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Wolfgang Herrndorf (1965 - 2013)
Wolfgang Herrndorf (1965 - 2013) Foto: Isolde Ohlbaum/laif

Herr Herrndorf,
wie haben Sie das gemacht?

Von TOBIAS RÜTHER
Wolfgang Herrndorf (1965 - 2013) Foto: Isolde Ohlbaum/laif

17. September 2020 · Im September vor zehn Jahren erschien „Tschick“. Wolfgang Herrndorfs Roman von zwei Jungs, die im geklauten Lada den Sinn des Lebens suchen, wurde ein Welterfolg. Eroberte Theater, Kino, den Deutschunterricht und die Herzen immer neuer Leserinnen und Leser jeden Alters. Bis heute. Sein Autor, der unheilbar erkrankt war, als er das Buch im Sommer 2010 fertigschrieb, bekam Fanpost von Diepholz bis Costa Rica. Wir zeigen sieben Briefe – in Erinnerung an Wolfgang Herrndorf und seinen Klassiker „Tschick“.

Alle haben sofort zugestimmt. Manche hat die Erinnerung erst noch einholen müssen, andere wussten gleich, wo sie waren, als sie „Tschick“ lasen. Und warum sie sich hingesetzt haben, damals vor zehn Jahren, um Wolfgang Herrndorf zu schreiben, dem Autor dieses Romans: Die Lektüre von „Tschick“ hatte sie so mitgerissen, dass einige von ihnen, die Erwachsenen vor allem, zum ersten Mal überhaupt so etwas wie Fanpost schrieben. Die Schülerinnen und Schüler wiederum, die „Tschick“ im Deutschunterricht lesen mussten und Herrndorf danach schreiben sollten, erwähnten auch immer gleich, wie gern sie das tun. Weil der Roman, wie sein Erzähler Maik sagen würde, ihnen den Stecker zog.

Viele Schulklassen haben Herrndorf damals geschrieben. Und viele Erwachsene. Aus dem Nachlass von Wolfgang Herrndorf zeigen wir sieben Briefe. Zur Erinnerung an Wolfgang Herrndorf und seinen Roman „Tschick“, der vor genau zehn Jahren erschien, am 17. September 2010, und der, wie sein Autor, zum Klassiker wurde.

Da ist der Brief eines Großvaters, der mit seinen Nachbarn im Januar 2012 eine Lesung von „Tschick“ im NDR hört und vom Roman in seine eigenen Jugendträume zurückversetzt wird. Und die junge Vielleserin, die von Herrndorf wissen möchte, woran das Geheimnis des Schreibens solcher Romane liegt – es könnte ja wohl kaum die Aneinanderreihung von Stilmitteln sein, die sie in der Schule interpretieren müsste. Da ist die Lehrerin, deren Realschulklasse von „Tschick“ aus der Lethargie der Schullektüre erweckt wird, weil Herrndorfs Maik so erzählt, wie ihre Schülerinnen und Schüler sprechen. Und die Mutter, die „Tschick“ ihrer Teenager-Tochter schenkt und dann von ihr zurückbekommt, damit sie es unbedingt auch liest. Da ist der Unternehmensberater, der Termine verschiebt, um das Buch im Büro fertigzulesen. Und die Hanauer Achtklässlerin, die erkennt, dass der Jugendroman „Tschick“ eigentlich etwas für Erwachsene ist.

Ein Freitag im Frühsommer 2011, San José, Costa Rica: Im Garten ihrer Schule liest die 10. Klasse des Colegio Humboldt „Tschick“. Die krächzenden Papageien muss man sich dazudenken.
Ein Freitag im Frühsommer 2011, San José, Costa Rica: Im Garten ihrer Schule liest die 10. Klasse des Colegio Humboldt „Tschick“. Die krächzenden Papageien muss man sich dazudenken. Foto: privat

Und schließlich ist da die 10. Klasse der deutschen Schule von San José in Costa Rica, die auf einer Deutschlandreise in die Buchläden stürzt, weil sie „Tschick“ im Unterricht lesen will: Diese Klasse ist zwar schon in die Herrndorf-Forschung eingegangen als Beleg für den Welterfolg dieses Buchs; Herrndorf selbst hatte von ihr erzählt. Den Brief aber, den sie ihm 2011 schrieb, zeigen wir hier erstmals und auch das Foto, welches dabeilag: glückliche Teenager unter Palmen, „Tschick“ in der Hand. Der Lehrer dieser Teenager erinnert sich noch genau an die Papageien, die im Schulgarten krächzten. Und eine der Schülerinnen daran, welchen Reiz dieser Roman für sie alle hatte, weil man in Costa Rica behüteter aufwächst als in Deutschland.

Mit diesen Briefen dokumentieren wir die Liebesgeschichte zwischen einem Buch und seinem Publikum. Sie geht weit über den Kreis jener Menschen hinaus, die Wolfgang Herrndorf damals geschrieben haben: Bis heute ist „Tschick“ ungefähr 3,3 Millionen Mal verkauft worden. Die Theateradaption ist jahrelang das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen gewesen, und auch Fatih Akins Verfilmung von 2016 hat den Kreis dann noch einmal erweitert. Die Liebesgeschichte zwischen „Tschick“ und seinem Publikum hält also seit Jahren an, und wie das so ist mit anarchischen Klassikern der Weltliteratur, wie bei „Huckleberry Finn“, „Bonjour Tristesse“ oder dem „Fänger im Roggen“, ist kein Ende in Sicht. Die Geschichte beginnt aber im Herbst 2010 in einem Augenblick, als Herrndorf weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit zum Leben bleibt. Und während die Ersten „Tschick“ zu lesen beginnen und sich in dieses Buch verlieben, erfährt die Öffentlichkeit es dann nach und nach auch. Weil der Autor selbst von seiner Krankheit in einem Blog erzählt. Auch den Schock und den Schmerz, den das auslöste, dokumentieren diese Briefe.

Lisa Buccoli, Karl-Rehbein-Schule 8G · Hanau

Sehr geehrter Herr Herrndorf,

ich kann mich sehr gut in Ihre Lage hineinversetzen, da ich selbst einmal Krebs hatte. Und daher weiß ich auch, wie wichtig es ist, aufgemuntert zu werden. Dies möchte ich mit diesem Brief tun.

Meine Klasse hat in der Schule Ihren Roman „Tschick“ gelesen. Ich finde, es ist ein super Buch.

Mit dem Anfang haben Sie mich richtig an das Buch gefesselt. Es ist sehr interessant geschrieben und Sie haben das Leben eines Jugendlichen gut zum Ausdruck gebracht. Sie haben gezeigt, dass Jugendliche oft viele und meistens auch große Hindernisse überwinden müssen.

„Tschick“ ist nicht nur ein Buch für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene, da es ihnen klarmacht, wie schwer so ein Teenager-Leben sein kann. Man kann sich richtig gut in Maik hineinversetzen und ihn auch besser verstehen, da man ja seine Gedanken mitbekommt.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit diesen Zeilen eine kleine Freude bereiten.

Geben Sie den Kampf gegen den Krebs niemals auf, denn ich habe es auch nie getan.

Herzlichste Grüße, Lisa Buccoli (16.4.2012)

Henrik Pontzen · Düsseldorf

Mehr Lesen
Lieber Herr Herrndorf,

Vielen Dank für Ihr Buch „Tschick“ – ich habe am Montag angefangen und in der S-Bahn, im Stehen auf dem Bahnsteig ... einfach in jeder freien Minute weitergelesen und eben die erste Besprechung verschoben, um es „heimlich“ im Büro zu Ende zu lesen.

Frisch schrieb mal sinngemäß im (ersten?) Tagebuch, dass die besten Bücher jene seien, die gar nicht direkt gute Ideen formulierten, sondern den Leser vielmehr auf gute Ideen brächten. In diesem Sinne gehört „Tschick“ zu den besten Büchern, die ich bisher gelesen habe: Es zauberte mir unzählige Bilder und Gedanken in den Kopf, die ich schon lange nicht mehr gesehen oder gedacht hatte.

Ohne Übertreibung: Während ich Ihr Buch las, habe ich intensiv gelebt.

Vielen Dank für ein paar schöne Stunden und Ihnen alles Gute.

Beste Grüße

Ihr Henrik Pontzen (14.1.2011)

Schülerin, 9. Klasse · Frankfurt

Sehr geehrter Herr Herrndorf,

ich lese generell sehr gerne. Mich nennt man auch den Schrecken Hugendubels, denn ich fresse Bücher. Da ich sehr viel lese, habe ich auch einen sehr hohen Anspruch an Bücher. Es ist irgendwie schade, je mehr ich lese, umso weniger Bücher gibt es, wo ich sage: Wow, das ist ein Mega-Buch. Generell haben „Schulbücher“ in meiner Top-100-Liste nicht die geringste Chance. Ich war also nicht besonders begeistert, als unser Deutschlehrer mal wieder in die Klasse geschneit kam und verkündete: „Wir lesen mal wieder ein ganz tolles Buch zusammen.“ Ich dachte mir natürlich sofort, dass das ein langweiliges Buch wird, ich mich zwei Stunden auf die Couch lege, nach fünf Minuten die Lust zu lesen verliere und mich den Rest der Zeit durch das Buch quäle und mich nur mit dem Gedanken tröste, dass ich danach mein „House of Night“- oder „Tribute von Panem“-Buch weiterlesen kann. Doch ich wusste nicht, dass es dieses Mal etwas anders sein würde. Ich setzte mich mal wieder voll motiviert auf die Couch und fing an zu lesen. Als ich nach fünf Minuten das erste Mal lauf auflachte, liebte ich dieses Buch. Ich habe es mehrmals gelesen und jedes Mal mehr spannende Einzelheiten entdeckt und immer lauter gelacht. Ich liebe Ihr Buch! Ich habe es auch auszugsweise meiner kleinen Schwester vorgelesen. Meine und ihre absolute Lieblingsstelle ist die, wo Tschick und Maik die Logopädin treffen. Ich habe meinem Logopäden, ja, ich gehe wirklich hin, die Stelle auch erzählt. Er fand das total genial und will sich demnächst auch das Buch zulegen.

Nach all dem Lob und den schönen Geschichten hätte ich auch eine Bitte an Sie. Ich weiß nicht, ob es Ihnen möglich ist, meiner Bitte nachzukommen und ob Sie dazu überhaupt Zeit haben. Unser Deutschlehrer neigt dazu, Dinge totzuinterpretieren und ich hasse Interpretieren. Und so diskutieren wir manchmal sehr lange über den Sinn des Interpretierens und Absichten und Vorgehensweisen von Autoren. Ich bin der Meinung, dass Interpretieren so lange in Ordnung und sinnvoll ist, solange man im Bereich des Offensichtlichen und des zu Belegenden bleibt. Man kann Stilmittel analysieren und schauen, wie diese in Verbindung mit dem Inhalt des Textes zu verstehen sind. Wenn es dann darum geht herauszufinden, was der Autor damit sagen will und wie die „geheime Botschaft“ des Textes lautet, fange ich an zu rebellieren. Da ich noch nie die Möglichkeit hatte, einen Autor nach den wahren Beweggründen für diese ganzen Sachen zu fragen, möchte ich sie hiermit wahrnehmen. Wie kommen die Stilmittel in den Text? Denken Sie sich: „Oh, hier könnte eine Metapher oder Hyperbel gut passen?“, oder schreiben Sie einfach drauflos und „denken“ sich nicht viel dabei? Nutzen Sie Formulierungen wie „das nach faulen Eiern stinkende Elixier“ oder die „Krater-/Mondlandschaft“ wirklich als „geheime Botschaft“, um uns etwas über Maik, Tschick oder die Geschichte mitzuteilen, oder gibt das einfach eine super Geschichte ab? Wie darf man sich den Schreibprozess generell hinsichtlich Stilmitteln und ähnlichen Dingen vorstellen? Ich hoffe, ich habe Ihnen meine Fragen einigermaßen anschaulich erklärt und Sie verstehen meine Fragen. Wenn Sie tatsächlich Zeit und Lust finden, mir zu antworten, würde ich mich wirklich sehr freuen.

Wenn nicht, danke ich Ihnen auf jeden Fall ganz herzlich für dieses wunderbare Buch. Mit diesem Buch haben Sie mir und vielen anderen Schülern wirklich ein gutes Buch für den Deutschunterricht geschenkt.

Mit den allerherzlichsten Grüßen

Wolfgang Herrndorf hatte am 25. Februar 2010 die Diagnose erhalten, dass ein Glioblastom in seinem Hirn wächst: ein unheilbarer Tumor. Herrndorf entscheidet sich gegen die ablaufende Uhr anzuschreiben. Innerhalb von fünf Monaten zwischen März und August 2010 stellt er ein Manuskript fertig, das er schon am 1. März 2004 begonnen hatte, das aber liegengeblieben war. Ein Jugendroman. Er erzählt von zwei Berliner Jungs, Maik und Tschick, die eines Sommers zufällig die besten Freunde werden, ein Auto klauen und sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens machen, den sie irgendwo südöstlich von Berlin vermuten.

Unterwegs in ihrem blauen Lada, treffen der „Psycho“ Maik und der „Russe“ Tschick seltsame, vertraute, märchenhafte Gestalten einer bundesrepublikanischen Gegenwart. Und auf die gleichaltrige Isa, die auch auf der Flucht ist. Und in die Maik sich verliebt, als hätte er nicht schon genug Probleme mit der stillen Anbetung seiner Mitschülerin Tatjana. Unerfüllte Liebe von weitem, der Schrecken teilnahmsloser Eltern und blöder Lehrer, das Spezialwissen der Jugendlichen, die Ideale der Freundschaft, die generelle Freundlichkeit der Welt, die Maik und Tschick aus der größten Not rettet: „Tschick“ spielt zwar im Juli 2010, sein Witz und seine Weisheit sind aber zeitlos.

Fatih Akins Verfilmung aus dem Jahr 2016 mit Maik (Tristan Göbel, links) und Tschick (Anand Batbileg) hat zum enormen Erfolg des Romans beigetragen.
Fatih Akins Verfilmung aus dem Jahr 2016 mit Maik (Tristan Göbel, links) und Tschick (Anand Batbileg) hat zum enormen Erfolg des Romans beigetragen. Foto: Studiocanal GmbH/ Mathias Bothor

Herrndorfs Manuskript nimmt der Verlag Rowohlt Berlin an. Alles muss schnell gehen. Am 17. September 2010 wird „Tschick“ ausgeliefert. Drei Wochen später erscheinen euphorische Kritiken (die allererste überhaupt stand in diesem Feuilleton). Gleichzeitig bestellen Buchhändler in großer Zahl diesen Roman, mit dem zwar niemand gerechnet hatte, aber auf den alle gewartet haben: ein Roman, der alles zusammenspannt, worauf es ankommt, beim Lesen, im Leben, und der so genau im Ton erzählt, dass sich Teenager genauso darauf stürzen wie Großväter. Das ist selten in der deutschen Literatur!

Nur Monate später beginnen die ersten Schulklassen, „Tschick“ im Deutschunterricht zu lesen. Sie schreiben Herrndorf begeisterte Briefe. Alle möglichen Leserinnen und Leser schreiben ihm, danke für dieses Buch, wie geht es weiter mit Maik und Tschick? Wie haben Sie das nur gemacht, dass es klingt, wie Teenager heute reden? Dass ich das Gefühl habe, mich an etwas so genau zu erinnern, das ich nie erlebt habe, aber immer wollte? Wie wussten Sie, dass es mir genauso auch ging?

  • Im geklauten Lada brechen Tschick und Maik von Berlin aus nach Südosten auf, Richtung Walachei.
  • Eigentlich wollen sie „Urlaub wie normale Leute“  machen, aber dann wird ein Abenteuer daraus, inklusive Verfolgungsjagd.
  • Unterwegs treffen die beiden auf Isa (im Film gespielt von Mercedes Müller). Maik verliebt sich – schon wieder.
  • Der Zufall hat sie zusammengeführt, aber am Ende des Sommers sind Maik und Tschick die besten Freunde.
  • Im geklauten Lada brechen Tschick und Maik von Berlin aus nach Südosten auf, Richtung Walachei. Foto: Studiocanal
  • Eigentlich wollen sie „Urlaub wie normale Leute“ machen, aber dann wird ein Abenteuer daraus, inklusive Verfolgungsjagd. Foto: Studiocanal
  • Unterwegs treffen die beiden auf Isa (im Film gespielt von Mercedes Müller). Maik verliebt sich – schon wieder. Foto: /R.Bajo
  • Der Zufall hat sie zusammengeführt, aber am Ende des Sommers sind Maik und Tschick die besten Freunde. Foto: studiocanal/R.Bajo


Herrndorf sitzt da schon am nächsten Roman, in seiner Berliner Hinterhofwohnung, wo auch sein Debütroman „In Plüschgewittern“ (2002) und der Erzählungsband „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ (2007) entstanden waren. Er schreibt, unterstützt von seiner Partnerin und Freundinnen und Freunden. Sie helfen ihm auch beim Blog, in dem Herrndorf vom Leben mit der Diagnose berichtet. Er nennt ihn „Arbeit und Struktur“. Das ist die Parole, die er sich selbst erteilt hatte, am gleichen Tag, als er im März 2010 wieder an „Tschick“ zu schreiben begann. Arbeit und Struktur: „Ich werde noch ein Buch schreiben, sage ich mir, egal, wie lange ich noch habe.“ Ein weiteres kann er noch selbst vollenden, „Sand“, 2012 erhält er den Preis der Leipziger Buchmesse dafür. Die gedruckte Fassung des Blogs „Arbeit und Struktur“ und auch „Bilder deiner großen Liebe“, die Geschichte der Isa aus „Tschick“, erscheinen postum. Am 26. August 2013 nimmt sich Wolfgang Herrndorf mit 48 Jahren das Leben, bevor der Tumor es tun kann.

Ulrike Stöhring

Lieber Wolfgang Herrndorf,

ich hatte meiner Tochter zum 15. Geburtstag „Tschick“ geschenkt, und zuerst wollte sie es nicht lesen – die Geschichte zweier Jungs und dann noch jünger ... Eine Woche später gab sie mir das Buch und bestand darauf, dass auch ich es lesen müsse. Ich habe nur zwei Nächte gebraucht und möchte nicht wie Frau Heidenreich klingen, es aber dennoch so sagen: Das Buch macht glücklich. Ich trage es noch ein paar Tage in der Tasche herum.

Herzliche Grüße – Ulrike Stöhring (Mai 2011)

10. Klasse, Collegio Humboldt San Rose · Costa Rica

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Hallo Herr Herrndorf,

Wie geht es Ihnen? Wir hoffen, es geht Ihnen gut. Sie wundern sich, woher dieser Brief kommt und woher wir sind. Er ist zwar in Deutschland abgestempelt, aber wir haben ihn in Costa Rica geschrieben, denn wir sind alle Schüler der Humboldt-Schule in San José. Wir besuchen die 10. Klasse und haben im Unterricht Ihr Buch „Tschick“ gelesen.

Vor den Osterferien kam unser Deutschlehrer mit einem „Outtake“ aus dem Blog, damit wir entscheiden konnten, ob wir das Buch lesen wollten oder nicht. Nachdem er den Abschnitt vorgelesen hatte und wir kurz darüber geredet haben, waren wir alle einverstanden, „Tschick“ zu lesen. Das einzige Problem war, dass es das Buch in der Bibliothek nicht zur Auswahl gab. Diese sollte sowieso für unser Schuljahr nicht so gut sein, deswegen kam auch der Vorschlag von Herrn Nowak. Allerdings hatte er sogar an eine mögliche Lösung gedacht.

Jedes Jahr fliegen nämlich die 10. Klassen für einen Schüleraustausch für einen Monat nach Deutschland. Nach der Osterwoche waren wir eine Woche in Berlin, endlich waren wir dort! Dort waren wir in einem Jugendhotel und anschließend drei Wochen in München oder Hamburg. Keiner von uns wird diesen Monat vergessen. Es hat so viel Spaß gemacht mit allen Klassenkameraden und Freunden, für viele, ein neues Land zu besuchen, eine neue Kultur kennenzulernen, die Freiheit zu genießen und tausend supercoole Momente zu erleben. In dieser Zeit konnten wir außerdem das Buch kaufen. Klingt einfach, war es aber nicht in allen Fällen. In den Buchläden war es oft ausverkauft, und deswegen mussten wir es bestellen.

Endlich konnten wir anfangen, es zu lesen. Freitag 7. und 8. Stunde waren normalerweise die Lesestunden. Wir konnten raus, in den Schulgarten, es uns bequem machen und lesen. Das waren unsere und, wir glauben, auch Herrn Nowaks Lieblingsstunden. Auch wenn wir oft nicht vorankamen, weil wir von der langen Schulwoche müde waren, waren diese Stunden sehr lustig. Als Beilage schicken wir Ihnen ein Foto von uns, während wir lesen.

Nachdem wir das Buch zuende gelesen haben, hatten wir noch sehr viel damit zu tun. Wir haben eine Klassenarbeit darüber geschrieben, Vokabellisten gemacht, unsere Lieblingsstellen sogar mit Theaterstücken vorgestellt, zum Beispiel, als Tschick und Maik ihre Namen mit dem Auto über das Feld schreiben wollen oder als sie mit Isa den Berg hinaufsteigen. Zuletzt haben wir Ihren Blog gelesen, den wir sehr interessant fanden.

Wie schon erwähnt, kommen wir aus Costa Rica. Wir wissen zwar nicht, wie viel Sie schon von unserer Heimat wissen, aber wir können Ihnen gerne etwas erzählen.

Wir hoffen, Sie freuen sich über unseren Brief. Wir würden uns auch sehr freuen, wenn Sie uns antworten.

Liebe Grüße,

Adrián, Alexandra, Antonio, Dominique, Jana, Neil, Nicole, Nina, Noël, Oscar, Rebeca, Richard, Robert, Sara, Sebastian, Sebastián, Sofía, Sophie, Vanessa und Vivian

Als Wolfgang Herrndorf im März 2004 die Idee zu „Tschick“ bekam, hatte er kurz zuvor die Bücher seiner Kindheit wiedergelesen: Mark Twains „Huckleberry Finn“ beispielsweise, aber auch „Pik reist nach Amerika“, die Geschichte zweier Jungen und eines Eichhörnchens auf großer Fahrt nach Amerika, ein Freundschaftsmärchen aus dem Jahr 1927, in dem auch der Zufall und die Freundlichkeit die Welt regieren.

Drei Elemente konnte Herrndorf, der ein präziser Leser war und die Gegenwartsliteratur (Mosebach, Tellkamp) unerbittlich demontieren konnte, bei der Wiederlektüre seiner Lieblingsbücher identifizieren: „rasche Eliminierung der elterlichen Bezugspersonen, große Reise, großes Wasser“. Um diese Elemente herum ist auch „Tschick“ gebaut, die Eltern sind nicht da, die Jungs gehen auf die Reise, vom Meer blieb nur die blaue Farbe des Ladas, in dem Maik und Tschick unterwegs sind, von Marzahn aus bis in die Bergbaugebiete der Lausitz.

Und im Autoradio läuft „Ballade pour Adeline“: Tschick und Maik kacheln mit dreißig Stundenkilometern durch Brandenburg (Filmszene).
Und im Autoradio läuft „Ballade pour Adeline“: Tschick und Maik kacheln mit dreißig Stundenkilometern durch Brandenburg (Filmszene). Foto: Picture-Alliance

Es ist sicher auch diese Analyse gewesen, die Vermeidung des Kitschs und der erzählerischen Fehler anderer jugendlicher Ausbruchsgeschichten, die Herrndorf für „Tschick“ studiert hatte, weswegen dem Buch sofort so viele Herzen zufliegen. Herrndorf weiß genau, was er mit seinen Figuren tut – und wie er zwischen Verfolgungsjagden, radikalem Humor und überlesbaren Anspielungen auf Goethe, Kracht, Stendhal und Thomas Mann seine Story einhängt. Sie erfüllt im Kern den Wunsch, wenigstens einmal, wenigstens lesend ein Abenteuer zu erleben, das man sich nie getraut hätte.

Heike Könneke, Realschule · Freiburg

Lieber Herr Herrndorf,

im Juni und Juli habe ich mit meiner Klasse „Tschick“ gelesen. Die Schüler, 27 pubertierende 9.Klässler, hatten mich bis dahin mit ihrer Lustlosigkeit und Gleichgültigkeit fast in den Wahnsinn getrieben. Also suchte ich nach etwas, womit ich sie aufwecken und aus der Komfortzone locken könnte. Und dann las ich für mich „Tschick“ und fühlte mich nach wenigen Seiten an meine Klasse erinnert, besonders weil darin acht Jugendliche aus Russland sind, die schon aufgrund ihres ganz eigenen Klamottenstyles als zusammengehörend zu erkennen und bei Abstimmungen auf wundersame Weise immer einer Meinung sind.

Ich beschloss also, Ihr Buch mit der Klasse zu lesen. Und weil nicht wieder ich diejenige (bzw. einzige!) sein wollte, die vorbereitet und mit Fragen im Unterricht erscheint, ließ ich die Schüler ihren Leseprozess und ihre Gedanken zu „Tschick“ in Portfolios dokumentieren. Herausgekommen sind kreative und originelle Texte, Bilder, Collagen ...

Sie haben mit Ihrem Buch offensichtlich den Nerv dieser Klasse getroffen! Das ist auch in zahlreichen Gesprächen deutlich geworden. So haben wir uns u.a. über außerirdisches Leben ausgetauscht, uns gefragt, was für jeden von uns eigentlich die wesentlichen Dinge sind, und uns gegenseitig die peinlichste Situation geschildert, in die wir bisher geraten sind. Nebenbei stellte sich heraus, dass sich alle bei der Definition „Asi“ einig waren, wir aber bei der Frage, wann jemand ein „Psycho“ ist, sehr weit auseinanderlagen. Ich habe viel gelernt!

Einige Schüler haben Ihnen geschrieben, das war natürlich nicht ihre Idee, sondern meine. Verglichen mit der sonstigen „Coolness“ dieser Klasse, sind die Briefe enthusiastisch.

Herzliche Grüße und alles Gute für Sie,

Heike Könneke (11.8.12)

Martin Kühn · Diepholz, am Tag 6 der Lesung

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Lieber Herr Herrndorf,

Sie ahnen es vielleicht nach dem Erfolg Ihres Romans, aber nicht so konkret. Hier tief im Moor, im Ackerbürgerstädtchen Diepholz, gibt es um genau 9 Uhr Telefongespräche, welche Wendung der Roman genommen hat, und Versuche sich zu „trösten“, dass Frau Isa Schmidt, gestern aufgetaucht, nun unsere beiden Helden schon wieder in Richtung eines Reisebusses verlassen hat.

Nein, eigentlich braucht man keinen Trost, es war gut so, sollten sich die 14-Jährigen schon mit der Banalität einer an innerer Auszehrung sterbenden Liebe in der Ehe auseinandersetzen? Nein, ein weiterer Beweis, dass Glück kurz ist und ganz dem Augenblick gehört.

Wir machen uns Gedanken, war der Held nun traurig über seine trinkende Mutter, seinen Vater mit der Assistentin, war er deshalb mit einer solchen Reise beschenkt, und wir, die wir aus geordnet spießigen Verhältnissen stammen, selbst schuld, dass wir uns nicht getraut haben, damals, 1965. Nein, unsere Rollen ließen das nicht zu, wir waren alle Rollenspieler!!! Traurig, aber wahr, vielleicht unvermeidlich. Umso besser, wie meisterhaft Sie uns nun entführen in das Reich der Unschuld.

Heute, während der Mittagspausendämmerung, erwischte ich mich bei der Sehnsucht nach der Unschuld mit 14, dem Erstaunen, in zwei Mädchen fast oder ganz gleichzeitig verliebt zu sein. Da heißt es doch, Reflektion und Verständnis der eigenen Situation machen glücklich. So ein Schwachsinn.

Nun fürchten wir uns vor dem Freitag, wenn alles vorbei ist, dieses blöde Gefühl, wenn ein gutes Buch ausgelesen ist, ich fürchte mich vor Ihren anderen Büchern, die ich mir nun kaufen muss und die nicht so gut sein werden wie das erste von Ihnen.

Wir streiten uns noch, ob es einen Film gibt. Ich fände es gut, wie sehen 14-Jährige wirklich aus, meine Nachbarin nicht, weil sie sich jetzt schon alles so gut vorstellen kann.

Weiter gute Ideen wünschen wir Ihnen, und wir bedanken uns für zwei aufregende Wochen. Mein Enkelkind Josephine kapiert schon, dass der Opa nun zuhören muss.

Herzlich, Martin Kühn und Nachbarn

Schon im November 2010 erwähnt Herrndorf im Blog seine Fanpost: „Bekomme jeden Tag Briefe und Karten, die ich nicht mehr beantworten kann. Grüße an dieser Stelle.“ Er antwortet dann doch: im Blog. „Den ganzen Abend mit C. zusammen Briefe von Schülern einer Frankfurter Schule gelesen“, schreibt er im Juni 2011. „Stellen natürlich auch tausend Fragen. Aber bitte um Verzeihung, zum Antworten fehlt die Zeit.“ Und anderthalb Jahre später, Oktober 2012: „Mädchenschönschrift, liniertes Papier, Realschule, Baden-Württemberg: ,Eigentlich hasse ich es Bücher zu lesen, aber das hier hat mir Spaß gemacht. Das ist auch das Beste was ich gelesen habe, aber ich habe eh nur 2 gelesen. Das andere war aber scheiße.‘“ Das ist die Herrndorf-Regel: Wenn man nur zwei Bücher im Leben liest – eins davon sollte „Tschick“ sein.

Im Verlag Rowohlt Berlin ist jetzt eine erweiterte Jubiläumsausgabe von „Tschick“ erschienen (288 Seiten, 20 Euro).



Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Veröffentlicht: 16.09.2020 15:01 Uhr