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Baudelaire und Flaubert : Was ist mehr wert, Gedichte oder Eisenbahn?

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Baudelaires Erbe: Der italienische Land-Art-Künstler Dario Gambarin hat ein riesiges Abbild von Charles Baudelaire zu dessen 200. Geburtstag in einen Acker gefräst. Bild: dpa

Die beiden Begründer der modernen Literatur kamen 1821 zur Welt. Heute ist der Jubiläumstag von Charles Baudelaire. Was verbindet ihn mit Gustave Flaubert, und was uns mit ihnen? Ein Gastbeitrag.

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          Victor Hugo hat sie beide überlebt. Während ihn beim Staatsbegräbnis am 1. Juni 1885 fast zwei Millionen Menschen einen ganzen Tag lang zur letzten Ruhestätte im Pariser Panthéon begleiten, liegt Flaubert schon fünf Jahre in der Familiengruft in Rouen und Baudelaire deren achtzehn auf dem Friedhof Montparnasse, wo der Grabstein ihn bis heute als Stiefsohn des berühmten Generals Aupick vorstellt. Als die beiden jungen Kollegen sich in den vierziger Jahren ans Schreiben machten, da war Hugo längst der überlebensgroße Held der romantischen Bewegung, jetzt, 1885, ist er unsterblicher Riese nicht nur der Literatur: der größte Schriftsteller des Jahrhunderts, moralische, politische Instanz, Kämpfer gegen das Opern-Empire von „Napoleon dem Kleinen“, Demokrat und Freund des Volkes, Familienvater und berühmtester Großvater Frankreichs, das weiße, bärtige Greisenhaupt festgehalten auf eindrucksvollen Fotografien. Victor Hugo ist dieses neunzehnte Jahrhundert, in dessen Hauptstadt er zu Grabe getragen wird wie kein homme de lettres vor oder nach ihm.

          Baudelaire und Flaubert waren keine Repräsentanten, ihre Revanche bekamen sie dennoch. Ein Fall für Zahlenmystiker: 1821 werden sie geboren, Charles Baudelaire heute vor zweihundert Jahren, am 9. April, in Paris, Gustave Flaubert am 11. Dezember in Rouen. Wiederum in ein und demselben Jahr veröffentlichen sie ihre Meisterwerke: Flaubert Anfang 1857 „Madame Bovary“, Baudelaire im Sommer 1857 „Les Fleurs du Mal“. Beide werden durch diese Bücher in legendären Prozesse wegen Unmoral angeklagt, Flaubert wird am 7. Februar freigesprochen, Baudelaire am 20. August verurteilt zu dreihundert Franc Strafe. Und ebenso gleichen sie sich im jeweiligen Finale furioso: Die Nachwelt feiert den Roman einer provinziellen femme fatale und den Gedichtband voll „kränkelnder Blumen“ als Auftakt aller modernen Literatur, und wie stark hier der Zusammenklang ist von Prosa und Poesie, bezeugte Milan Kundera noch ein Jahrhundert später: „‚Madame Bovary‘: zum ersten Mal ist ein Roman soweit, die höchsten Ansprüche der Poesie zu erfüllen (die Intention, ‚vor allem die Schönheit zu suchen‘; die Bedeutung jedes einzelnen Wortes; die intensive Melodie des Textes; der für jedes Detail geltende Imperativ der Originalität).“

          Staat zu machen ist mit so etwas nicht

          Hugo, Flaubert, Baudelaire, keiner der drei hatte auch nur eine Vorahnung von dieser Revanche, die eines Tages alles auf den Kopf stellen wird. Nietzsche, früher Prophet für diese Umwertung aller ästhetischen Werte, reiht Hugo als „Pharus am Meere des Unsinns“ streng unter „Meine Unmöglichen“, in Flaubert bewundert er den „Charakter, der sogar die Einsamkeit und den Mißerfolg vertrug, – etwas außerordentliches unter den Franzosen“, und Baudelaire ist ihm „der Mensch eines vielleicht verdorbenen, aber sehr bestimmten und scharfen, seiner selbst gewissen Geschmacks: damit tyrannisiert er die Ungewissen von Heute“. Staat zu machen ist mit so etwas nicht, doch das neue Jahrhundert schätzt weniger den Repräsentanten, bevorzugt die Märtyrer für den heroischen Kampf um die Moderne. Doch worum wurde hier eigentlich gekämpft?

          Nadar, einer der ersten großen Fotografen der Geschichte, betrieb in Paris ein höchst erfolgreiches Unternehmen für die allerneueste Bildtechnik. Außerdem gehörte er zu den engsten Freunden von Baudelaire, er war einer der wenigen, die der distinguierte Dandy duzte. Doch Baudelaire hasste die Fotografie, mechanischer Höhepunkt des realistischen Aberglaubens, dass „die Kunst die genaue Nachbildung der Natur ist und nichts anderes sein kann als diese Nachbildung“. In Fotografie und Eisenbahn, den zeitgemäßen Halbgötzen par excellence, bewunderte eine ganze Epoche sich selbst und ihren Wachtraum vom Fortschritt. „Ein Band Gedichte ist mehr wert als eine Eisenbahn“, widersprach der neunzehnjährige Flaubert. In einem waren die beiden Begründer der modernen Literatur, Baudelaire und Flaubert, sich einig: im Hass auf nahezu alle Errungenschaften der modernen Zeit.

          Charles Baudelaire (1821 bis 1867), fotografiert von Felix Nadar (nachkoloriert)
          Charles Baudelaire (1821 bis 1867), fotografiert von Felix Nadar (nachkoloriert) : Bild: Picture-Alliance

          Ein Buch, das große Wirkung gehabt, kann eigentlich gar nicht wahr beurteilt werden“, sagt Goethe, und so ist es sicher müßig, diese Wirkung als eine Geschichte der Missverständnisse zu erzählen. Trotzdem, Baudelaire und Flaubert begriffen sich nicht als Vorreiter der Zukunft, weder sich selbst noch gegenseitig. Kennengelernt hatten sie sich kurz vor dem Erscheinen ihrer Epochen-Bücher, im Salon jener Madame Sabatier, deren freizügige Marmorstatue als „Femme piquée par un serpent“ ebenfalls Skandal gemacht hatte, noch heute bestaunt man sie im Musée d’Orsay. Gegenseitige Bewunderung und Sympathie waren groß, die Prozesse taten ein Übriges, doch für so etwas wie eine „Schule“ waren die persönlichen Obsessionen viel zu ausgeprägt. Wohl kann man sagen, der Dichter habe den Romancier besser verstanden als der Romancier den Dichter, denn Baudelaire war gewiss der schärfere kritische Intellekt; trotzdem, das wechselseitige Urteil verrät schon das meiste vom Selbstverständnis der modernen Pioniere, bevor man sie überhaupt dazu erklärte.

          Beide schickten ihre Bücher natürlich zuerst an Victor Hugo, mit der traditionellen Ambivalenz von Jüngeren, die das Vorbild bewundern, es überzeugen wollen – und stürzen; der große Mann bedachte sie mit wohlwollendem Lob. Zwischen den zwei Debütanten ging es anders zu. Der Romancier reagiert auf sein Widmungsexemplar der „Fleurs du mal“ mit überschwänglichem Dank ganz à la Flaubert: „Zuerst habe ich Ihren Band von vorn bis hinten verschlungen wie die Köchin einen Fortsetzungsroman, und jetzt, seit acht Tagen, lese ich ihn Vers für Vers, Wort für Wort, und offen gesagt, er gefällt mir, hat mich verzaubert. Sie haben ein Mittel gefunden, die Romantik zu verjüngen. Sie ähneln keinem (wichtigste aller Qualitäten). Die Originalität des Stils kommt von der Konzeption. Der Satz ist prallvoll von der Idee, bis er platzt.“ Die Romantik verjüngt, nicht etwa abgeschafft!

          „Als wär ich tausend Jahre alt“

          Und da Flaubert die Begeisterung mit der Liste seiner elf Lieblingsgedichte illustriert, beweist er zugleich, dass „sein“ Baudelaire durchaus nicht übereinstimmt mit dem der späteren Literaturgeschichte: kein Paris, kein Wein, kein Satan und keiner der vom Staatsanwalt inkriminierten Verse. Dafür die romantisch-schillernden Frauenfiguren aus „Schönheit“, „Ideal“, „Riesin“ und der rückwärtsgewandte Medusenblick in die ewige Vergangenheit: „Ich habe mehr Erinnerungen, als wär ich tausend Jahre alt.“

          Spürt man in dieser Wahl auch einen Vorbehalt? Drei Jahre später bedankt sich Flaubert ein weiteres Mal bei Baudelaire, nun für die Prosastücke „Die künstlichen Paradiese“, und jetzt bringt er den Vorbehalt bei allem Lob zur Sprache: Baudelaire habe nun doch „einen allzu großen (?) Nachdruck (und zwar mehrmals) auf den Geist des Bösen gelegt. Hier und da spürt man so etwas wie einen Sauerteig des Katholizismus.“ Flaubert hatte mit Hilfe der Klosterschülerin Emma Rouault, verehelichte Bovary, eine feine Nase entwickelt für die zweideutigen Reize der Religion, und so argwöhnt der Feind der Frommen hinter Baudelaires Lästerungen – sicher der vergänglichste Teil seines Werks und für T. S. Eliot nur ein „lächerlicher Hokuspokus“ – das scheinheilige Manöver, mit dem schweigenden Himmel durch Provokation endlich ins Gespräch zu kommen. Diesen Dichter hätte man, weiß Gott, zu Unrecht verurteilt!

          Gustave Flaubert (1821 bis 1880), dargestellt von Maurice Sand
          Gustave Flaubert (1821 bis 1880), dargestellt von Maurice Sand : Bild: Imago

          Baudelaire seinerseits schreibt die große klassische Kritik über den Roman seines Freundes. Selbstverständlich ist die Bewunderung für Stil, Sprache, Form, mit einem Wort: für die ganz eigene und besonders hervorgehobene „Schönheit“. Doch wie der große Kritiker stets zugleich über sich selbst spricht, so geht es ihm mit „Madame Bovary“ auch ums Eigene: Wenn er die kleine Arztgattin mit ihren läppischen Liebhabern einer klassischen Lady Macbeth an die Seite stellt, wenn er den Kritikern, die nur bei den vom Zahn der Zeit bestätigten, also altgedienten Sujets Bedeutung finden, entgegenhält: „Kurzum, diese Frau ist wirklich groß“, dann ist hier der Punkt, wo Baudelaire und Flaubert sich tatsächlich treffen: in der dauernden Frage, wie unter den tristen, trivialen Zeitgenossen in „schwarzem Frack und Gehrock“ dennoch so etwas geschaffen werden kann wie ein glanzvolles literarisches Werk.

          Eine Barbarei mit Gasbeleuchtung

          Zum Glück des Zahlenmystikers bringt das Jahr noch einen Dritten ins Spiel, denn fünfzig Jahre später, am 10. Juli 1871, wird der Autor geboren, der mehr als jeder andere gelernt hat von seinen beiden Vorgängern: „Ich glaube“, schreibt Marcel Proust 1921, „dass alle wirkliche Kunst klassisch ist, doch die Gesetze des Geistes gestatten es selten, dass man sie bei ihrem Auftreten als solche erkennt.“ Und pro domo: „Die großen Neuerer sind die einzigen wahren Klassiker und bilden eine fast kontinuierliche Reihenfolge.“ Klassiker, das ist nicht einfach das schmückende Etikett für den abgetretenen Altmeister; Klassiker ist vielmehr der Autor, der für seine Zeit die angemessene, alle flüchtigen Aktualitäten einfangende, sie dennoch überdauernde Ausdrucksform findet – und hielte er diese Zeit auch, wie Flaubert, für das „Jahrhundert der Huren“ oder, wie Baudelaire, für eine einzige „große Barbarei mit Gasbeleuchtung“. Nein, sie alle wollten alles andere sein als zeitgemäß. Was sie wollten, war eine selbst gegen die Zeitumstände zeitlose Kunst.

          Und heute? Es bleibt der Verdacht, die „Moderne“ hätte, zumindest in der Breite, gerade mit dem gesiegt, was ihren Klassikern so abscheulich war, mit dem „Realismus“, der trivialen Abbildung von trivialer Wirklichkeit. Ihre Idee – seit Baudelaire, Flaubert, Proust und trotz allem auch Victor Hugo – war jedoch eine ganz andere: „Die Bemühung um äußere Schönheit, die Sie mir vorwerfen, ist für mich eine Methode“, schreibt Flaubert am 10. März 1876 an die verehrte Kollegin George Sand. „Wenn ich in einem meiner Sätze eine schlechte Assonanz oder eine Wiederholung finde, bin ich sicher, dass ich im Falschen herumwate.“ Den Ungewissen von heute ins Stammbuch! Die Literatur der Moderne wurde klassisch allein durch den Stil als Ausweis künstlerischer Wahrheit. Und dass man sie immer wieder liest wie der Koch den Fortsetzungsroman: verzaubert, gerührt, amüsiert, zutiefst gefesselt, macht sie unsterblich.

          Der Autor Wolfgang Matz war lange Jahre Lektor beim Hanser Verlag. Vor Kurzem erschien seine Studie „1857 – Flaubert, Baudelaire, Stifter: Die Entdeckung der modernen Literatur“ im Wallstein Verlag.

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