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Popliteratur : Das digitale Leben als literarisches Motiv

  • -Aktualisiert am

Eine vage Idee von Zukunft: Installation „Utopie der Stadt“ auf der Expo in Hannover, August 2000. Bild: Picture-Alliance

Radikale Subjektivität und der Gegenwartsstress sozialer Netzwerke: Joshua Groß und andere junge Autoren übersetzen die Digitalität unseres Daseins in die Literatur.

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          Es rumort mal wieder in der jungen Gegenwartsliteratur. Literarische Manifeste rund um den Berliner Korbinian Verlag fordern eine neue Sinnlichkeit im Ästhetischen, Anthologien mit unbekannten Autoren prophezeien einen kommenden Paradigmenwechsel der Literatur. In diesen Trend fiel der 2019 erschienene Sammelband „Mindstate Malibu“, eine internetverliebte, spielerische Fortführung der Debatte um Popliteratur einerseits und die new sincerity anderseits.

          Was lange unverbunden war, wollten die hier vertretenen Literaten zusammendenken: die rauschhaften Zustände der Popliteratur, eingebettet in Semantiken der Warenwelt, der Unterhaltungsindustrie und des immer schneller werdenden Internets, und gleichzeitig den nüchtern sezierenden Stil der neuen Ernsthaftigkeit mit den selbstreflexiven Erzählern und ihren diffizilen sozialen Hintergründen. Der 1989 geborene Joshua Groß gehörte zu den Herausgebern von „Mindstate Malibu“. Jetzt hat er mit „Flexen in Miami“ einen Roman vorgelegt, der mit den Forderungen ernst macht und Motive des Pops so lässig mit der radikalen Subjektivität der Autofiktion zusammenführt, dass man dieser Form von Literatur gern einen eigenen Namen gönnen möchte.

          Stress mit Klicks und Likes

          Joshua, Erzähler der Geschichte, ist mit einem Künstlerstipendium nach Miami gekommen. Eingeladen wurde er von einer ominösen Stiftung, die nur in Form einer ihn mit Lebensmitteln und Geld versorgenden Drohne Gestalt annimmt. Von dem Roman, den er schreiben soll, ist bald keine Rede mehr. Stattdessen sitzt er, kammerspielgleich, tagein, tagaus in seinem Zimmer und verstrickt sich in stundenlange Chatforen-Diskussionen über Themen, von denen er nichts versteht. Joshuas Gemütszustände wechseln von absoluter Langeweile zu akutem, durch Klicks und Likes in seinen sozialen Netzwerken quantifizierbarem Gegenwartsstress. Seine Ausschweifungen im Netz unterlegt er mit atmosphärischen Klängen und übersteuertem Sprechgesang, namentlich mit Cloud Rap, einer relativ neuen Spielart des Hip-Hop mit digital- und konsumverliebten Texten. Einmal heißt es, die Beats seines Lieblingsrappers Jellyfish P erinnerten an ein „Gefühl von Adrenalin und unaufhaltbarer Erosion“, was zufällig auch eine treffende Beschreibung von Joshuas Lebensgefühl ist.

          Joshua Groß
          Joshua Groß : Bild: Picture-Alliance

          Für zusätzliche emotionale Erosion sorgt „Cloud Control“, ein die Realität simulierendes Computerspiel, das Joshua in seinen Bann zieht. In dieser Parallelrealität werden die Spieler von feindlichen „Spam“-Figuren bedroht. Beunruhigend ist, dass das Computerspiel diese Spams in Echtzeit nach realem Vorbild generiert: Wer in Joshuas sozialen Netzwerken aktiv wird, auf seinem Twitter- oder Facebook-Account, taucht kurz darauf in Cloud Control als Gegner auf und muss umgebracht werden.

          Dann kommt es aber doch noch zu einem Handlungsstrang außerhalb der Wohnung. Bei einem Basketballspiel lernt Joshua die Meeresbiologin Claire kennen. Nach einer etwas rätselhaften Romanze verschwindet sie, nicht ohne vorher bekanntzugeben, dass sie schwanger ist und das Kind auch von dem Rapper Jellyfish P sein könnte. Der zweite Teil des Romans hat nichts mehr mit einem Kammerspiel, dafür aber einiges mit einem psychogenen Roadtrip zu tun. Die beiden möglichen Väter tun sich zusammen und fahren in einem Tesla kreuz und quer durch Florida. Ihr Ziel ist es, fluoreszierende Glassplitter zu finden, die die Existenz eines Paralleluniversums belegen könnten.

          Gutes ist „wavy“, Schlechtes ist „Knicklicht“

          Joshua Groß hatte einen Ausschnitt dieses Romans beim Ingeborg-Bachmann-Preis vorgetragen. Im Juryurteil hieß es, der Text sei gegenwärtig und reich an Kontext. Das ist richtig, aber nicht alles. Über der Geschichte liegt ein dichtes Netz von Metaphern der virtuellen Sphäre. Die Figurenkonzeption nimmt Anleihen bei der Subkultur des Cloud Raps. Joshua, für den Gutes „wavy“ ist und der, wenn er flucht, „Knicklicht“ sagt, könnte selbst dem Musikvideo eines Yung Hurn oder einer Haiyti entstiegen sein. So entsteht ein Charakterbild voll Pose und Pathos, digital versiert, aber manchmal verloren angesichts der Überzahl an virtuellen Resonanzerfahrungen. Schön zugespitzt findet sich das in diesem Bild: Joshua, der über die Ziellosigkeit seines endlosen Sehnsuchtszustands Tränen vergießt, „in der Hand mein Phone, vor mir der Laptop, überall schmelzende Energiebalken, draußen helllichter Tag“.

          Ein Topos, der bis in die Tiefe des Textes reicht, ist die Cloud, die virtuelle Wolke der Datenspeicherung, mit der jeder Internetnutzer zu tun hat, deren Funktionsweise aber kaum einer versteht. Sie steht für eine neue Generation des dauerhaft verfügbaren Internets.

          Miami als Kulisse und Kristallisationspunkt

          Auf die Cloud kann immer und von überall zugegriffen werden, wie geschützt dabei aber die Daten der einzelnen Nutzer sind, ist eine offene Frage. Genauso wie die danach, welche Subjekte die absolute Gegenwärtigkeit, das dauerhafte Erreichbarsein hervorbringen. „Flexen in Miami“ betrachtet die schon immer mit Smartphone und sozialen Netzwerken ausgestattete Generation fernab von kulturpessimistischen Ressentiments. Verbirgt sich hinter dem digitalen Überschuss von Zeichen und Sinn oder hinter dem Wahn nach geglätteten Oberflächen eine eigene Form der Gegenwartserfahrung?„Ich glaube, ich habe alles verstanden“, sagt immer mal wieder einer im Roman. Dahinter stehen Sprecher, die trotz ihrer allzeit blinkenden Bildschirme keinem Zwang zur Gegenwart verfallen, weder gleichgültig noch zeitlos sind, sondern sich auf eine distinkte Weise abgeklärt durch die Gegenwart bewegen.

          Joshua Groß: „Flexen in Miami“. Matthes und Seitz Verlag, 199 Seiten, gebunden, 20 Euro.
          Joshua Groß: „Flexen in Miami“. Matthes und Seitz Verlag, 199 Seiten, gebunden, 20 Euro. : Bild: Matthes & Seitz

          Da ist beispielsweise die durch das Internet ermöglichte Auflösung fixer Lokalisierungen. Weil er nur sein Handy mit der Zeitzone synchronisieren muss und bei Google Maps den kürzesten Weg zum Strand erfahren kann, ist Joshua überall genauso wenig zu Hause wie daheim. „Ich war in Miami nie Tourist gewesen, nicht mal an den ersten Tagen, sofort hatte ich da gelebt, genauso belanglos und alltäglich wie überall sonst auch.“ Warum also Miami? Die südlichste Stadt der westlichen Hemisphäre, akut von Überschwemmung bedroht, scheint in der Gegenwartsliteratur eine wiederkehrende Kulisse für den Kristallisationspunkt des Globalen zu sein. Der Philosoph Armen Avanessian hat diesen Sog des absolut Gegenwärtigen vor einigen Jahren in seinem Reisejournal „Miamification“ beschrieben. Eine Idee von Zukunft, sagt Joshua dann auch passend über sich selbst, habe er nie gehabt.

          Der neue Realitätsentwurf, der in Groß’ Roman aufscheint, ist ein von Virtualität durchzogener. Es hat eine Weile gedauert, bis die Gegenwartsliteratur den Menschen in seiner digitalen Umwelt zum Thema gemacht hat. In dieser und der vergangenen Saison sind hierzulande neben „Flexen in Miami“ mit Juan S. Guses „Miami Punk“, Berit Glanz’ „Pixeltänzer“ und Leif Randts „Allegro Pastell“ gleich eine ganze Reihe von Romanen erschienen, die diese digitale Durchwirktheit der Gegenwart beschreiben. Sie verbindet, dass ihnen die moderne Technologie nicht nur literarisches Thema, sondern Paradigma ist.

          Vor „schweren“ Motiven wie Vaterschaft oder Eifersucht weichen diese Texte genauso wenig zurück wie vor dem spielerischen Verweissystem des Pops. Sie verdichten die sozialen Netzwerke mit ihren Livestreams und Chats und die Gamer-Subkultur zu einer schrillen, abgeklärten, manchmal scheppernden Sprache einer ganz eigenen Cloud-Literatur, „wavy“, oberflächenpoliert und stilsicher.

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