https://www.faz.net/-gr0-9yydl

Corona-Bücher : Was wir über das Virus noch nicht wussten

  • -Aktualisiert am

Wie rückt man diesem Virus in einem Buch zu Leibe? Indem man die Kulturgeschichte bemüht und Gemeinplätze formuliert. Bild: AFP

Während Virologen warnen, wir stünden noch am Beginn der Pandemie, kommt ein neues Sachbuch-Genre in Schwung: der Corona-Schmöker. Seine Autoren bilden sich ein, die Lage zu überschauen.

          3 Min.

          Im späten achtzehnten Jahrhundert hat sich die Idee herausgebildet, die Vergangenheit gewinne mit der Zeit an Kontur. Je mehr Jahre verstreichen, desto klarer erstrahlten frühere Epochen, was uns wiederum in die Lage versetze, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und Entwicklungslinien aufzuspüren. „Um Wirklichkeit zu erfassen“, sagt Erwin Panofsky, „müssen wir uns von der Gegenwart lösen.“ Eric Hobsbawm betrachtet historische Distanz sogar als „geheime Waffe“ des Geschichtsschreibers.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch Sachbuchautoren sind gut beraten, ihre Gegenstände mit Abstand zu umkreisen. Wer allerdings aktuelle Verlagsprogramme studiert, wird sich über die zahlreichen Titel zum Coronavirus wundern, welche entweder schon vorliegen oder in den kommenden Wochen erscheinen. Man ist geneigt, von einem neuen Genre zu sprechen, dessen Urheber auf die Notwendigkeit sozialer Distanz mit der Aufgabe historischer Distanz reagieren. Während Virologen hervorheben, wir stünden womöglich noch am Beginn der Pandemie, behandeln viele Zeitdiagnostiker Covid-19 und die Folgen wie ein Ereignis, das sich bereits gut überschauen lässt.

          Verschobene Titel und Hauruckpublikationen

          Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach wollen in „Trotzdem“ (Luchterhand) klären, wie es in der Corona-Krise um unsere bürgerliche Freiheit bestellt ist, dozieren aber lieber über Carl Schmitt und Voltaire. Bezeichnenderweise verliert Schirach das Virus aus dem Blick, sobald er versucht, es zu charakterisieren: Sars-CoV-2 sei klassenlos und unterscheide „nicht zwischen den Hautfarben, Geschlechtern, zwischen Alter oder Herkunft“. Damit ist keine Besonderheit aufgedeckt, sondern ein Gemeinplatz formuliert, denn auch Influenzaviren oder Streptokokken sind nicht wählerisch, frauenfeindlich oder franzosenfreundlich. Kluge: „So viel Freiheit wie möglich muss erhalten bleiben. Gleichzeitig muss der Staat das Leben schützen.“ Schirach: „Es ist für Politiker eine furchtbare Zeit, ich bewundere, wie sie diesem Druck standhalten.“ Wer wollte da widersprechen? Oder weiterlesen?

          Während der Piper Verlag einerseits kundtut, er verschiebe einen großen Teil seiner April-Titel, ist ihm andererseits Stefan Schweigers Brevier „Coronavirus“ bedeutend genug für eine Hauruckpublikation. Das E-Book ist schon erhältlich, die Taschenbuchausgabe folgt Mitte Mai. Der Autor verspricht Antworten auf dreiunddreißig Fragen, etwa: „Erkältung, Grippe – oder doch Corona?“ Da er das Buch im März geschrieben hat, konnte er nicht berücksichtigen, dass sich die von Sars-CoV-2 ausgelösten Symptome keineswegs auf Atemwege und Verdauungstrakt beschränken. Wie Forscher inzwischen herausgefunden haben, werden bei einer Infektion manchmal auch Gefäße, Nieren, Augen, Herz und das Nervensystem angegriffen.

          Rhetorische Abrüstung

          Das Virus ist neu, die Faktenlage verschiebt sich täglich, eine stabile Einordnung der Umstände mutet einstweilen unmöglich an. Daher begeben sich etliche Autoren auf die Suche nach Analogien im Erfahrungsraum unseres kulturellen Gedächtnisses. Kluge wärmt das Hobbes-Diktum auf, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf; Nikolaus Blome gibt in dem Sammelband „Corona und wir“ (Penguin) zu bedenken, viele Bürger suchten jetzt „nach einer Instanz, der sie Macht und Kontrolle zutrauen“; Paolo Giordano erinnert in seinem Essay „In Zeiten der Ansteckung“ (Rowohlt) daran, dass die Panik eine Erfindung Pans sei, und mahnt: „Bisweilen stieß der Gott so laute Schreie aus, dass er vor seiner eigenen Stimme erschrak und entsetzt vor sich selbst davonlief.“ Erkenntnisgewinn? Keiner, denn derartige Gedankenausflüge ließen sich mit gleichem Ertrag bei politischen Unruhen, Kriegen oder Naturkatastrophen unternehmen.

          Gefragt sind dagegen neueste medizinische Forschungsergebnisse und Spezialisten, die kein Problem damit haben, Irrtümer einzuräumen. Deswegen ist das vom NDR produzierte „Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten so gelungen. Der Virologe verzichtet darauf, rhetorisch aufzurüsten, redet ausschließlich zur Sache und reflektiert fortwährend die Bedingungen unseres Wissens über Sars-CoV-2. Wie wohltuend das ist, wird deutlich, sobald zum Beispiel Ina Knobloch mitteilt, was man von ihrem Buch „Shutdown“ (Droemer) zu erwarten habe: „Enthüllungen und Zusammenhänge, die so manchen Thriller blass werden lassen.“ Nun schlägt die Stunde der Corona-Schmöker, und auch hier ist zu befürchten, dass wir noch ganz am Anfang stehen.

          Weitere Themen

          Nerven wie Haarteile

          Serie „Ratched“ bei Netflix : Nerven wie Haarteile

          Eine Hochstaplerin schleicht sich in eine psychiatrische Klinik – und in den Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“. Netflix erzählt die Geschichte der Mildred Ratched, aber völlig überproduziert.

          Topmeldungen

          Der Abteilungsleiter für Wirtschaftsfragen im amerikanischen Außenministerium, Keith Krach, traf am 18. September in Taiwan mit Ministerpräsident Su Tseng-chang zusammen.

          Militärmanöver : Plant China einen Angriff auf Taiwan?

          Amerikas Beziehungen mit Taiwan werden immer enger. Nun plant Washington neue Waffenverkäufe an Taipeh – und verärgert damit China. Peking verschärft seine Drohgebärden in Richtung der Insel.
          Die Unilever-Zentrale in Rotterdam

          Teurer Abzug aus Niederlande : Ein kühner Plan gegen Unilever

          Unilever will seine Ko-Zentrale in Rotterdam zu schließen – und würde damit die niederländische Unternehmenswelt auf den Kopf stellen. Doch der Umzug könnte für den Konzern teuer werden.
          Der emeritierte Monarch Juan Carlos.

          Geliebte des Königs klagt an : Der König wird zum Opfer erklärt

          Die ehemalige Geliebte des spanischen Königs Juan Carlos bezichtigt die spanische Königsfamilie eines „Staatsstreichs“. Für Sayn-Wittgenstein-Sayn ist der emeritierte Monarch das „Opfer“ seiner Ehefrau Sofía und des früheren spanischen Ministerpräsidenten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.