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Buchmesse-Gastland Litauen : Vom Schicksal der einfachen Leute

Fast drei Jahrzehnte nach seinem Tod

Einer ganz anderen, nämlich traumatischen Erfahrung des Exils begegnet man in dem großen Roman „Das weiße Leintuch“ von Antanas Škema, der eine Generation älter war als der 1937 geborene Venclova. Das Anfang der fünfziger Jahre in den Vereinigten Staaten geschriebene Buch behandelt die andere Seite jenes Exodus, der Venclova in einem seiner Elite beraubten Land aufwachsen ließ. Es erzählt die Geschichte eines gewaltsam entwurzelten Intellektuellen, der mit der Heimat auch alle inneren wie äußeren Gewissheiten verloren hat.

Škema gilt heute als einer der wichtigsten Autoren der litauischen Literatur – und es entspräche dem literarischen Rang seines Werkes, wenn er nun auch international Anerkennung fände. Die verspätete Wahrnehmung liegt freilich nicht nur daran, dass die litauische Literatur mangels Übersetzungen bisher den eigenen Sprachraum kaum verlassen hat. Nach Škemas Unfalltod im Alter von nur fünfzig Jahren 1961 dauerte es fast drei Jahrzehnte, bis er seinen Platz in der litauischen Literaturgeschichte fand: Die Exil-Gemeinde in den Vereinigten Staaten nahm ihm übel, dass er auf künstlerischer Autonomie beharrte und sich weigerte, seine Literatur in den Dienst der Befreiung Litauens zu stellen. Und in Litauen selbst konnte die Wirkungsgeschichte Škemas erst beginnen, als die Sowjetherrschaft zu Ende ging.

Einer der ersten, die den Bann zu brechen wagten

Hinzu kam ein Gegensatz, der mittlerweile an Bedeutung verloren hat: Škema steht (wie Venclova) für eine urbane Kultur, während der Hauptstrom der litauischen Literatur von den Anfängen im neunzehnten Jahrhundert bis in die späten Sowjetjahre vom Dorf geprägt war. Das Litauische wurde vor zweihundert Jahren fast nur noch von Bauern gesprochen. Die ersten Literaten waren Bauernsöhne und -töchter, die Mehrzahl der Intellektuellen der Zwischenkriegszeit stammte vom Land, und nach deren Vertreibung oder Deportation durch die Sowjets wurde die litauische Literatur von einer Generation neu geschaffen, die aus den vom Partisanenkrieg gegen die Sowjetherrschaft, Deportationen und Zwangskollektivierung gezeichneten Dörfern in die Städte gewandert war.

Seinen Ausdruck finden konnte das freilich bis Ende der achtziger Jahr fast ausschließlich in der Lyrik, die Volksliedtraditionen in moderne Formen überführte. Die Unmöglichkeit, unverschlüsselt über das zu schreiben, was die auf dem Land lebende oder dort wenigstens aufgewachsene Mehrheit der Litauer seit 1940 erlebt hatte, führte zu der wohl einzigartigen Situation, dass Gedichtbände höhere Auflagen erreichten als Prosa. Einer der Ersten, die es am Vorabend der Unabhängigkeitsbewegung wagten, diesen Bann zu brechen, war der 1939 geborene Romualdas Granauskas. Sein Schicksal ist typisch für litauische Prosa-Autoren der Sowjetzeit: Einzelne Erzählungen von ihm konnten zwar schon in den sechziger und siebziger Jahre erscheinen, aber die eigentliche literarische Karriere begann erst mit dem Ende der Zensur Ende der Achtziger – das hat Granauskas mit Jurgis Kunčinas gemeinsam, dem Autor des wunderbaren Romans „Tula“.

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