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Neue Biographie von Franz Marc : Er radikalisierte sich im Namen der Reinheit

  • -Aktualisiert am

„Liegender Hund im Schnee“ (1911): Franz Marc ist bekannt für seine Tiermalerei. Laut Biograph Wilfried F. Schoeller hatte er genau dieser abgeschworen. Bild: Städel-Museum Frankfurt

Vor hundert Jahren fiel der Maler Franz Marc im Ersten Weltkrieg: Eine neue Biographie räumt mit zwei hartnäckigen Legenden auf. Ein Gespräch mit ihrem Verfasser Wilfried F. Schoeller.

          In Ihrer Biographie begegnen wir einem Franz Marc, der überraschend von dem Bild abweicht, das man sich bisher von ihm gemacht hat.

          Jeder Biograph erzählt nicht nur ein fremdes Leben, sondern legt sich seine Figur in die Nähe, macht einen Entwurf von ihr. In diesem Fall verhält es sich etwas anders: Franz Marc wirkt infolge der Myriaden von Reproduktionen seiner Bilder selbst wie ein alter Bekannter, von dem das Wissenswerte offensichtlich ist. Seine Popularität entstand aus dem Anschein von Traulichkeit. Mein methodischer Vorsatz war, den Legendenschutt abzuräumen, der sich angehäuft hat, Übermalungen abzutragen und die Wiederholungsschleifen des Kunstbetriebs zu entkräften.

          Sie haben zuvor bereits die Biographie des Schriftstellers Alfred Döblin geschrieben. Was hat Sie an Franz Marc gereizt?

          Ich sehe Franz Marc als eine emblematische Figur der Lebensphilosophie um die Jahrhundertwende, die mit Nietzsche ihren großen Anstifter hat. Nietzsche war nicht nur Marcs, sondern zum Beispiel auch Alfred Döblins Abgott. Dieser Doppelspur bin ich nachgegangen, habe erstmals Querverbindungen zum literarischen Expressionismus gesucht und überraschende Parallelen entdeckt, obwohl Marc sich von dem literarischen Kreis, der sich um den „Sturm“ gebildet hatte, entschieden distanzierte. Zum Zweiten war für mich faszinierend, wie Marc aus seinen bipolaren seelischen Anlagen heraus agiert. Das Widerspiel großer Gegensätze bestimmt ihn, lässt ihn in seinen Lehrjahren als Maler fast ohne Werk erscheinen, bis er in weniger als einem Jahrzehnt seine Kräfte entfaltet. Zum Dritten: Marc war ein Genie der Freundschaft und um sein natürliches Wirkungstalent sammeln sich die Geister der malerischen Vorkriegsavantgarde.

          Fangen wir mit der Legende von Marc als Kriegsfreiwilligem an. Sie haben die Akten und Zeugnisse studiert und kommen zu einem anderen Ergebnis.

          Sein Status als Kriegsfreiwilliger galt lange Jahrzehnte als unumstößliche Wahrheit. Von ihr bleibt nichts übrig. Marc wurde sofort bei Kriegsbeginn eingezogen. Er hatte sich zwischen 1903 und 1905 an den vorgeschriebenen Wehrübungen nicht beteiligt, weil immer wieder eine Malaise oder eine Unabkömmlichkeit dazwischenkam; danach wurde er zurückgestellt, 1912 zur Landwehr versetzt. Hat er sich vielleicht gar wie Thomas Manns Felix Krull durchgeschwindelt, um den Übungen zu entgehen?

          Sie vermuten, dass Maria Marc, seine Ehefrau und Kriegsgegnerin, die Legende aufgebracht hat. Warum?

          Die deutschfromme Legende vom Kriegsfreiwilligen vereinfachte das komplexe Bild, das der Soldat Marc gegeben hatte. Sie bot einen Schlussstein im Pantheon der nationalen Opfer, das den Hingestreckten postum die Aufgabe zuwies, die militärische Niederlage und die Sinnlosigkeit des Krieges umzuwerten. Marcs Ehefrau, eine oft kluge und überlegene Pazifistin, nutzte diese Stimmung, um seinem Werk größere Geltung zu verschaffen, engte aber damit ungewollt seine mögliche internationale Ausstrahlung ein.

          Wie erklären Sie sich, dass sich diese Geschichte danach so lange halten konnte?

          Wilfried F. Schoellers Biographie „Franz Marc“ ist bei Hanser erschienen (400 S., geb., 26,-€).

          Marcs nationale Aufgabe, die ihm post mortem in den zwanziger Jahren verstärkt übertragen wurde, hat auch Ernst Jünger beschäftigt. Bis Mitte der dreißiger Jahre schützte ihn sein Ruf als edles Opfer für die deutsche Sache vor der nazistischen Verdammung. Man konnte sogar sein Parteigänger und zugleich Nationalsozialist sein wie im Falle des Kunsthistorikers Alois J. Schardt, der im „Kampfbund für deutsche Kultur“ aktiv war und 1936, zum zwanzigsten Todestag des Künstlers, eine erste Biographie vorlegte. Danach wurde allerdings anders entschieden: Schardt verlor alle seine Ämter und emigrierte, jede Ausstellung Marcs wurde samt der Biographie verboten. Aber noch aus der „Entarteten“-Ausstellung von 1937 wurde Marcs Gemälde „Turm der blauen Pferde“ wieder entfernt, weil sein Regiment gegen die Verunglimpfung eines Kriegshelden protestierte. Als die Zeiten nach 1945 weniger Heroismus-Bedarf hatten, wurde er wiederum umgewertet: zur Ikone der deutschen Innerlichkeit.

          Marc hat den Ausbruch des Krieges begrüßt. Sie beschreiben seine Haltung als einen „staatsfernen Patriotismus“. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

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