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Wladimir Kaminer zu Putin : Warum ich mich für meine Heimat schäme

Der russische Autor Wladimir Kaminer über seine Heimat: „Es wird mit den Jahren nicht leichter, Russland zu verteidigen.“ Bild: dpa

Der aus Russland stammende Bestsellerautor Wladimir Kaminer bezieht Stellung zum Ukraine-Konflikt. Und zwar ganz schön heftig.

          Heute schickte mir ein Freund aus Warschau einen Hinweis auf die Facebook-Seite von Wladimir Kaminer. Auch wenn ich üblicherweise nicht unbedingt auf Seiten von Bestsellerautoren recherchiere, blieb ich hier doch hängen. Und hoffe, dass dieser mutige, kompromisslose Text eine Millionenleserschaft finden wird wie die „Russendisko“ und all die anderen Bücher von Kaminer.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Schon der erste Satz des 1967 in Moskau geborenen Schriftstellers ist ein Bekenntnis, so klar wie russischer Wodka: „Ich schäme mich für meine Heimat“, heißt es da: „Ich schäme mich für meine Heimat, die unverantwortlich ihrem sogenannten Präsidenten folgend, die Welt an den Rand des Krieges bringt.“ Nicht alle Russen jubeln also dem Einmarsch in der Ukraine zu, dabei gibt es kaum zwei Völker, die einander näherstehen als eben Russen und Ukrainer.

          Wladimir Kaminer, der mit dreiundzwanzig nach Deutschland kam und viele Jahre Mitglied der „Reformbühne Heim & Welt“ war, wo er seine Geschichten vorlas und legendäre „Russendiskos“ veranstaltete, lebt heute mit seiner Familie im sicheren Prenzlauer Berg. Bei uns kämpft er seit je um den „guten Ruf“ seine Landsleute – „Nein, sage ich immer wieder in Interviews, nicht alle Russen sind schwulenfeindlich, nicht alle sind Rassisten, nicht alle unterstützen die Kriegsspiele ihres Präsidenten.“

          „Kleiner Mann ohne Frau und Freunde“

          Mit den Jahren wird ihm diese Aufgabe nicht unbedingt leichter gemacht. Wenn der in mehr als dreißig Sprachen übersetzte Autor dann einmal in seine alte Heimat fährt, fragt er die Freunde von einst: „Wie könnt ihr so leben?“ In einem Land, in dem jede Form der Freiheit unterdrückt und im Fernsehen gelogen werde, was das Zeug hält. „Ja, das sehen wir“, entgegneten die Freunde, „wir sind ja nicht blöd.“ Und fragen zurück, was sie davon hätten. „Die Menschen hier brauchen keine Freiheit, sondern günstige Kredite und bezahlbare Wohnungen.“ Das bekommen sie von Putin. „Niemand hier braucht Freiheit, außer Schwule, Minderjährige und ein paar Journalisten“, so ihr bitteres Fazit. Es war nie anders, und es wird nie anders werden“. Und das ist das schlichte Geheimnis seines Erfolgs.

          Die Erfahrung lehre allerdings, schließt Kaminer seinen Facebook-Eintrag, dass ein Volk, das auf seine Freiheit verzichte, früher oder später im Krieg lande und als Folge davon „im Mülleimer der Geschichte“. Aber wer sei schon Putin, dessen Name er im Text nicht einmal nennt, der vor fünfzehn Jahren nicht gewählt, sondern als „Nachfolger“ dem Volk vorgestellt worden sei? Seither habe er sich wählen lassen, und die Stimmen für alle Fälle selbst gezählt. „Ein kleiner, in einer sowjetischen KGB-Schule ausgebildeter Mann ohne Frau und ohne Freunde, von der Welt abgeschottet, von Minderwertigkeitskomplexen geplagt, regiert ein riesengroßes Land, in dem die Menschen jede Hoffnung aufgegeben haben, je ihre bürgerlichen Rechte zu erlangen.“

          Also plünderten sie Galerien, weil Putin moderne Kunst nicht mag, und schreien „Die Krim gehört uns“, weil er die Armee dort einmarschieren lasse. Viel kann man nicht tun, aber dass seine Landsleute nicht einmal darüber nachdächten, dass es ein Leben nach Putin geben wird, das wirft er ihnen schon vor. „Was machen sie dann?“ Zum Beispiel Musik. In der Russendisko wird samstags nur ukrainische Musik gespielt.

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