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Bibliotherapie : Das Buch als Spiegel, Fenster oder Tür

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Auch so lassen sich Bibliophilie und Gemeinwohl verbinden: eine Bank im Calerstones Park, dem Sitz von „the reader organisation“ in Liverpool. Bild: F.A.Z.-Archiv

Was geschieht in unserem Gehirn, wenn wir Shakespeare hören? Wie reagieren Häftlinge auf Charles Dickens, und kann sie ihnen helfen? Im Liverpooler „Calderstones Mansion“, dem Schauplatz der „Lese-Revolution“, wird das untersucht.

          8 Min.

          Nur noch das Ende fehlt, die letzten beiden Seiten von „Death by Landscape“. Eine Stunde lang wurde Margaret Atwoods Kurzgeschichte laut vorgelesen. Der Anfang von Zoe, sie ist „Facilitator“, also Vermittlerin, Unterstützerin, Moderatorin der Gruppe. Dann ging das Vorlesen auf die Teilnehmenden über, von denen die älteste um die achtzig Jahre alt ist, der jüngste, ein pickliger Praktikant, noch ein Teenager. Menschen aus der Nachbarschaft. Nach jeder Passage folgt ein Gespräch: Wie alt schätzen wir die Erzählerin Lois in Atwoods Story? Würden wir uns auch menschenleere Landschaftsbilder an die Wand hängen, obwohl sie uns beängstigen? Was ist damals in dem Ferienlager passiert, in dem Lois’ Freundin für immer verschwand? Wie hat das Lois’ Leben geprägt? Wie lässt sich mit einer solchen Erfahrung umgehen? Mit der Scham? Der Sprachlosigkeit? Der Einsamkeit? Der Verantwortung? Die Fragen, die die Gruppe diskutiert, werden allgemeiner, bleiben aber nah am Text, der so seine Vieldeutigkeit, die Kunst seiner Sprache und seines Aufbaus zeigt – und die Diskutierenden ihre Lebenserfahrung, ihre Wertschätzung der Literatur, ihre Offenheit für die Gedanken der anderen.

          Wer möchte nun den Schluss lesen? Der picklige Praktikant hebt schüchtern die Hand. Er hat Schwierigkeiten mit der Aussprache mancher Wörter, wenig Gefühl für die Satzmelodie. Alle hören ihm wohlwollend zu. Als er nach der letzten Zeile den Blick hebt, wird applaudiert. Er strahlt.

          Er ist ein Teil dieser lesenden Gemeinschaft, die sich an einem Mittwochmorgen im Juli in „Calderstones Mansion“ zusammengefunden hat. Erbaut im Jahre 1828 von einem Munitionsfabrikanten, gelegen in dem Park Liverpools, der am weitesten vom Stadtzentrum entfernt ist, ist „Calderstones Mansion“ seit 2014 Sitz von „The Reader Organisation“ (TRO). Zuletzt war hier das Gartenbauamt der Stadt untergebracht, dann stand das Gebäude einige Zeit leer, was beim Anblick mancher stockfleckiger Tapete und durch den staubigen Geruch noch wahrnehmbar ist. Doch das stört niemanden. Eine der Atwood-Leserinnen, mit der ich bei einer Tasse Tee ins Gespräch komme, schwärmt, dass die hier stattfindenden Lesegruppen mühelos etwas leisteten, was für sie in ihrer jahrzehntelangen Arbeit als Trainerin für Kommunikation und Teamentwicklung stets die größte Schwierigkeit war: einen angstfreien Raum zu schaffen, in den alle sich in dem Maß einbringen können, das ihnen angenehm ist.

          Schwellenängste überwinden

          Eine Atmosphäre, in der Menschen miteinander reden und einander zuhören, über alle kulturellen, sozialen, Altersgrenzen hinweg. Als ich sie frage, wo sie gearbeitet hat und sie „Bei der Weltbank in Washington“ antwortet, ahne ich: in den kommenden Tagen warten noch einige Überraschungen. Die größte: dass es eine solche Institution überhaupt gibt, die ein ebenso einfaches, konsequentes wie erfolgreiches Programm betreibt.

          Gegründet wurde TRO von Jane Davis, die mir beim Mittagessen ihre Lebensgeschichte auf eine uneitle Art erzählt, die mich verstehen lässt, dass es ihr nicht auf Geltung ankommt. Ihre Biographie ist für sie der präsente Beweis, wie das Lesen ein Leben verändern kann.

          Jane Davis wuchs in den sechziger Jahren als ältestes von vier Kindern in Liverpool auf. Als sie zehn Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Ihre Mutter wurde Alkoholikerin, starb fünf Jahre später. Als Jane heirate, war sie noch keine zwanzig, bekam ein Kind, wurde geschieden, jobbte in Cafés. Eines Tages, sie hatte inzwischen die Hochschulreife nachgeholt und studierte englische Literatur, las sie den Science-Fiction-Roman „Shikasta“ der späteren Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing. Dieser beschreibt, wie die Menschheit degeneriert und alles einstmals Schöne, Wahre und Gute zerstört wird. „Das Buch ließ mich erkennen, dass unser Leben einen Zweck hat und dass ich für mein Leben diesen Zweck finden musste.“

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