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Literaturfestival lit.Cologne : Die Grenze haben sie einfach mitgenommen

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Im Jahr 2017 sprach Carolin Emcke auf der Lit.Cologne über ihr Buch „Gegen den Hass“. Bild: dpa

Persönlich eingefärbte literarische Wortmeldung gegen den Bedeutungszuwachs, den Mauern, Zäune und Identitätsabgrenzungen gegenwärtig erfahren: In Köln hegen sieben Autoren den Grenzbegriff ein.

          Es macht nicht zuletzt den Reiz der lit.Cologne aus, dass sie immer wieder die Grenzen eines Literaturfestivals überschreitet: ins Politisch-Agitatorische, menschelnd Anekdotische oder selbst Literaturfabrikatorische. In diesem Jahr stach in dieser Hinsicht ein gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung veranstalteter Abend heraus, der alle drei Überschreitungen in sich vereinte: als persönlich eingefärbte literarische Wortmeldung gegen den Bedeutungszuwachs, den Mauern, Zäune und Identitätsabgrenzungen gegenwärtig erfahren. Carolin Emcke, die bei dem Kölner Festival ein Stück weit Roger Willemsens Vorwärtsverteidigung des Gutmenschentums gegen zynische Häme übernommen hat, hatte hierzu sechs Literaten gebeten, freie Texte zu verfassen. Ob es sich dabei um „die aufregendsten, radikalsten und elegantesten Autoren und Autorinnen der Republik“ handelt, sei dahingestellt; Grenzgänger sind sie allesamt.

          Der Abend begann als Oberseminar. Frank Witzel analysierte Ingeborg Bachmanns Umgang mit Länder-, Geschlechter- und Gesundheitsgrenzen. Jede Entgrenzung richte neue Grenzen auf. Dies stellte Witzel der harschen Abgrenzung in Richtung Polen gegenüber, an der seine Mutter aus eigener Identitätsverwirrung festhielt. Über Luhmann – die Grenze als das durch sich selbst ausgegrenzte Dritte –, Maurice Halbwachs, Lévi-Strauss, Jan Assmann und Manuel Castells schraubte sich der vermutlich ungelesenste aller Träger des Deutschen Buchpreises zu diesem Satz hoch: „Grenze als Marker zu sehen, als Möglichkeit eines Übergangs und Hinweis auf ein Entwicklungspotential, würde ihr vielleicht etwas von der Rolle nehmen, die ihr im Vorgang der Personifizierung oft als Herrschaftsinstrument zugedacht wird.“ Keine atmenden, sondern geatmete Grenzen also.

          So berechtigt der Saal aufzustöhnen schien, ist der Gedanke dahinter ein einfacher und schöner: Grenzen nicht schlicht abzulehnen, sondern zu bewirtschaften – so wie Satelliten Schwung holen an Planeten, die sie anziehen und zerschellen lassen würden –, könnte der paralysierenden Sicht von ihrer Unauflösbarkeit, die in vielen der übrigen Beiträge anklang, etwas entgegensetzen. Senthuran Varatharajah etwa beschrieb in einem lyrischen Lamento die Haut als absolute Grenze, die die Vereinigung zweier Körper nie vollkommen werden lasse, woraus sich die kannibalistische Metaphorik in der Sprache der Liebe erkläre (Kinder, die Inkarnation dieser Vereinigung, wurden bezeichnenderweise nicht erwähnt). Lena Gorelik, 1992 mit ihrer Familie aus St. Petersburg nach Deutschland ausgewandert, betrachtete ebendiese Übersiedelung ins absolute Außen, in den märchenhaft überhöhten Westen: Die Grenze nahm man mit, sie legte sich nun um die Familie. So wurde der Vater bei einer Reise nach Paris nicht nach Frankreich eingelassen, weil er kein Visum besaß. Er musste den Bus verlassen und zurücktrampen, eine Scham-Erfahrung, die tiefe Spuren hinterließ.

          Sharon Dodua Otoo, mindestens so sehr Aktivistin wie Literatin, beklagte in einer appellhaften Rede die der „Gleichmacherei“ inhärenten Abgrenzungen, etwa die verlogene Zusicherung, Hautfarbe würde gar nicht wahrgenommen. Dahinter stehe ein gefährliches „Empathiegefälle“: „Interkulturelle Kompetenz haben, wenn überhaupt, nur die Weißen; alle anderen sind höchstens gut integriert.“ Dieses Beharren auf Differenz in der Einheit stand also nur scheinbar Sherko Fatahs Eingeständnis entgegen, auch er habe schon „das europäische Subjekt verraten“, als er instinktiv dachte, die als mordende Kriegstouristen in IS-Gebiete gereisten Söhne und Töchter des Westens seien „nicht unsere“, sondern „Kinder von Einwanderern, bei denen die Integration nicht funktioniert hat“. Das habe er inzwischen als überhebliche Selbstabgrenzung durchschaut. Ob und wie sich das europäische Subjekt aber retten lässt, war von Fatah nicht zu erfahren.

          Sasha Marianna Salzmann ließ ein erzählendes Ich sich in Berlin orientierungslos fühlen, während Flüchtlinge aus aller Welt dort ihre Heimat suchen und Orte wie das Tempelhofer Feld arglos überschreiben. Es war aber dann die Gastgeberin selbst, die in einer sie sichtlich bewegenden Erinnerung an den zu Gewaltausbrüchen neigenden Großvater – Emcke suchte in seinen Kriegserinnerungen nach Spuren der Erschütterung – daran erinnerte, dass immunisierende Abschottung hierzulande eine lange Tradition hat, die eng mit Schuldgefühlen und Verdrängung zusammenhängt. Ob sich diese Grenze im Sinne Witzels fruchtbar machen lässt, bleibt fraglich. Das beste Mittel der Entgrenzung aber, das hat der Abend gezeigt, bleiben immer noch die Sprache und die Literatur.

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