer länger werdende Reihe schriftstellerischer Betrachtungen über die Insel fügt, auf der sich das ganze Drama Europas wie unter einem Brennglas bündelt und die doch sprachlich kaum mehr zu fassen scheint.

          „,Lampedusa‘ ist ein Container-Wort geworden“, lässt Enia gleich zu Beginn seines autobiographischen Romans „Schiffbruch vor Lampedusa“ den eigenen Vater sagen, der ihn auf die Insel begleitet. „Migration, Grenzzäune, Schiffbrüche, Solidarität, Tourismus, Feriensaison, Randlage, Wunder, Heldentum, Verzweiflung, Qual, Tod, Wiedergeburt, Befreiung“, sinniert der Vater weiter, „alle diese Bedeutungen in einem einzigen Wort, ein Sammelsurium, das weder richtig interpretiert werden kann, noch eine erkennbare Form hat.“ Der Roman, halb Reportage, halb Reflexion, will sich die zahllose Menschenleben mit sich reißende Bedeutungsflut literarisch zu eigen machen. Als Ankerpunkt wählt Enia dazu das Nächstliegende: sein eigenes Ich.

          Davide Enia, geboren 1974 in Palermo, machte sich erst als Schauspieler, Theaterschriftsteller und Dramaturg einen Namen, bevor er 2012 seinen ersten Roman „Così in terra“ (So auf Erden) veröffentlichte, eine fiktive Kindheits- und Boxergeschichte aus der Heimatstadt des Autors, in deren Zentrum ein liebevoll Davidù gerufener, halb verwaister Junge steht, der von seinem Onkel den Kampf mit den Fäusten lernt. Davidù, so nennt in Enias neuem Buch wieder ein Onkel einen Neffen und meint dieses Mal Davide Enia selbst als Ich-Erzähler. Zio Beppe, der Bruder des Vaters, blickt in Reggio Calabria dem Tod ins Auge. Unheilbar an Krebs erkrankt, gleicht Beppe einem Kämpfer mit gesenkten Fäusten, der sich gerade noch aufrecht stehend im Ring hält.

          Sein Schicksal – oder eher das, was dieses langsam ins Grab sinkende Leben eines geliebten Menschen im Inneren des Neffen in Bewegung setzt – verknüpft Enia in einem steten Hin und Her mit Schicksalsgeschichten von Lampedusa, die in Erinnerungen an das bisher größte Unglück vor den Stränden der Insel gipfeln: dem Schiffbruch vom 3. Oktober 2013, als ein Kutter mit Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea sank. 155 Menschen konnten von Fischern und der Küstenwache vor dem Ertrinken gerettet werden. 368 Menschen kamen ums Leben.

          Leben und Sterben im individuellen wie im geopolitischen Maßstab, das Leiden Fremder und der Nächsten, die Sprachlosigkeit angesichts des einen wie des anderen und das qualvolle Ringen um etwas nur vermeintlich Selbstverständliches, um Menschlichkeit: Enia versucht in seinem Inselstück den ganzen Horizont abzuschreiten; er spannt den Bogen weit, sehr weit, zu weit.

          Wenn der sterbende Onkel den Kontinentaldrift zwischen den Erdteilen herbeizitiert, der dafür sorgt, dass die afrikanische Platte sich unaufhaltsam über die eurasische schiebt, knirschen auch geologische Maßstäbe gewaltsam über menschliche, die doch auch von der in diesem Roman fast vollständig ausgeblendeten Politik, von Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen bestimmt werden, nicht allein von Naturgesetzen. Wenn bei der Wiedergabe von Gesprächen, die Enia auf Lampedusa mit zu Seenotrettern gewordenen Einheimischen führt, der Redestrom des Gegenübers manieristisch unterbrochen wird, nur damit dieser in einer Espressotasse rühren kann, wähnt man sich als Leser in den Händen eines mittelmäßigen Reiseschriftstellers. Wenn die Schweißperlen auf der Stirn eines Rettungstauchers aussehen „wie Blut, dass von einer Dornenkrone tropft“, segelt das hart am religiösen Kitsch. Und wenn gleich im ersten Absatz des Buchs die Worte eines Fischers, der das Grauen in wenige Worte fasst, indem er erzählt, dass es wieder Seebarsche vor Lampedusa gebe – „Weißt du, wovon sie sich ernähren? Genau“ –, mit einem Satz von Enia abgebunden werden wie: „Es gab nichts, aber auch wirklich nichts hinzuzufügen“, dann fragt man sich, warum dann ausgerechnet dieser Satz hat hinzugefügt werden müssen.

          Beispiele dieser und ähnlicher Art finden sich zahlreiche in „Schiffbruch vor Lampedusa“ (im Original „Appunti per un naufragio“, Notizen für einen Schiffbruch). Wo Enia etwas für sich sprechen lassen könnte, kommentiert er, wo er Menschen wie einem Rettungstaucher und dem Inselarzt, die mit Leib und Seele Zeugen wurden, Raum geben könnte, ist er als Autor mit eigenen Problemen präsent, etwa mit seiner von Schweigen bestimmten Vater-Sohn-Beziehung. Spät erst gelingt es Enia, obwohl er bei einer Anlandung als Helfer mit dabei ist, dem Leser (und sich selbst) die Augen für die Perspektive eines Flüchtlings zu öffnen.

          Dass „Schiffbruch vor Lampedusa“ nicht scheitert, verdankt sich Enias Fähigkeit, seine Protagonisten dann doch sprechen zu lassen. Dass er seine Prosa vorzugsweise aus direkter Rede baut, ist ein Segen, weil so andere als er zu Wort kommen. Seine Gastgeberin, eine frühere Anwältin, die Zimmer an Feriengäste vermietet, kann sich sprachlich zurücktasten bis zu dem Moment, in dem sie Schiffbrüchige am Strand vor ihrem Haus im Dunkeln sah und spontan alle Türen verrammeln wollte. Ein Geretteter kann von Wiedergeburt sprechen. Der Arzt sich an das erste tote Kleinkind unter Hunderten Leichen erinnern. Und die Worte des leidenden Onkels am Telefon wirken plötzlich wie ein Rettungsring in schwerer See. Sein Gewicht verdankt Enias Buch den Menschen von Lampedusa, Bleibenden wie Durchreisenden aller Art. Als Ich-Erzählung ist es das Dokument einer tiefen persönlichen, aber auch europäischen Erschütterung und die Weigerung, sich an das alte sizilianische Sprichwort zu halten: „A megghiu parola è chidda ca ’un si dici“ – das beste Wort ist das ungesagte.

          Davide Enia: „Schiffbruch vor Lampedusa“. Roman. Aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem und Olaf Matthias Roth. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 238 S., geb., 20,– .

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