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Beobachtet Vögel und setzt auf analoge Tugenden: Jenny Odell Bild: Ryan Meyer

Plädoyer fürs Nichtstun : Ein Ich auf Wanderschaft

  • -Aktualisiert am

Nichts wie raus aus der spätkapitalistischen Einöde: Jenny Odell plädiert für mehr Widerstand gegen die Aufmerksamkeitsökonomie. Denn digitale Zerstreuung und permanente Selbstoptimierung gefährden unser politisches Bewusstsein.

          13 Min.

          Im Oktober 2016 führte die amerikanische Digitalkünstlerin Jenny Odell die Teilnehmer einer Vortragsreihe in San Francisco in einem virtuellen Rundgang durch eine lang vergangene Ära: die Mitte der Neunzigerjahre – eine Zeit, in der die Menschen dem Internet vor allem noch mit Verwirrung begegneten. Niemand wusste, wie man dieses Internet begreifen sollte, also sah man sich VHS-Kassetten und Fernsehspots an, in denen freundliche Männer in gebügelten Hemden es mit dem Autobahnsystem ver­glichen, während irgendein Jugendlicher im Hintergrund auf einem Bürostuhl balancierend Surf-Bewegungen machte. Beschloss man, sich die neue Welt nicht nur anzusehen, sondern sich ihr einzuschreiben, diskutierte man auf nichtkommerziellen Plattformen wie Usenet über Science-Fiction und Paläontologie und baute sperrige Geocities-Websites, auf denen man seine Haustiere präsentierte und blinkende Schreine für die Schauspieler von „Akte X“ errichtete.

          Die Nutzer mit den reinsten Herzen nannten sich „netizens“, eine Ableitung von „citizens“, also Bewohner eines abgesteckten Raums mit Rechten und Pflichten. Selbst skeptischere Gemüter hatten Grund zu glauben, das Internet würde die Erledigung von Dingen erleichtern, die man ohnehin tat – Zeitung lesen, ein Adressbuch führen, mit Kollegen kommunizieren und gleichzeitig zu Hause ein Sandwich essen –, nicht aber eine völlig neue Realität erschaffen, in der unsere Neugier und Geselligkeit zunehmend dazu missbraucht werden, die finanzielle und politische Macht riesiger Technologiekonzerne zu vergrößern.

          Der Vortrag, den Odell „How to Internet“ nannte, endete ursprünglich mit einer Anekdote über eine Zugfahrt, auf der sie ein angespanntes, bereicherndes Gespräch mit einem, wie sie vermutete, Trump-affinen Armeeveteranen und seinem Enkel geführt hatte, an deren Tisch sie im Speisewagen gesetzt worden war. Sie plädierte für „mehr Speisewagen im Internet“, mehr Zufälle, mehr spontanen Austausch mit Fremden, wie es ihn ja schon einmal gegeben hatte.

          Die Zerstückelung von Zeit in monetarisierbare Stunden

          Doch als sie sich zwei Monate später daranmacht, den Vortrag zu verschriftlichen, hat der Ausgang der Präsidentenwahl diese Überzeugung bereits so naiv erscheinen lassen wie die alte Autobahn-Metapher: Wenn das Internet immer noch eine Autobahn ist, schreibt sie nun, dann eine, „auf der man auf der Basis von bisherigem Verhalten (und Kaufhistorie) gezwungen wird, zu den immer gleichen Orten zurückzukehren. Tatsächlich scheint der Highway selbst immer wieder in die eigene Nachbarschaft zurückzuführen, während andere Leute ihre eigenen festgelegten Routen haben, die nichts mit den eigenen gemeinsam haben.“

          Ungefähr zur selben Zeit beginnt Odell, fast täglich das Morcom Amphitheater of Roses zu besuchen, einen neunzig Jahre alten Rosengarten in ihrer Nachbarschaft in Oakland. Umgeben von Vögeln, deren Bestimmung sie mit David Sibleys Vogelbeobachter-Bibel allmählich lernt, sitzt sie stundenlang einfach nur da. Morgens lungert sie vor ihrem Küchenfenster herum, um eine Krähe und ihr Junges dabei zu beobachten, wie sie vom gegenüberliegenden Telefondraht in waghalsigen Sturzflügen auf die von ihr auf den Balkon geworfenen Erdnüsse zusteuern, und sich wiederum von ihnen beobachten zu lassen. Abends nach der Arbeit – Odell lehrt an der Kunstfakultät in Stanford – ertappt sie sich dabei, wie sie einen Umweg von der Bushaltestelle nimmt, um an einem Nachtreiher-Pärchen vorbeizukommen, dessen laserrote Augen und weiße Bäuche sie auf merkwürdig tröstende Weise an Geister erinnern, Geister aus Oaklands vorzivilisatorischer Vergangenheit als Sumpfgebiet.

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