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Erklärung der Leseforscher : Wir wissen zu wenig, wir denken zu einseitig

Charlotte Brontës junge Heldin war beim Blättern in einem Buch glücklich wie selten. Diese speziell dafür vorbereitete Ausgabe von „Jane Eyre“ lässt sich nach der Lektüre so falten, dass – wahlweise — eine Aufforderung oder eine Verlockung zu lesen ist. Bild: Studio Fun International , www.studiofun.com

Ein Elefant steht im Raum und mahnt zur Sorgfalt: Wie die Stavanger-Erklärung zur Zukunft des Lesens zu lesen ist.

          Mehr als hundertdreißig Forscher aus mehr als dreißig Ländern: Schon die einfachsten Zahlen des Netzwerks E-READ sind beeindruckend – noch bevor es um die Diversität der Institutionen, Denkrichtungen, Forschungsansätze und Erkenntnistheorien dieser Wissenschaftler geht, die seit vier Jahren in regem Austausch erkunden, wie sich unsere zentrale Kulturtechnik, das Lesen, in einer der größten Umwälzungen schützen und weiterentwickeln lässt, denen sie in den etwa 5200 Jahren ausgesetzt war, in denen der Mensch nachweisbar liest.

          Unabhängig davon, ob es sich um Buchhistoriker oder Pädagogen, um Geisteswissenschaftler oder Hirnforscher handelt, ob sie mit alten Quellen oder neuesten Methoden arbeiten, die Wissenschaftler gehen dabei von einer Grundeinsicht aus, die banal klingen würde, wüsste man nicht, wie umstritten sie ist: Sie begreifen die Digitalisierung als unumkehrbaren und durchaus auch aussichtsreichen Entwicklungssprung. Dass sie in ihren Folgen unabsehbar ist, macht die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr so wichtig – und das Forschernetzwerk mit seinen vielen Stimmen, Fachsprachen und Zugängen so interessant: aufgeschlossen und unvoreingenommen, sorgfältig und multiperspektivisch, eine ausgewogene Stimme, ein Chor vielmehr neben den Marktschreiern der Technologiekonzerne, neben den eiligen Warnrufern, die behaupten, die Gesellschaft, der Wirtschaftstandort, das Land würde abgehängt, wenn wir uns nicht augenblicklich alle den vermeintlichen Gesetzen und Geboten der Digitalisierung unterordneten – und neben denen auf der anderen Seite, die am liebsten immer noch den Stecker zögen, die das Internet für Teufelszeug halten und der Zeit nachtrauern, in der Papier die einzig brauchbare Methode war, um Geschriebenes zu speichern.

          Dabei bietet die Digitalisierung viele Chancen nicht nur in der Verarbeitung, Veröffentlichung und Verbreitung von Texten, sondern zum Beispiel auch dabei, Menschen mit Leseschwierigkeiten Zugang zu einer Informationsquelle zu erleichtern, die der Omnipräsenz des Audiovisuellen zum Trotz unverzichtbar bleibt. Je genauer das Material, die Programme und Geräte dabei auf die Bedürfnisse und Vorlieben des Einzelnen abgestimmt werden, umso leichter können zum Beispiel funktionale Analphabeten lesen lernen. Das heißt aber noch lange nicht, dass auch für alle Leseanfänger in der Grundschule der Bildschirm das ideale Einstiegsmedium wäre. Der so häufig angemahnte schnelle Wechsel in digitale Lernumgebungen für alle Kinder wird deren Lese- und Lernfähigkeit beeinflussen. Wenn die Forscher feststellen, der unbedachte Übergang zu digitalen Lernumgebungen könne zu einer Verzögerung in der Entwicklung des kindlichen Leseverständnisses und des kritischen Denkens führen, muss man diese forschungsbasierte Warnung von digitalpessimistischen Behauptungen unterscheiden, die keine Grundlage haben außer diffusem Unbehagen.

          Konkrete Forderungen nach konkreten Erkenntnissen

          So verlockend Pauschalisierungen gerade in der Digitalisierungsdiskussion auch scheinen: Sie führen zu einer Polarisierung, bei der auf der einen Seite der Anschluss an einen eindrucksvollen Entwicklungsstand und ein großes Entwicklungspotential verlorenzugehen droht – und auf der anderen Seite allerdings der Rückgriff auf Leseweisen, für die wir bislang noch keine verlässlichen, vermittelbaren Verfahren kennen, um sie auch auf Bildschirmen anzuwenden, auf all den digitalen Geräten vom Tischrechner zum Smartphone. Das vertiefte Lesen mit seinem Höchstmaß an Nachvollzug und Einfühlung, an Aufnahme-, Anbindungs- und Anwendungsbereitschaft ist – zumindest bei Sachtexten, vor allem unter Zeitdruck, unabhängig von Alter und Einstellung der Leser zur Digitalisierung – auf Bildschirmen schwerer als auf Papier. Das ist einer der zentralen Befunde aus vier Jahren Forschungsarbeit.

          Wenn man liest, mit welcher Vorsicht die wichtigsten Erkenntnisse dieser gemeinsamen Zeit in der Stavanger-Erklärung formuliert sind und wie viele Fragen, dringliche Fragen, noch offenbleiben, könnte man sich fragen, was in aller Welt all diese Leute die ganze Zeit über gemacht haben. Die Antwort: Sie haben eben geforscht und nicht wie viel zu oft grundlagenlos gefordert oder gemeint. Sie haben problem- wie lösungsorientiert geforscht, im Kleinen, im Klaren. Und sie haben die Ergebnisse interdisziplinär diskutiert. Aus konkreten Erkenntnissen haben sie konkrete Forderungen und weitere Fragen abgeleitet, in denen es zunehmend darum geht, die Ergebnisse der Arbeit der vergangenen vier Jahre in die pädagogische, psychologische und technologische Praxis zu übersetzen. Zuletzt haben sie mit weiteren Experten aus Europa und Nordamerika eine Initiative namens „Medium Matters“ gegründet, um die Ergebnisse ihrer empirischen Forschung Politikern, Lehrern, Eltern und Unternehmen zu vermitteln.

          Was bisher geschah, kann man sich so vorstellen wie im berühmten Gleichnis von den je nach Überlieferung vier, fünf, sechs blinden Weisen, die gemeinsam einen Elefanten abtasten, jeder an einer anderen Körperstelle, um sodann ihre Erkenntnisse, divers, wie sie sind, mit aller Überzeugung voreinander zu vertreten. Mehr als hundertdreißig Forscher haben sich auf einen Elefanten geeinigt – so könnte man die Nachricht, die in der Stavanger-Erklärung steckt, überspitzt zusammenfassen. Jetzt steht der Elefant im Raum. Dort, wohin er gehört. Wir können ihn nicht länger ignorieren.

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