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Literaturarchiv Marbach : Ein Ruf steht in Gefahr

Wieder Krach im Literaturarchiv Marbach: Hier lagert das Gold der deutschen Literatur. Bild: Rainer Wohlfahrt

Es herrscht ziemlich miese Stimmung im Marbacher Deutschen Literaturarchiv. Vertritt die neue Chefin eine Lufthansa-Germanistik ohne Gefühl für lokale Erfordernisse?

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          Das Schöne an Nationaldichtern ist, dass sich in ihren Werken zu jeder erdenklichen Lebenssituation treffende Sätze finden lassen. „Rang und Macht, die lächerlichen Flitter, / Fallen ab am Tage des Gerichts, / Fallen ab wie Blätter im Gewitter, / Und der Pomp – ist nichts!“, heißt es in Schillers „Totenfeier am Grabe Philipp Friederich von Riegers“. An diese Zeilen könnte Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs (DLA) in Marbach am Neckar, in diesen Tagen gedacht haben. Denn Richters Macht an Schillers Geburtsort, wo die Goldreserven der deutschen Literatur, Philosophie und Wissenschaft archiviert sind, ist bedroht.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Kurz nach ihrem offiziellen Amtsantritt im Januar 2019 schuf die Direktorin rasch Tatsachen und traf zwei Personalentscheidungen, die offenbar fast alle der 260 Mitarbeiter gegen sie aufgebracht haben: Richter setzte die Kündigung der langjährigen Verwaltungsdirektorin Dagmar Janson durch und war mit der Rückkehr ihrer Vertrauten Heike Gfrereis Anfang Januar als Leiterin des „Literaturmuseums der Moderne“ einverstanden.

          Eine „künstlerisch denkende Person“

          Normalerweise brauchen Kulturmanager für die Analyse komplexer Kultureinrichtungen mindestens ein gutes Jahr, um Machtverhältnisse, Seilschaften und informelle Strukturen zu verstehen. Sandra Richter nahm sich diese Zeit nicht. Teile der Belegschaft auf der Marbacher Schillerhöhe sind empört, viele Mitglieder des Kuratoriums der Schillergesellschaft irritiert – und sogar im baden-württembergischen Landtag haben einige vernommen, dass es in Marbach gewaltig knirscht. Der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir fragt in einer Anfrage an die Wissenschaftsministerin besorgt, ob die Konflikte in Marbach „das nationale und internationale Renommee des Hauses“ beeinträchtigen könnten. Dazu muss man wissen, dass Marbach nicht nur ein schwieriges Pflaster ist, sondern geradezu ein kontaminiertes Gelände: „Marbach war schon immer eine Art Ferienlager mit vielen verbitterten Feindschaften und andererseits fast familiären Beziehungen. Es fehlt bis heute eine professionelle Tonlage“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.

          Sandra Richter leitet seit 2019 das Deutsche Literaturarchiv in Marbach.

          Nach Auseinandersetzungen im DLA zwischen dem früheren Direktor Ulrich Raulff und Gfrereis hatte der Vorstand der Schillergesellschaft beschlossen, die Museumsleiterin vom Januar 2017 bis Juni 2019 zu beurlauben und ihr danach keine Personalverantwortung mehr zu geben. Doch kehrte Gfrereis schon im Januar 2019, pünktlich zu Richters Amtsübernahme, zurück und wurde wieder Museumsleiterin. Ihre Fans sagen, sie sei eine „künstlerisch denkende Person“, das habe zur Mentalität der Archivare nie gepasst. Ihren zahlreichen Kritikern fallen, wenn das Gespräch auf sie kommt, unflätige Zeichnungen des jungen Schiller ein, auf denen Personen Handstände vollbringen.

          Desolate Verhältnisse?

          Sicher ist, dass sich der Betriebsrat genötigt sah, sich mit dem Fall Gfrereis intensiv zu befassen, als im Sommer 2018 über ihre mögliche Rückkehr diskutiert wurde. Der Betriebsrat äußerte damals die Sorge, dass es prophylaktische Kündigungen geben könnte, wenn sie zurückkehre. Im Vorstand der Schillergesellschaft wurde diskutiert, ob den Fall eine externe Kommission untersuchen müsse oder ob ein „Coaching“ ausreiche. Die Kritiker der Museumsleiterin konnten sich nicht durchsetzen. Der Betriebsrat hielt den Vorgang für sehr gravierend und verlangte nach einer Vorstandssitzung im November 2018, die Bedenken gegen die Rückkehr von Gfrereis im Sitzungsprotokoll festzuhalten – auch das unterblieb.

          „Das in Rede stehende Protokoll ist, wie bei der Niederschrift zu Gremiensitzungen von Deutscher Schillergesellschaft und DLA üblich, ein Ergebnisprotokoll, kein Verlaufsprotokoll. Der Betriebsrat hatte zu dem besagten Tagesordnungspunkt ein Verlaufsprotokoll gewünscht. Dem folgte der Vorstand damals nicht, weil er keinen Grund sah, vom gewohnten Protokollformat abzuweichen“, sagt Peter-André Alt, Präsident der Schillergesellschaft und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Wenn der Betriebsrat unterstelle, die Situation in Marbach sei mittlerweile „desolat“, dann stehe das im „offenkundigen Gegensatz zur objektiven Situation“. Eine Untersuchungskommission sei nicht erforderlich, die Arbeitsfähigkeit von Museum und Archiv sei vollumfänglich gesichert.

          Personalquerelen und Durchstechereien

          In dem Brief, den Alt am 7. Juli 2020 an die Betriebsrätin Ulrike Weiß schrieb, liest sich das allerdings etwas anders. Dort schreibt Alt über die von Sandra Richter mitverantwortete Entlassung der Verwaltungsdirektorin: „Es versteht sich, dass die Vakanz einer zentralen Leitungsposition eine besondere Belastung für jede Institution bedeutet.“ Anders gesagt, könnten die ehrgeizigen Projekte des Hauses – der Bau eines neuen Magazingebäudes, die Digitalisierung und die Professionalisierung – ohne Verwaltungsdirektor erheblich ins Stocken geraten. Zur Entlassung der Verwaltungschefin sagt Alt nun: „Die Freistellung erfolgte im April 2020. Aufgrund eines nicht abgeschlossenen arbeitsrechtlichen Verfahrens kann zur Sache nichts ausgeführt werden.“

          Nach dieser Auseinandersetzung war das Vertrauensverhältnis zwischen der Betriebsratsvorsitzenden und dem Vorstand der Schillergesellschaft endgültig zerrüttet, weshalb sich Ulrike Weiß mit einem Brief an das Kuratorium wandte. Dem Schreiben beigefügt waren anonymisierte Mails von Mitarbeitern. Sie äußerten sich angsterfüllt über eine Rückkehr der Museumsleiterin Gfrereis.

          Geschicktes Antichambrieren bei den Entscheidern

          Die Personalquerelen und Durchstechereien sind für Sandra Richter eine harte Nervenprobe. Viele erfahrene Mitarbeiter halten den Ausgang des Streits für offen: Es könne sein, dass die Direktorin schon bald scheitere – an ihrem „überbordenden Egoismus“, ihrer gering ausgeprägten Empathie für Mitarbeiter, vielleicht auch an den Ressentiments im Haus. „Interviews im Lufthansa-Magazin gefallen hier nicht allen“, heißt es. Über Richters Veröffentlichungen lästern Fachkollegen gern, das sei „Positivismus für Arme“. Andere, die in Marbach einen großen Reformbedarf sehen, hoffen auf Richter: „Sie war immer eine gute Verhandlerin. Jetzt muss sie moderieren, sie braucht in der zweiten Reihe gute Leute, die ihre Projekte umsetzen. Denn der Bund und das Land, ihre Zuwendungsgeber, wollen irgendwann sehen, dass etwas passiert“, sagt ein früherer Mitarbeiter aus Marbach.

          Richter, die gern erzählt, wie sie sich als Tochter eines Tischlers und einer Zigarrenmacherin in den Olymp der deutschen Germanistik hochgearbeitet hat, hat die Übernahme der Führung in Marbach jahrelang vorbereitet. Als der Vertrag ihres Vorgängers Ulrich Raulff Ende 2013 bis 2018 verlängert wurde, stand sie schon im lange im Startblock, baute ihr politisches Netzwerk geschickt aus. Bei der Suche nach der Raulff-Nachfolge musste ihr Name zwangsläufig fallen, es war das Ergebnis von geschicktem Antichambrieren bei den Entscheidern. Für viel Unmut sorgte, dass sie beim baden-württembergischen Wissenschaftsministerium ein großzügiges Rückkehrrecht auf ihren Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur in Stuttgart ausverhandelte und auch ihre Residenzpflicht in Marbach minimiert haben soll. Am Institut für Literaturwissenschaft in Stuttgart, das lange Jahre von Heinz Schlaffer geprägt wurde, fürchtet man ein Scheitern Richters, weil die Zeit mit ihr konfliktreich war.

          Die Probleme in Marbach haben auch institutionelle Ursachen: Dass die Schillergesellschaft mit schwindender Mitgliederzahl als Verein eine Kultureinrichtung von nationaler Bedeutung trägt, ist ungewöhnlich und ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Seit der Satzungsreform 2012 sind die Geldgeber, also das Land und der Bund, im Kuratorium der Schillergesellschaft deutlich stärker vertreten.

          Besser wäre es vermutlich, das Literaturmuseum der Moderne, das Archiv, die Bibliothek und das Schiller-Nationalmuseum in eine Stiftung zu überführen und das DLA von einer Doppelspitze, also einem wissenschaftlichen und einem geschäftsführenden Direktor, führen zu lassen. „Sandra Richter“, sagt ein Wissenschaftler, der lange auf der Schillerhöhe gearbeitet hat, „hätte erst die Herzen der Belegschaft gewinnen müssen.“ Wer „ein Rad abschraubt“ und der Verwaltungschefin kündigt, müsse ein „Reserverad“ haben. Das Wissenschaftsministerium in Stuttgart teilte mit, Sandra Richter habe einen Masterplan für Neubauten, Sanierung und Digitalisierung entwickelt, die öffentliche Reputation des DLA sei weiterhin hoch.

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