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Insolvenz des Buchhändlers KNV : Lieferung bitte bis gestern

Wettlauf gegen den Onlinedienst - KNV ist insolvent. Bild: dpa

Ein Grossist, der dafür sorgte, dass eines der zentralen Versprechen des deutschen Buchhandels eingelöst wurde, ist pleite. Das hat Panik in der Buchbranche ausgelöst, wo Eile zum höchsten Gebot geworden ist.

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          Das Kürzel KNV ist jedem in der Buchbranche bekannt, aber wohl kaum einem Leser. Es steht für Koch, Neff & Volckmar, ein Stuttgarter Unternehmen, das seine Anfänge bis aufs Jahr 1846 zurückführt und Buchzwischenhandel betreibt. Sprich: KNV ist ein Mittler zwischen Verlagen und Buchhandel, ein Grossist, der auf Bestellung für die Belieferung der deutschen Läden sorgt und dafür eigene Buchvorräte unterhält, die durch ihren großen Umfang wiederum die Lagerkosten der Verlage vermindern – ein Geschäft zum wechselseitigen Vorteil, wie man es sich im klassischen Verständnis der Ökonomie idealtypisch vorstellt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Vor allem aber sorgt die auf mehrere große Auslieferungslager im Bundesgebiet verteilte Logistik von KNV dafür, dass eines der zentralen Versprechen des deutschen Buchhandels eingelöst werden kann: jedes lieferbare Buch am nächsten Werktag ins Geschäft zu bekommen. Das ist in Zeiten, in denen der Internethändler Amazon Gratislieferung von Büchern ins Haus garantiert, ein wichtiger Wettbewerbsfaktor für den stationären Einzelhandel, zumal KNV diesem auch die Lagerhaltung und entsprechende Kapitalbindung abnimmt, von der Übernahme datenverarbeitender Dienste durch den Grossisten ganz abgesehen.

          Hoffnung auf geduldige Leser

          Diese prosaischen Fakten rund ums Geschäft mit poetischen Texten müssen sein, um zu verstehen, warum die kürzlich bekanntgegebene Insolvenz von KNV Panik in der Buchbranche auslöst. Der Verleger Jörg Sundermeier, seit Jahren so etwas wie der inoffizielle Sprecher der deutschsprachigen Kleinverlage, warnte im Deutschlandfunk vor einer „Buchkrise“ und rief schon nach Staatshilfe.

          Zwar betreibt KNV unter Insolvenzverwaltung seine Geschäfte weiter, aber die Verlage werden mit der Auslieferung an den Grossisten vorsichtig sein, weil unklar ist, ob sie die dafür fällige Bezahlung vollständig erhalten werden. Dadurch drohen Lieferengpässe an Buchhandlungen und enttäuschte Kunden, die zu Amazon wechseln könnten, weil man dort ohnehin nicht mit Grossisten – neben KNV gibt es in Deutschland noch zwei weitere – zusammenarbeitet, sondern sich von den Verlagen direkt beliefern lässt.

          Allerdings ist Amazon auch im Gespräch als möglicher Kaufinteressent für KNV, womit zur horizontalen eine vertikale Konzentration kommen könnte. Sundermeier beschwor vorsichtshalber schon einmal das Kartellamt, im etwaigen Fall genau zu prüfen. Christian von Zittwitz, als Gründer und langjähriger Chefredakteur der Branchenzeitschrift „BuchMarkt“ einer der besten Kenner, stellt gegenüber dieser Zeitung fest, dass die finanziellen Probleme bei KNV hausgemacht – zu große Investitionen – und also keine der Branche an sich gewesen seien. Nun aber werde die Insolvenz für die Branche ein Problem.

          Denn deutsche Leser sind verwöhnt. Nirgendwo sonst ist die Beschaffung eines bestellten Titels so schnell und dabei kostenfrei möglich – nicht zuletzt als Folge der Buchpreisbindung, die allen Beteiligten eine ordentliche Gewinnspanne garantiert. Mit dem teilweise drohenden Wegfall der garantierten Übernachtlieferung steht das ganze Geschäftsmodell des Buchhandels auf dem Prüfstand.

          Wobei es skurril ist, dass Eile so wichtig sein soll für Leser, die doch gerade die Bedächtigkeit bei der Lektüre besonders schätzen. Sie ist nach jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungen mitentscheidend für die Überlegenheit des gedruckten Buchs gegenüber dem elektronischen bei Informationsaufnahme und Leseintensität. E-Books haben aber kein Auslieferungsproblem. Nun wird man sehen, ob die Liebeserklärungen ans klassische Buch und an die Buchhandlung um die Ecke auch mal eine kleine Verzögerung aushalten.

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