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Das wahre Übel? : Faschisten auf der Turiner Buchmesse

Altaforte-Gründer Francesco Polacchi an diesem Donnerstag mit einigen seiner Bücher vor dem Eingang zur Turiner Buchmesse Bild: Reuters

Absagen und angebliche Anschlagsdrohungen: Italiens größte Buchmesse ist mit der Teilnahme des Verlages Altaforte auf Widerstand gestoßen. Dessen Gründer bezeichnet sich selbst offen als Faschist.

          Die Turiner Buchmesse, die an diesem Donnerstag eröffnet wird und bis kommenden Montag dauert, wird von einem heftigen Streit über die Meinungsfreiheit und den Umgang mit dem italienischen Faschismus überschattet. Stein des Anstoßes ist die Teilnahme des Verlages Altaforte aus Mailand, der in enger Verbindung mit der faschistischen Splitterpartei Casa Pound steht. Der Verlag will auf seinem Stand unter anderem den soeben erschienenen Interview-Band mit Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Partei Lega vorstellen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Salvini erregte jüngst bei einem Wahlkampfauftritt in Forlì in der norditalienischen Region Emilia-Romagna Aufsehen, weil er von einem berüchtigten Balkon aus eine Rede hielt, auf welchem einst der faschistische Diktator Benito Mussolini gesprochen hatte.

          Aus Protest gegen die Zulassung von Altaforte zur größten italienischen Buchmesse droht unter anderem das Museum des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz mit der Absage seiner Teilnahme. Man könne von Holocaust-Überlebenden nicht verlangen, „den Raum mit jemandem zu teilen, der die historischen Fakten leugnet, die zum Holocaust geführt haben“, heißt es in einem unter anderem vom Direktor des Museums Piotr Cywinski unterzeichneten Brief an die Stadt Turin. Mehrere Schriftsteller und Wissenschaftler, unter ihnen der Dichter und Übersetzer Christian Raimo und der Historiker Carlo Ginzburg, sagten bereits zugesagte Veranstaltungen bei der Messe wieder ab.

          Sie trägt den Familiennamen mit Stolz

          Die Bürgermeisterin von Turin, Chiara Appendino von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung, hält an ihren geplanten Veranstaltungen auf der Buchmesse mit dem Argument fest, man werde „das Feld nicht vor falschen Ideen räumen, sondern diese mit stärkeren Argumenten bekämpfen“.

          Unterdessen bekannte sich der Gründer und Leiter des Verlags Altaforte, Francesco Polacchi, ausdrücklich zu seiner Nähe zur Partei Casa Pound und zu seiner Gesinnung: „Ich bin Faschist. Der Antifaschismus ist das wahre Übel dieses Landes.“ Polacchi berichtete, er habe zwar mit Protesten gegen die Teilnahme seines Verlages an der Turiner Buchmesse gerechnet, nicht jedoch in diesem Ausmaß. Nach Aussagen Polacchis wird in den sozialen Medien zu Anschlägen mit Molotow-Cocktails auf den Stand des Verlags aufgerufen.

          Die Auseinandersetzung mit der Epoche der faschistischen Herrschaft Benito Mussolinis (1883 bis 1945) ist in Italien eine ambivalente Angelegenheit. Mehrere rechte Parteien, etwa die „Brüder Italiens“ von Giorgia Meloni, bekennen sich unzweideutig zum Erbe Mussolinis. Für die Europawahlen am 26. Mai tritt für die Partei, die vor Jahren an Koalitionsregierungen unter Führung des Mehrfachministerpräsidenten Silvio Berlusconi beteiligt war, der fünfzig Jahre alte Caio Giulio Cesare Mussolini an, ein Urenkel des faschistischen Diktators. Bereits seit 2014 sitzt im Straßburger Parlament Alessandra Mussolini, die Tochter von Romano Mussolini, dem vierten der fünf Kinder Benito Mussolinis.

          Alessandra Mussolini, die wie ihr Neffe Caio Giulio Cesare ihren Familiennamen mit Stolz und Überzeugung trägt, gehört derzeit zur Berlusconis konservativer Partei Forza Italia. Jüngst hatte sich auch der Präsident des Europaparlaments Antonio Tajani, der ebenfalls zur Forza Italia gehört, positiv zu Aspekten der Mussolini-Herrschaft geäußert.

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