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Europas modernste Bibliothek : Leben und lesen lassen

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Über fünf Etagen erstreckt sich der Zentralraum der Deichman-Bibliothek. Alle Oberflächen sind farblos gehalten, um nicht von den Büchern abzulenken. Bild: Picture-Alliance

Oslo vollendet mit der Deichman-Bibliothek sein neues Kulturviertel. In Europas modernster Bücherei wird gezeigt, wie man Treffpunkt sein kann, ohne die Bücher zu vernachlässigen.

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          Skandinavien, du hast es besser: Während Berlin in der Weiterentwicklung des Kulturforums herumstochert wie ein ungezogenes Kind in der Spinatsuppe, machen nordeuropäische Hauptstädte vor, wie es geht. Nicht nur Kopenhagen und Helsinki haben in den vergangenen Jahren eine ganze Serie von qualitätvollen Kulturbauten zustande gebracht, auch Oslo arbeitet mit Macht daran, sich zur kulturvollen Hauptstadt zu mausern. Mit dem Munch- und dem Nationalmuseum sowie der neuen Deichman-Bibliothek laufen derzeit gleich drei Schlüsselbauten vom Stapel. Der Öl- und der Gasreichtum haben die Aufwertung Oslos möglich gemacht, aber auch Ambition, Geschmack und Pragmatismus.

          Das neue Hauptgebäude der Deichman’schen, der ältesten und größten öffentlichen Bibliothek (und ältesten Kulturinstitution) Norwegens, versteht sich als „Volksbibliothek“ mit einem Bestand von über 450.000 Medien. Seit der Eröffnung der Oper 2008 wurde aus einer Regionalmetropole das „Dubai des Nordens“: Neue Skyline, neuer Flughafen, neue U-Bahn? Bitte sehr! In nur einer Generation hat sich die Stadt komplett umgekrempelt. Das größte Stadterweiterungsprojekt ihrer Geschichte, die Fjord City, ist ein zwölf Kilometer langer Neustadtstreifen entlang des Fjords. Wo zuvor Straßen und Gleise den Wasserzugang versperrten und ein Hafen eine Barriere zwischen Stadt und Wasser bildete, schuf der Bau von Autotunnels unter der Stadt Raum für Tausende neuer Wohnungen und Arbeitsplätze. Die Nähe zu Stadtzentrum und Wasser machen diese neuen Stadtteile attraktiv. Eine kostenlos zu nutzende, räumlich reiche neue Bibliothek vollendet dieses urbanistische Meisterwerk nun.

          Besinnung auf die inneren Werte

          Nun ist es keine leichte Aufgabe, direkt neben einem architektonischen Meisterwerk wie der Osloer Oper zu bauen. Ein neues Gebäude kann gestalterisch nicht mit dem Opus von Snøhetta konkurrieren, aber die Oper nur zu rahmen wäre für ein wichtiges öffentliches Kulturgebäude zu unterwürfig. Bei der Gestaltung der neuen Deichman-Bibliothek, der modernsten in Europa, fanden Lund Hagem Arkitekter (mit Atelier Oslo) daher einen Kompromiss: Der Titel ihres erfolgreichen Wettbewerbsbeitrags von 2009 „Diagonal“ deutete schon darauf hin, dass ihre Bibliothek mit einer hervorstehenden Spitze Besucher entlang einer Abkürzung vom Stadtzentrum und Hauptbahnhof diagonal zur Oper leitet.

          Die Kinderetage bietet Spielzonen, Musik-, Film- und Comic-Abteilungen, ein Mini-Kino und eine Bühne.

          Große Einschnitte in den Fassaden markieren die Eingänge an drei Seiten, um dennoch Besucher anzulocken. Das nahe Munch-Museum, das ebenfalls dieser Tage eingeweiht wird, versuchte etwas bemüht, aus demselben Dilemma, der Nähe zu einem Meisterwerk, mit geknickten Obergeschossen architektonisch Funken zu schlagen (F.A.Z. vom 14. April). Die Deichman-Bibliothek, die am 18. Juni eröffnet wurde, lässt hingegen der Oper städtebaulich den Vortritt und besinnt sich auf innere Werte.

          Kino, Auditorium und Freihandbibliothek im Untergeschoss

          Die Proportionen des Neubaus und neue Fußgängerverbindungen integrieren die Bibliothek gänzlich unaufgeregt in den Maßstab des Stadtteils Bjørvika. Die Fassaden der Deichman-Bibliothek sind eine Kombination aus transparenten Fenstern und weißen Glaswänden. Das transluzente Gebäude sieht deshalb tagsüber milchig und recht undefiniert aus. Erst in der Dämmerung gewährt das elektrische Licht interessante Einblicke in die Räume der Bibliothek und die Aktivitäten darin.

          Die Überraschung über den räumlichen Reichtum im Inneren des Neubaus ist umso größer und angenehmer: Drei Lichtschächte verlaufen diagonal durch das Bücherhaus und bilden an ihrem Kreuzungspunkt einen großen Zentralraum, der sich über alle Stockwerke bis zur origamiartig gefalteten Decke mit drei Oberlichtern erstreckt. Von jedem Eingang aus begegnen Besucher einem dieser durchgehenden, aufregenden Hohlräume. Die dritte und die fünfte Etage sind Mezzanine.

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