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Hessischer Hof : Pulsschlag und Taktgeber

  • -Aktualisiert am

Wo Tag und Nacht der „Schakal“ lauerte: Das eher unspektakuläre Äußere des Hessischen Hofes. Bild: Picture-Alliance

Wo einst die Agenten durch die Flure schlichen: Mit dem Hessischen Hof schließt auch eine wichtige Außenstelle der Frankfurter Buchmesse.

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          „So wichtig sind die Messehallen der Frankfurter Buchmesse gar nicht – what matters is Jimmy’s.“ Ausgesprochen hat diese Liebeserklärung an die verrauchte Kellerbar des Hessischen Hofs mit ihrer besänftigenden Klaviermusik und dem bis zuletzt strengen Dresscode einst ein amerikanischer Verleger, als er sich zu vorgerückter Stunde mit Whisky und Cohiba wohlig erschöpft in einen der lederbespannten Fauteuils fallen ließ. Tatsächlich war das Fünf-Sterne-Hotel vis-à-vis des Messegeländes mitsamt seinem gediegenen Foyer und den verwinkelten Veranstaltungsräumen während dieser fünf tollen Tage im Oktober stets das so diskret wie verlässlich schlagende Herz des Literaturbetriebs.

          Auf den Mahagonitischen stapelten sich dann die Manuskripte, Exposés und prallgefüllten Terminkalender, und nicht nur die Lizenzhändler aus aller Welt, die sich während der Messe traditionell hier einmieteten, sondern praktisch alle, die mitreden, mitstreiten, mitspielen wollten, fanden sich irgendwann ein an diesem Ort sympathisch verblichener Noblesse. Zu welcher Tages- oder Nachtzeit Autoren, Verlegerinnen, Lektorinnen oder Journalisten in der Friedrich-Ebert-Anlage auch strandeten, stets umfing sie ein Stimmengewirr wie auf einem belebten Markt. Durchdrungen war es einerseits von der nervösen Witterung der Akteure nach den jeweils heißesten Abschlüssen für die übernächste Saison, die sich dabei allerdings aufs Schönste an der mit Antiquitäten und Gemälden ausstaffierten Gediegenheit des Interieurs brach.

          Der Hessische Hof war nicht nur Frankfurter Statthalter etwa des Münchner C. H. Beck Verlags, der hier alljährlich zu seinem Messe-Empfang lud. Das kleine Grandhotel war auch Revier des in der Branche gefürchteten Agenten Andrew Wylie, genannt „der Schakal“, dessen Geschäftspraktiken sich hier studieren ließen. Als sich unlängst die Frankfurter Buchmesse nach einigem Hin und Her virusbedingt nun dazu entschloss, das größte Buchfest der Welt in den digitalen Raum zu verlagern, war die Aufregung naturgemäß groß – und wurde dabei unüberhörbar zum Fanal, wie unersetzlich diese alle Sinne strapazierende Veranstaltung tatsächlich ist. Wenn denn die Buchmesse dereinst in einer hoffentlich coronafreien Zukunft zur alten Normalität zurückkehrt, ist mit der jetzt verkündeten Schließung des Hessischen Hofs eine tragende Säule weggebrochen.

          Wie dieses Parkett von Geist und Ware, Klatsch und Tratsch, an dem die belgische Königin ebenso selbstverständlich zu Gast war wie der Kapitalismuskritiker Thomas Piketty oder der diesjährige Friedenspreisträger Amartya Sen, zu ersetzen wäre, das lässt sich kaum ausmalen. Dass jedenfalls eine vergleichbare Atmosphäre, die den Raum für Ideen und Möglichkeiten physisch derart öffnet, von einem anderen Hotel geschaffen werden kann, dafür braucht es viel Phantasie.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

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