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Werther-Ausstellung in Rom : Selbstmord aus Liebe versteht Italien nicht

  • -Aktualisiert am

Wie Italien den Werther las, kann man noch bis September in der Casa di Goethe bewundern. Bild: Casa di Goethe Roma

Ein bisschen Untergangsromantik gerne, aber bitte keine blauen Röcke: Die Casa di Goethe in Rom erkundet die italienische Werther-Rezeption.

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          „Ans Erschießen wird gar nicht gedacht“, so August von Kotzebue nach einer Aufführung von „Werther e Carlotta“ in Rom 1804, einer eher freien Bühnenfassung der „Leiden des jungen Werther“. Bei seinem Erscheinen 1774 hatte das schmale Werk wie eine Bombe eingeschlagen – eine Sprengstoff-Metaphorik, die schon Goethe für notwendig hielt, um das publizistische Erdbeben zu fassen, das er als gerade Fünfundzwanzigjähriger ausgelöst hatte: Wie es „eines geringen Zündkrauts“ bedürfe, „um eine gewaltige Mine zu entschleudern“, so sei „die Explosion, welche sich hierauf im Publikum ereignete“, nur dadurch erklärbar, dass sein „Büchlein genau in die rechte Zeit traf“.

          Dem heutigen Leser erschließt sich diese Sprengkraft nicht unmittelbar. Aber die rückhaltlose Hingabe an das Gefühl, die daraus resultierende ménage-à-trois und der daran anschließende Selbstmord waren eben zusammen genommen als literarisches Sujet unerhört. Fehltritte in Liebesdingen gehörten zwar auch im Ancien Régime zum Leben, dem höfischen zumal. Doch gab es Konventionen, damit umzugehen. Der Selbstmord gehörte bestimmt nicht dazu. Spätestens hier begriff das Publikum, dass eine Zeitenwende verkündet und der blasierten höfischen Moral das aufrichtige (bürgerliche) Leben mit seinem Stürmen und Drängen entgegengehalten wurde. Und ausgerechnet auf den wesentlichen Punkt des Selbstmords hatte man im römischen Theater verzichtet?

          Ein Werther von heute: „Daniel“ aus der Porträtserie „Hommage an Werther“ von der italienischen Fotografin Maria di Stefano

          „Wie Italien den Werther las“ – mit dieser kleinen, an seltenen Erstdrucken und Memorabilien reichen Ausstellung erkundet die römische Casa di Goethe die italienische Werther-Rezeption. Es ist erstaunlich, wie unmittelbar die Unterschiede kultureller Aggregatzustände aus diesen wenigen, präzise gewählten Exponaten hervortreten. So begreift man, dass das weitverbreitete, literarisch emsig beschäftigte Bürgertum, in dem die Handlung spielt, im Italien des späten 18. Jahrhunderts erst im Entstehen war. Tonangebend war stattdessen eine schmale Schicht aristokratischer Literaten wie Ugo Foscolo, der mit seinen „Letzten Briefen des Jacopo Ortis“ von 1802 eine eng angelehnte Version schuf, Selbstmord inbegriffen. Für das literarische Italien war das ein wichtiges Ereignis, ohne jedoch den „Werther-Effekt“ des fast dreißig Jahre zuvor erschienenen Originals zu wiederholen. Die von Maria Gazetti kuratierte Ausstellung zeigt den originalen Brief Foscolos an Goethe, worin er sein Werk mit der Beteuerung anzeigt, kein Plagiat geschaffen zu haben. Goethe antwortete nicht.

          Auf der anderen Seite: die Verwertung des Stoffs als derbe Volksbelustigung, wo der Selbstmord schon der christlichen Moral ein absolutes Tabu war. Die päpstlichen Zensurbehörden machten Jagd auf die schüchtern erscheinenden italienischen Übersetzungen, wie man im vorzüglichen Katalog nachlesen kann. Der Germanist Roberto Zapperi vermutet sogar, der römische Goethe habe sein Inkognito gewählt, um nicht als Autor des Werther in Unannehmlichkeiten zu geraten. Doch abgesehen davon wäre der Suizid aus Liebe einem italienischen Publikum nur schwer vermittelbar gewesen. Amor besiegt in klassischen Gefilden zwar alles und jeden, aber sich selbst muss man deswegen noch lange nicht umbringen.

          Das Motiv wird komödiantisch verfremdet, um am Ende entweder die Versöhnung herbeizuführen – oder den finalen Showdown, wobei der Liebende im Zweifelsfall den Nebenbuhler beiseiteschafft, nicht aber sich selbst. Als Handlung ist das am Ende ja auch einleuchtender. So blieben im Rückblick auch die übrigen Erzeugnisse deutschsprachiger Kultur, sofern sie die Selbstauslöschung zelebrieren, dem italienischen common sense fremd. Man denke an Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“, worin der unglücklich liebende Müllergeselle sich lieber im Bach ertränkt, als mannhaft gegen den konkurrierenden Jäger anzutreten. Natürlich findet gerade das dunkel Abstruse dieser Untergangsromantik auch in Italien vereinzelte Liebhaber, man begegnet ihnen noch heute auf Bayreuths Grünem Hügel. Eine bürgerliche Massenbewegung mit Werther-inspirierten Selbstmorden ist daraus nie geworden. Auch trug in Italien niemand blaue Röcke mit gelben Westen.

          Man muss in der Casa di Goethe, bei Vignetten und Porzellantassen, nicht in Völker-Psychologie verfallen, um melancholisch zu resümieren, dass dieses einst so produktive Andersverstehen des Nordens in populistischen Zeiten wie unseren destruktive Züge angenommen hat, speziell, was die italienisch-deutschen Beziehungen angeht. Bleibt zu hoffen, dass der politische Selbstmord, auf den derzeit vieles hindeutet, doch noch vom Spielplan gestrichen wird.

          Informationen zur Ausstellung

          Wie Italien den Werther las. Casa di Goethe, Rom, bis zum 20. September. Der Katalog kostet 10 Euro.

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