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Bibliotherapie : Das Buch als Spiegel, Fenster oder Tür

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Als sie nach dem Studium Kurse in der Erwachsenenbildung gab, wurden ihr die vielen, hinderlichen Voraussetzungen bewusst, auf denen diese basierten: Lesefähigkeit, Zeit für vorbereitende Lektüre, das Überwinden von Schwellenängsten. Also begann sie um das Jahr 2000 herum, zu ihren Kursen je eine Kurzgeschichte und ein Gedicht mitzunehmen, diese gemeinsam mit den Teilnehmenden laut zu lesen und zu diskutieren – zur Begeisterung aller.

Gemeinsames Lesen als Therapie

Das war die Geburtsstunde des „shared reading“, des wörtlich übersetzt: „geteilten Lesens“, bei dem, so Jane Davis, viele Möglichkeiten entstehen, mit den anderen und mit sich selbst über Bücher in Beziehung zu treten: „Man kann ins Buch schauen, statt Augenkontakt herzustellen. Man kann das Buch wie einen Schild halten oder einen Spiegel oder es als Fenster oder Tür gebrauchen. Man kann sich über die Probleme und das Fehlverhalten einer Figur unterhalten, ohne das eigene Fehlverhalten oder die eigenen Probleme ansprechen zu müssen.“

In den darauffolgenden Jahren wurde „shared reading“ als „literaturgestützte Intervention“ in die Demenz- und Schmerztherapie, in psychiatrischen Anstalten, in Programme für Straftäter eingeführt. Die positiven Wirkungen der Methode in diesen Kontexten hat seit 2011 ein interdisziplinäres Institut der Universität Liverpool erforscht und in zahlreichen Studien belegt. Dem Institut gehören Literaturwissenschaftler, Linguisten, Soziologen, Kriminologen, Psychologen, Psychiater, Neurobiologen an. Der Institutsname Crils (Centre for Research into Reading, Literature and Society) erinnert auch im Englischen an „Krill“, jene winzigen Krebse, von denen sich riesige Wale ernähren.

Wie das Gehirn reagiert

Crils-Gründungsdirektor Philip Davis lächelt kurz, als ich auf diese Anspielung zu sprechen kommen will. Wir treffen uns in einer Hotelbar. Es kostet Davis keine Anstrengung, über die immer dramatischer und lauter werdende Sportübertragung im Hintergrund hinwegzusprechen: Darüber, wie wichtig es ist, sich in den „Shared reading groups“ mit komplexen Texte zu beschäftigen, nicht auf „Wohlfühl-Literatur“ zu setzen, sondern grade solche Texte zu lesen, die existentielle Krisen und extreme Bewusstseinslagen schildern. Er erzählt von Scans, mittels deren er und seine Kollegen untersuchten, wie das Gehirn auf Shakespeare-Verse reagiert, wie sich die darin enthaltenen Wortneuschöpfungen in gesteigerter Hirnaktivität niederschlagen, offensichtlich weil das Gehirn die Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeit erkennt.

Ob das Crils-Institut nicht von Studenten überlaufen sei, schließlich bietet es die einzigartige Möglichkeit, Literatur in ihren Wirkungen, ihrem sozialen Nutzen, ihren anthropologischen Wurzeln zu erforschen. Davis winkt ab. Liverpool liegt für englische Verhältnisse an der Peripherie, Crils fehlt die Lobby im politischen und wissenschaftlichen Establishment, von dem Davis wohl im Angesicht der gekoppelten Erfolge von Praxis und Forschung gehofft hatte, es sei im Handstreich einzunehmen.

Verkaufsgespräche sind keine Selbstläufer

Er ließ sich bei der Institutsgründung dazu hinreißen, von einer „reading revolution“ zu sprechen. Ein Begriff, der mittlerweise nur noch zurückhaltend verwendet wird, obwohl mit den Schriftstellern Antonia S. Byatt, Howard Jacobson, Jeanette Winterson und Sir Andrew Motion namhafte „patrons“ gewonnen werden konnten. Und obwohl es Momente gab, die revolutionäres Potential hatten.

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