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Reihe „Mein Fenster zur Welt“ : Ausblick über den Krisenrand

Rom, Blicke: So sah Tischbein Goethe am Fenster im Jahr 1787. Bild: Picture-Alliance

Auf die Zukunft warten und aus dem Fenster schauen: über den wichtigsten Bündnispartner unseres Bewusstseins, Phantasie und Wirklichkeit in Zeiten der Quarantäne – und eine kommende Reihe von Beiträgen.

          3 Min.

          Da sitzen wir nun alle zu Hause und hoffen darauf, dass die Zukunft kommt. Lange nicht mehr so inständig erwartet, die Zukunft, meist doch nur eine von vielen Gästen, ob sie nun noch kommt oder nicht, der Abend wird sowieso ein Erfolg. Aber jetzt, wo alle Veranstaltungen, alle Fußballspiele und Dinnerpartys abgesagt sind und wir abgeschottet zu Hause am leeren Tisch sitzen, da fehlt sie uns doch sehr, die Zukunft. Zumindest eine kleine Aussicht auf das, was kommen mag, hätte man jetzt gerne.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie lange bleiben die Schulen geschlossen? Wann kommt ein erfolgreicher Impfstoff, ein Mittel gegen Corona? Werden wir unsere Großeltern wiedersehen? Können wir morgen noch ungestraft auf die Straße gehen?

          Wir sind jetzt allein mit diesen Fragen. Auf sozialen Umgang sollen wir möglichst verzichten, ruft uns die Politik zu, das Versammlungsrecht hat sie drastisch eingeschränkt, die Bewegungsfreiheit ist faktisch nicht mehr vorhanden. Das werden einsame Wochen, die jetzt vor uns liegen. Wir werden schmerzlich erfahren, dass es nur mit der digitalen Illusion von Gemeinschaft nicht geht, die „sozialen Netzwerke“ an sich nicht ausreichen, um sich „in Gesellschaft“ zu fühlen.

          Eine Manifestationsmöglichkeit von Freiheit

          Was uns bleibt, sind die Nachrichten. Die Tickermeldungen und Live-Streams, die Fernsehreportagen und Zeitungskommentare. Für manche auch die Bücher, die Bildbände und Fernsehserien. Für andere die Kleinfamilie, das Liebesleben – in Kanada soll der Online-Absatz von Sexspielzeugen seit ein paar Tagen deutlich gestiegen sein, in Frankreich wurden mehr Kondome gehamstert als Toilettenpapier – oder die Telefonate mit alten, lange schon vernachlässigten Freunden. Im Grunde sind wir jetzt aber alle gleich isoliert. Und das ist wiederum eine tröstliche Vorstellung – das Virus kümmert sich nicht um Identitätsfragen, kennt keine Privilegierten oder Opfergruppen, vor ihm sind alle gleich. Es hat quasi über Nacht mit der Identitätspolitik aufgeräumt und das Universalideal zurück in sein Recht gesetzt.

          Das Fenster wird in diesen Tagen zum wichtigsten Bündnispartner unseres Bewusstseins. Durchs Fenster schauen wir auf eine Welt, „die eine andere ward, als uns begann“ (Gottfried Benn), durchs Fenster dringen Sonnenstrahlen zu uns, schauen wir auf ratlos rauchende Nachbarn, hören wir die Sirenen der Krankenwagen, den fernen Klang der Kirchglocken und das Bellen der Hunde. In Zeiten von Versammlungsverboten bieten Fenster letzte Manifestationsmöglichkeiten von Freiheit, wie in Siena, wo sie abends am geöffneten Fenster stehen und sich gemeinsam über die menschenleere Straße hinweg Mut zusingen, „Viva la nostra Siena/ la più bella delle città“. Oder in Madrid, wo sie dem tapferen medizinischen Personal vom Fenster aus Ovationen bringen.

          In loser Folge

          Jetzt, wo so viele zu Hause bleiben müssen – von Ausgangssperren wie in Italien werden auch andere Länder, werden auch wir wohl nicht verschont bleiben –, jetzt, wo die Hoffnung auf eine Besserung der Lage immer nur von einer weiteren unvorstellbaren Maßnahme verdrängt wird – hieß es nicht immer und bis zuletzt noch, man könne Grenzen gar nicht schließen? –, jetzt, wo die Angst wächst und das Vertrauen sinkt, wird das Fenster zum fundamental wichtigen Bestandteil unserer Behausung, weil es Sicherheit und Aussicht zugleich bietet.

          Wir werden alle viel am Fenster stehen in der nächsten Zeit – vom slowenischen Budenbesitzer bis zum kanadischen Premierminister –, werden hinausschauen und uns fragen, welche Welt das sein wird, in die wir irgendwann wieder zurückkehren sollen. Schriftstellerinnen und Schriftsteller trifft die verordnete Quarantäne, sofern sie von Büchern leben und nicht von Auftritten, vielleicht weniger hart als andere Berufsgruppen. Sie sind das Zu-Hause-Sitzen gewohnt, schätzen den Rückzug, lieben die Stille – aber eine solche Totenstille draußen, wie sie sich im Moment gerade über Europa und weite Teile des Erdballs legt, haben auch sie noch nie gehört. Was sehen sie, wenn sie jetzt aus ihren Fenstern schauen? Mit was für einem Gefühl blicken sie nach draußen? Sehen sie Zeichen an der Wand? Überquellende Mülltonnen im Hof? Polizeieinsätze im Café gegenüber? Bäume, die trotz allem blühen?

          In loser Folge sollen hier Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der ganzen Welt Blicke aus ihren Fenstern werfen. Und uns damit von ihrem Blick auf diese Krisenwelt erzählen. Vielleicht kann dadurch ein Sinn für die globale Gemeinschaft der Isolierten entstehen, eine Lagebestimmung durch die Augen der anderen. Vielleicht hilft das gegen die Unsicherheit. Bringt einen Hauch Vertrauen: Wir schauen zusammen. Und lesen uns weiter.

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