https://www.faz.net/-gr0-8w5xs

Buchmesse-Gastland Litauen : Vom Schicksal der einfachen Leute

Auf Dauer ist diese Gattung ermüdend

Von Granauskas ist nun auf Deutsch unter dem Titel „Die traurigen Flüsse“ ein schmaler Band von lose miteinander verbundenen Kurzgeschichten erschienen. Darin erzählt er in äußerst knapper, aber gleichwohl bildmächtiger Sprache die Schicksale einfacher Leute in einem Dorf irgendwo im Westen Litauens von der Nachkriegszeit bis in die ersten Jahre der Unabhängigkeit. Das Buch ist ein kleines Meisterwerk – ein ergreifendes Denkmal für Menschen, die unter die Räder der Geschichte geraten sind.

In Litauen gilt Granauskas mittlerweile als Klassiker. Tatsächlich aber wirkte er mit seiner Verwurzelung in der Tradition bei seinem Tod 2014 schon wie ein Fremdkörper in der Literaturszene, die in den Jahren der Unabhängigkeit versucht hatte, sich vom Ballast der eigenen Geschichte und den überkommenen Formen zu lösen. Ein Kennzeichen dieser Entwicklung ist die Konzentration aufs eigene Befinden bei gleichzeitiger Abwendung von allem, was nach Politik und gesellschaftlichen Themen klingt. Seinen Ausdruck findet das in zahlreichen als „Essays“ bezeichneten Texten – frei fließenden Reflexionen an der Grenze zur Fiktion, in denen die Autoren über sich und die Welt sinnieren. Darunter finden sich manche Perlen, aber auf Dauer ist diese Gattung ermüdend. Es ist wohl kein Zufall, dass ihre besten Beispiele – etwa „Die Straße zwischen zwei Kirchen“ von Eugenijus Ališanka in einer „Risse“ betitelten Sammlung seiner Texte – Versuche sind, einen neuen Blick auf die eigene Vergangenheit zu gewinnen.

Spiel mit den Grundfragen der Existenz

Eigenartigerweise fehlen in der Liste der zur Leipziger Buchmesse übersetzten Titel die beiden Romane, die in Litauen mit großem Abstand alle Auflagenrekorde halten und zugleich auf sehr unterschiedliche Weise auch qualitativ herausragen. Das ist zum einen „Vilnius Poker“ des 2002 verstorbenen Ričardas Gavelis. Bei seinem Erscheinen 1989 – auf dem Höhepunkt der Unabhängigkeitsbewegung – wirkte der Roman mit seinen frontalen Angriffen auf Kommunismus und Nationalismus wie eine literarische Bombe. Seither hat diese wie ein Fiebertraum wirkende Erzählung über die Deformierung des Menschen durch kollektivistische Ideologien nichts von ihrer Aktualität verloren.

Die zweite Leerstelle ist „Silva rerum“ von Kristina Sabaliauskaite, eine mit viel Lust am Fabulieren erzählte Familiensaga eines litauischen Adelsgeschlechts im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Die Autorin, die als Kunsthistorikerin auf diese Epoche spezialisiert ist, nutzt die im Barock allgegenwärtigen Topoi des Todes und der Vergänglichkeit für ein virtuoses Spiel mit den Grundfragen der menschlichen Existenz. Steckt man einmal in diesem Roman, ist man erst dann wieder bereit, aus den Jahren der religiösen Wirren und der Pest in die Gegenwart aufzutauchen, wenn man die letzte Seite erreicht hat.

Weitere Themen

Was der baltische Weg bewirkt hat

FAZ Plus Artikel: Vor 30 Jahren : Was der baltische Weg bewirkt hat

Am 23. August 1989 schlossen sich rund zwei Millionen Demonstranten zu einer 670 Kilometer langen Menschenkette zusammen. In der Erinnerung vieler Litauer spielt der „Baltische Weg“ auch heute noch eine besondere Rolle.

Umweltschonend, nachhaltig und wettbewerbsfähig Video-Seite öffnen

Deutsche Luftfahrt : Umweltschonend, nachhaltig und wettbewerbsfähig

Die deutsche Luftfahrt soll in Zukunft umweltschonender und nachhaltiger werden, zugleich aber international wettbewerbsfähig bleiben und sichere Arbeitsplätze bieten: Zu diesen Zielen haben sich Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften bei der ersten nationalen Luftfahrtkonferenz in Leipzig bekannt.

Topmeldungen

Waldbrand im Naturpark Chapada dos Guimaraes im brasilianischen Amazonasgebiet.

Vor G-7-Gipfel : Es brennt

Werden die Tage in Biarritz vom Bemühen um Geschlossenheit geprägt sein oder von Eklat, Zerwürfnissen und Widerlagern? Fest steht schon jetzt: Der Westen hat gerade nicht seine stärksten Tage.
Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
Verkehrsminister Andreas Scheuer

Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

Die Pkw-Maut kommt nicht - jetzt werden die Verträge aufgearbeitet. Hat Verkehrsminister Scheuer getrickst, damit die Mauterhebung billiger aussieht?

Asteroid Ryugu : Poröser Schutthaufen in den Tiefen des Alls

Der Landesonde „Mascot“ blieben im vergangenen Jahr nur wenige Stunden, um die Oberfläche des Asteroiden „Ryugu“ zu erkunden. Die Zeit reichte, um sich ein Bild von dem urtümlichen Himmelskörper zu machen, wie die nun veröffentlichte Daten und Fotos zeigen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.