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Buchmesse-Gastland Litauen : Vom Schicksal der einfachen Leute

Laisve bedeutet Freiheit: Schriftzug vor dem Präsidentenpalast in der litauischen Hauptstadt Vilnius Bild: dpa

Litauen ist Gastland der an diesem Donnerstag beginnenden Leipziger Buchmesse: Was hat uns das Land, dessen Schriftsteller sich erst nach der Wende frei entfalten konnten, literarisch zu bieten?

          In seinen gerade auf Deutsch erschienenen Erinnerungen „Der magnetische Norden“ schildert der litauische Lyriker und Essayist Tomas Venclova, wie er sich auf dem Rückweg nach seinem ersten Schultag auf einem Gymnasium im vom Krieg entleerten Vilnius in den Ruinen der Stadt verlaufen hat. Dieses „verzweifelte Herumirren auf der Suche nach meinem Zuhause“ sei später zu „einer Art persönlichem Symbol“ für ihn geworden, sagt Venclova in dem Dialog mit der amerikanischen Schriftstellerin Ellen Hinsey, bei dem ihm das Kunststück gelingt, ohne jedes Pathos zu erzählen, wie Wahrheit über Lüge und Freiheit über Unterdrückung siegt.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Venclova wuchs in den vierziger und fünfziger Jahren nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinn in einer Ruinenlandschaft auf: Was nach den Verboten der sowjetischen Besatzer von der litauischen Literatur noch erlaubt war, sah aus wie eine in Trümmer gelegte Stadt. Alle Autoren, die vor der Roten Armee nach Westen geflohen waren, alle, die ins Gefängnis geworfen oder nach Sibirien deportiert worden waren, und auch ein Teil jener, die einfach nur verstummt waren, wurden von den kommunistischen Machthabern mit einem Tabu belegt. Daneben blieben nicht mehr viele übrig.

          Zwischenräume, in denen freies Denken wuchs

          Seine Generation sei von dem Glauben geeint worden, dass sie eine Aufgabe zu erfüllen habe, sagt Venclova: „Die Kette der kulturellen Erinnerung war gerissen und musste wiederhergestellt werden.“ In dieser selbstgestellten Aufgabe steckt ein wesentliches Motiv der gesamten litauischen Literatur, ja Kultur seit Beginn des nationalen Erwachens Mitte des neunzehnten Jahrhunderts: die Selbstbehauptung unter widrigen Umständen. Diese Konzentration aufs Überleben bedeutet indes nicht, dass litauische Autoren nur um die Identität der eigenen Nation kreisten, im Gegenteil: Die Bücher, die zum Auftritt Litauens als Gastland der heute beginnenden Leipziger Buchmesse erschienen sind, geben einen starken Eindruck davon, dass die litauische Literatur nicht nur den gut drei Millionen Litauern viel zu sagen hat.

          Venclovas Bericht über die seelenverstümmelnde Macht einer totalitären Herrschaft und über die Grenzen, an die sie stößt in ihrem Streben, sich die Menschen untertan zu machen, ist ein besonders markantes Beispiel dafür. Als Sohn eines linientreuen sowjetischen Dichters und Literaturfunktionärs, als Dissident und später als Exilant hat er den Mechanismus der Diktatur aus unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt. Mit der von feiner Selbstironie geprägten Schilderung seines Lebenswegs öffnet Venclova den Blick für die Zwischenräume, in denen in der Sowjetunion freies Denken wuchs: Jene Reste der abgerissenen „Kette der kulturellen Erinnerung“, an die Venclova später anknüpfen konnte, fand er in der Bibliothek seines Vaters; die politische und poetische Weltsicht des litauischen Patrioten wurde zu einem großen Teil durch russische Dissidenten und Dichter geformt. Angesichts der heute im Windschatten von Brexit, Trump und Le Pen auch unter eigentlich klugen Köpfen in Mode kommenden Klage über die Haltlosigkeit des liberalen Kosmopolitismus gewinnt Venclovas Zeugnis besondere Aktualität: Er ist einer, der immer fest in der Kultur seines Heimatlandes verwurzelt blieb und gleichzeitig in der Lage war, das Exil als Chance zu begreifen, in der ganzen Welt heimisch zu werden.

          Fast drei Jahrzehnte nach seinem Tod

          Einer ganz anderen, nämlich traumatischen Erfahrung des Exils begegnet man in dem großen Roman „Das weiße Leintuch“ von Antanas Škema, der eine Generation älter war als der 1937 geborene Venclova. Das Anfang der fünfziger Jahre in den Vereinigten Staaten geschriebene Buch behandelt die andere Seite jenes Exodus, der Venclova in einem seiner Elite beraubten Land aufwachsen ließ. Es erzählt die Geschichte eines gewaltsam entwurzelten Intellektuellen, der mit der Heimat auch alle inneren wie äußeren Gewissheiten verloren hat.

          Škema gilt heute als einer der wichtigsten Autoren der litauischen Literatur – und es entspräche dem literarischen Rang seines Werkes, wenn er nun auch international Anerkennung fände. Die verspätete Wahrnehmung liegt freilich nicht nur daran, dass die litauische Literatur mangels Übersetzungen bisher den eigenen Sprachraum kaum verlassen hat. Nach Škemas Unfalltod im Alter von nur fünfzig Jahren 1961 dauerte es fast drei Jahrzehnte, bis er seinen Platz in der litauischen Literaturgeschichte fand: Die Exil-Gemeinde in den Vereinigten Staaten nahm ihm übel, dass er auf künstlerischer Autonomie beharrte und sich weigerte, seine Literatur in den Dienst der Befreiung Litauens zu stellen. Und in Litauen selbst konnte die Wirkungsgeschichte Škemas erst beginnen, als die Sowjetherrschaft zu Ende ging.

          Einer der ersten, die den Bann zu brechen wagten

          Hinzu kam ein Gegensatz, der mittlerweile an Bedeutung verloren hat: Škema steht (wie Venclova) für eine urbane Kultur, während der Hauptstrom der litauischen Literatur von den Anfängen im neunzehnten Jahrhundert bis in die späten Sowjetjahre vom Dorf geprägt war. Das Litauische wurde vor zweihundert Jahren fast nur noch von Bauern gesprochen. Die ersten Literaten waren Bauernsöhne und -töchter, die Mehrzahl der Intellektuellen der Zwischenkriegszeit stammte vom Land, und nach deren Vertreibung oder Deportation durch die Sowjets wurde die litauische Literatur von einer Generation neu geschaffen, die aus den vom Partisanenkrieg gegen die Sowjetherrschaft, Deportationen und Zwangskollektivierung gezeichneten Dörfern in die Städte gewandert war.

          Seinen Ausdruck finden konnte das freilich bis Ende der achtziger Jahr fast ausschließlich in der Lyrik, die Volksliedtraditionen in moderne Formen überführte. Die Unmöglichkeit, unverschlüsselt über das zu schreiben, was die auf dem Land lebende oder dort wenigstens aufgewachsene Mehrheit der Litauer seit 1940 erlebt hatte, führte zu der wohl einzigartigen Situation, dass Gedichtbände höhere Auflagen erreichten als Prosa. Einer der Ersten, die es am Vorabend der Unabhängigkeitsbewegung wagten, diesen Bann zu brechen, war der 1939 geborene Romualdas Granauskas. Sein Schicksal ist typisch für litauische Prosa-Autoren der Sowjetzeit: Einzelne Erzählungen von ihm konnten zwar schon in den sechziger und siebziger Jahre erscheinen, aber die eigentliche literarische Karriere begann erst mit dem Ende der Zensur Ende der Achtziger – das hat Granauskas mit Jurgis Kunčinas gemeinsam, dem Autor des wunderbaren Romans „Tula“.

          Auf Dauer ist diese Gattung ermüdend

          Von Granauskas ist nun auf Deutsch unter dem Titel „Die traurigen Flüsse“ ein schmaler Band von lose miteinander verbundenen Kurzgeschichten erschienen. Darin erzählt er in äußerst knapper, aber gleichwohl bildmächtiger Sprache die Schicksale einfacher Leute in einem Dorf irgendwo im Westen Litauens von der Nachkriegszeit bis in die ersten Jahre der Unabhängigkeit. Das Buch ist ein kleines Meisterwerk – ein ergreifendes Denkmal für Menschen, die unter die Räder der Geschichte geraten sind.

          In Litauen gilt Granauskas mittlerweile als Klassiker. Tatsächlich aber wirkte er mit seiner Verwurzelung in der Tradition bei seinem Tod 2014 schon wie ein Fremdkörper in der Literaturszene, die in den Jahren der Unabhängigkeit versucht hatte, sich vom Ballast der eigenen Geschichte und den überkommenen Formen zu lösen. Ein Kennzeichen dieser Entwicklung ist die Konzentration aufs eigene Befinden bei gleichzeitiger Abwendung von allem, was nach Politik und gesellschaftlichen Themen klingt. Seinen Ausdruck findet das in zahlreichen als „Essays“ bezeichneten Texten – frei fließenden Reflexionen an der Grenze zur Fiktion, in denen die Autoren über sich und die Welt sinnieren. Darunter finden sich manche Perlen, aber auf Dauer ist diese Gattung ermüdend. Es ist wohl kein Zufall, dass ihre besten Beispiele – etwa „Die Straße zwischen zwei Kirchen“ von Eugenijus Ališanka in einer „Risse“ betitelten Sammlung seiner Texte – Versuche sind, einen neuen Blick auf die eigene Vergangenheit zu gewinnen.

          Spiel mit den Grundfragen der Existenz

          Eigenartigerweise fehlen in der Liste der zur Leipziger Buchmesse übersetzten Titel die beiden Romane, die in Litauen mit großem Abstand alle Auflagenrekorde halten und zugleich auf sehr unterschiedliche Weise auch qualitativ herausragen. Das ist zum einen „Vilnius Poker“ des 2002 verstorbenen Ričardas Gavelis. Bei seinem Erscheinen 1989 – auf dem Höhepunkt der Unabhängigkeitsbewegung – wirkte der Roman mit seinen frontalen Angriffen auf Kommunismus und Nationalismus wie eine literarische Bombe. Seither hat diese wie ein Fiebertraum wirkende Erzählung über die Deformierung des Menschen durch kollektivistische Ideologien nichts von ihrer Aktualität verloren.

          Die zweite Leerstelle ist „Silva rerum“ von Kristina Sabaliauskaite, eine mit viel Lust am Fabulieren erzählte Familiensaga eines litauischen Adelsgeschlechts im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Die Autorin, die als Kunsthistorikerin auf diese Epoche spezialisiert ist, nutzt die im Barock allgegenwärtigen Topoi des Todes und der Vergänglichkeit für ein virtuoses Spiel mit den Grundfragen der menschlichen Existenz. Steckt man einmal in diesem Roman, ist man erst dann wieder bereit, aus den Jahren der religiösen Wirren und der Pest in die Gegenwart aufzutauchen, wenn man die letzte Seite erreicht hat.

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