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Trend bei Buchtiteln : Weisheitsspiel

Im späten zwanzigsten Jahrhundert waren es noch die Indianer, die ihre Weisheit verrieten: Kopfschmuck eines Medizinmanns aus dem Plains Indian Museum in Cody, Wyoming. Bild: Picture-Alliance

Vom großen Konzern- bis zum kleinen Print-on-Demand-Verlag: Das produzierende Buchgewerbe setzt auf Weisheitsbücher: Selbst „Die Weisheit der Esel“ ist zu finden. Ein Titel allerdings fehlt bislang.

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          Im Herbst erscheint der Band „Kaiseki. Die Weisheit der japanischen Küche“. Das ist tröstlich. Denn von Weisheitsbüchern kann es eigentlich nie genug geben in dieser verunsicherten Welt. Dieser Überzeugung ist jedenfalls das produzierende Buchgewerbe, und zwar sowohl in den großen Konzernverlagen wie Goldmann, Heyne oder Piper, als auch in inhabergeführten Traditionshäusern wie Herder und C. H. Beck sowie in vielen kleinen und unbekannten Esoterik- und Print-on-Demand-Verlagen.

          Alle spielen das Weisheitsspiel mit. Ein paar Klicks im Netz offenbaren es. Waren es im späten zwanzigsten Jahrhundert die Indianer, die ihre Weisheit verrieten, sind es heute in erster Linie die Natur im allgemeinen, Tiere und Pflanzen im besonderen. Ein Ausschnitt aus der Buchproduktion der letzten zehn bis fünfzehn Jahre offenbart „Die Weisheit der Wölfe“, „Die Weisheit der Trottellumme“, „Die Weisheit der Esel“, „Die Weisheit der Elefanten“, „Die Weisheit der Pferde“, „Die Weisheit der Wölfin“, „Die Weisheit der Krähen“, „Die Weisheit der Wale“. „Die Weisheit der Bienen“ offerieren gleich zwei Verlage. „Die Weisheit der Bäume“ wird getoppt von „Die spirituelle Weisheit der Bäume“.

          Fündig wird man auch bei Steinen, Pflanzen, Delphinen, Muscheln. Wildnis, Wald und Bäume sind bewährte Verkaufserfolge auf dem Feld der Weisheitsbücher. Aus der philosophischen Ecke, in der man eigentlich mit Weisheit rechnete, kommt dagegen kaum Schützenhilfe. Die Stoiker sind im Angebot sowie „Die Weisheit der Hunde“, womit die Kyniker gemeint sind. Im historischen Fach liefern sich Pharaonen, Kelten, Propheten, Wüstenväter, Sufis und Wikinger ein Rennen. Auch Zahlen spielen mit („Die Weisheit der 13“) und Wesen aus fiktiven oder astralen Lebenssphären wie Schöpfungsmythen, Göttinnen, Elfen, Feen, Drachen, Hathoren oder Wicca.

          Handfester wird es für die meisten Leser bestimmt, wenn es um den Homo sapiens geht, zunächst mit der Weisheit der Vielen, der Alten, der inneren Stimme, der Seele, der Landfrauen, der ungezähmten Frau (am Beispiel Liliths), der Mütter – mit einem Exkurs in die „Weisheit der Wechseljahre“. Der gegenwärtige Papst lässt sich mit „Die Weisheit der Mönche“ nicht zweimal bitten. Randständige Weisheitslieferanten dürften die Ausweglosigkeit, die Roulettekugel, die Wäscheklammer, Medizinräder oder die „Höheren Lebensstrahlen“ sein. Man kann es auch gleich mit der „Weisheit der Welt“ versuchen – das deutsche Verlagswesen ist da schmerzfrei. Ideen für mögliche weitere Weisheitsbücher sind gewiss willkommen. Von dieser Stelle aus regen wir an „Die Weisheit des Altpapiers“.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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