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Hunger und Elend im Märchen : Wenn die Not am größten ist

  • -Aktualisiert am

Lebkuchen statt Fleischextrakt: Wohin der Weg die hungrigen Kinder schließlich führen wird, ist bekannt. Bild: Bridgeman

In dieser Jahreszeit wird viel ans Elend erinnert. Die Dialektik einer märchenhaften Wegzehrung führt vom Stein zum Brot, aber wie kann Stein in Brot, Armut in Überleben, Hunger in Sättigung überführt werden? Ein Gastbeitrag.

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          So alt das Menschheitsthema des Hungers ist, es scheint, nach neuen Zahlen, nicht lösbar, auch wenn die Staatengemeinschaft längst die Mittel dafür um ein Vielfaches hat. Was im kargen Zitat aus einem heiklen Kontext – „viel Steine gab’s und wenig Brot“ – als Grundfrage des Überlebens angesprochen wird, erweist sich als ein vielleicht noch unsere Zukunft entscheidendes Problem: Wie kann Stein in Brot, Armut in Überleben, Hunger in Sättigung überführt werden?

          Dass es schon ein Thema von biblischer Tragweite ist, geht aus den historischen Texten des Alten Testamentes ausführlich hervor. Und dass es eine Frage von Wille und Macht, von Moral und Erkenntnis ist, bezeugt nicht zuletzt im Neuen Testament Jesus selbst. Nach vierzigtägigem Fasten wird er vom Teufel in der Wüste in Versuchung geführt, mit der Aufforderung: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“ Bekanntlich wehrt er dieses Ansinnen mit dem Hinweis auf ein Wort aus dem 5.Buch Mose ab, wonach der Mensch nicht von Brot allein lebe, sondern auch vom Wort Gottes. Und doch hieße es, den menschlichen Realitätsgrad dieser Erfahrungen zu unterschätzen, würde man nicht berücksichtigen, dass es für Jesus wenig später im Matthäus-Evangelium nur eine rhetorische Frage wert ist zu überlegen: „Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bitte um Brot, einen Stein biete?“

          Es ist dann nicht überraschend, dieser Thematik auch in der Phantasie der Märchen zu begegnen, an prominentestem Ort, wo sich schriftliche und mündliche Überlieferung, Italienisches, Französisches und Deutsches überlappen, in der Geschichte von Hänsel und Gretel, wie sie die Brüder Grimm aufgezeichnet haben. Darin fehlt es der vierköpfigen Familie eines Holzhackers am Notwendigsten, eine „große Teuerung“ – wer wäre vor ihr gefeit? – kommt ins Land und bringt die arme Familie um „das tägliche Brot“, um das, wäre es ein christlicher Rahmen, gebetet werden könnte (aber erst im Verlauf der Bearbeitungen haben die Grimms eine religiöse Schicht sichtbar gemacht). Die Eltern der Kinder entschließen sich bekanntlich zu einem anderen Ausweg: Die von der vierten Auflage an zur moralischen Entlastung zur Stiefmutter degradierte Mutter setzt sich gegen den offenbar so gutmütigen wie nachgiebigen Vater durch, die Kinder in den großen Wald zu führen und dort verhungern zu lassen.

          Eine ebenso schlichte wie katastrophale Dialektik

          Das erste Mal geht die Sache noch glimpflich ab, weil Hänsel das gehässige Vorhaben mitgehört hat und mit Kieselsteinen den Weg markiert, so dass die Kinder selbst bei Nacht (im Mondschein allerdings nur) den Weg nach Hause finden. Beim zweiten Anlauf ist das Glück ihnen nicht mehr hold, die von der Stiefmutter verschlossene Haustüre verunmöglicht das Sammeln von Kieseln, und Hänsel opfert seine wenigen Brotkrumen. Er hat die Lektion vom Unterschied zwischen Stein und Brot noch nicht gelernt: Die Beständigkeit des Steins hängt mit seiner Unlebendigkeit zusammen, man kann ihn nicht essen. Das Brot dagegen ist begehrtes Lebensmittel, für Mensch und Tier, und die „viel tausend Vögel“ haben sich über Nacht daran gemacht.

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          Es ist eine ebenso schlichte wie katastrophale Dialektik der Wegzehrung, die die beiden Kinder erleben – und begreifen lernen müssen. Was sie am Leben halten sollte, ist vergänglich und begehrt, es taugt nicht zur Markierung des Weges, sondern könnte nur den Bedarf des Hungers vorübergehend lindern. Nachdem der zur Markierung missbrauchte Proviant (von den Vögeln) aufgezehrt ist, ist die Not am größten. Am dritten Tag nach der Aussetzung stoßen sie auf das wunderbar einladende Häuschen, aus Brot gebaut, mit Kuchen gedeckt, die Fenster aus Zucker. Es ist den ausgehungerten Kindern nicht zu verdenken, dass sie sich fühlen, „als wären sie im Himmel“, wenn die stein(!)alte Frau ihnen drinnen noch Pfannkuchen, Äpfel und Nüsse bietet. Aber der vermeintliche Himmel ist bekanntlich nichts als die Kulisse der Hölle; die Kinder werden weiterhin nur gefüttert, um sie als Festtagsschmaus zu mästen.

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