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Literaturarchiv Marbach : Ein Ruf steht in Gefahr

Wieder Krach im Literaturarchiv Marbach: Hier lagert das Gold der deutschen Literatur. Bild: Rainer Wohlfahrt

Es herrscht ziemlich miese Stimmung im Marbacher Deutschen Literaturarchiv. Vertritt die neue Chefin eine Lufthansa-Germanistik ohne Gefühl für lokale Erfordernisse?

          5 Min.

          Das Schöne an Nationaldichtern ist, dass sich in ihren Werken zu jeder erdenklichen Lebenssituation treffende Sätze finden lassen. „Rang und Macht, die lächerlichen Flitter, / Fallen ab am Tage des Gerichts, / Fallen ab wie Blätter im Gewitter, / Und der Pomp – ist nichts!“, heißt es in Schillers „Totenfeier am Grabe Philipp Friederich von Riegers“. An diese Zeilen könnte Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs (DLA) in Marbach am Neckar, in diesen Tagen gedacht haben. Denn Richters Macht an Schillers Geburtsort, wo die Goldreserven der deutschen Literatur, Philosophie und Wissenschaft archiviert sind, ist bedroht.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Kurz nach ihrem offiziellen Amtsantritt im Januar 2019 schuf die Direktorin rasch Tatsachen und traf zwei Personalentscheidungen, die offenbar fast alle der 260 Mitarbeiter gegen sie aufgebracht haben: Richter setzte die Kündigung der langjährigen Verwaltungsdirektorin Dagmar Janson durch und war mit der Rückkehr ihrer Vertrauten Heike Gfrereis Anfang Januar als Leiterin des „Literaturmuseums der Moderne“ einverstanden.

          Eine „künstlerisch denkende Person“

          Normalerweise brauchen Kulturmanager für die Analyse komplexer Kultureinrichtungen mindestens ein gutes Jahr, um Machtverhältnisse, Seilschaften und informelle Strukturen zu verstehen. Sandra Richter nahm sich diese Zeit nicht. Teile der Belegschaft auf der Marbacher Schillerhöhe sind empört, viele Mitglieder des Kuratoriums der Schillergesellschaft irritiert – und sogar im baden-württembergischen Landtag haben einige vernommen, dass es in Marbach gewaltig knirscht. Der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir fragt in einer Anfrage an die Wissenschaftsministerin besorgt, ob die Konflikte in Marbach „das nationale und internationale Renommee des Hauses“ beeinträchtigen könnten. Dazu muss man wissen, dass Marbach nicht nur ein schwieriges Pflaster ist, sondern geradezu ein kontaminiertes Gelände: „Marbach war schon immer eine Art Ferienlager mit vielen verbitterten Feindschaften und andererseits fast familiären Beziehungen. Es fehlt bis heute eine professionelle Tonlage“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.

          Sandra Richter leitet seit 2019 das Deutsche Literaturarchiv in Marbach.
          Sandra Richter leitet seit 2019 das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. : Bild: dpa

          Nach Auseinandersetzungen im DLA zwischen dem früheren Direktor Ulrich Raulff und Gfrereis hatte der Vorstand der Schillergesellschaft beschlossen, die Museumsleiterin vom Januar 2017 bis Juni 2019 zu beurlauben und ihr danach keine Personalverantwortung mehr zu geben. Doch kehrte Gfrereis schon im Januar 2019, pünktlich zu Richters Amtsübernahme, zurück und wurde wieder Museumsleiterin. Ihre Fans sagen, sie sei eine „künstlerisch denkende Person“, das habe zur Mentalität der Archivare nie gepasst. Ihren zahlreichen Kritikern fallen, wenn das Gespräch auf sie kommt, unflätige Zeichnungen des jungen Schiller ein, auf denen Personen Handstände vollbringen.

          Desolate Verhältnisse?

          Sicher ist, dass sich der Betriebsrat genötigt sah, sich mit dem Fall Gfrereis intensiv zu befassen, als im Sommer 2018 über ihre mögliche Rückkehr diskutiert wurde. Der Betriebsrat äußerte damals die Sorge, dass es prophylaktische Kündigungen geben könnte, wenn sie zurückkehre. Im Vorstand der Schillergesellschaft wurde diskutiert, ob den Fall eine externe Kommission untersuchen müsse oder ob ein „Coaching“ ausreiche. Die Kritiker der Museumsleiterin konnten sich nicht durchsetzen. Der Betriebsrat hielt den Vorgang für sehr gravierend und verlangte nach einer Vorstandssitzung im November 2018, die Bedenken gegen die Rückkehr von Gfrereis im Sitzungsprotokoll festzuhalten – auch das unterblieb.

          „Das in Rede stehende Protokoll ist, wie bei der Niederschrift zu Gremiensitzungen von Deutscher Schillergesellschaft und DLA üblich, ein Ergebnisprotokoll, kein Verlaufsprotokoll. Der Betriebsrat hatte zu dem besagten Tagesordnungspunkt ein Verlaufsprotokoll gewünscht. Dem folgte der Vorstand damals nicht, weil er keinen Grund sah, vom gewohnten Protokollformat abzuweichen“, sagt Peter-André Alt, Präsident der Schillergesellschaft und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Wenn der Betriebsrat unterstelle, die Situation in Marbach sei mittlerweile „desolat“, dann stehe das im „offenkundigen Gegensatz zur objektiven Situation“. Eine Untersuchungskommission sei nicht erforderlich, die Arbeitsfähigkeit von Museum und Archiv sei vollumfänglich gesichert.

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