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Luxemburgische Literatur : Hinter der Treppe

Elise Schmit, die in diesem Jahr den renommiertesten luxemburgischen Literaturpreis, den Prix Servais, erhalten hat, ist in Luxemburg so etwas wie ein literarischer Star. Was bedeutet, dass sie ungefähr 1500 Bücher verkauft hat. Dass man diese Zahlen in keiner Weise mit deutschen Verkaufszahlen vergleichen kann, versteht sich. Sie sind aber auch in Luxemburg viel zu niedrig, um davon zu leben. So arbeitet Elise Schmit denn auch hauptberuflich als Lehrerin. Dieses Geldproblem stellt sich nicht nur den Schreibenden, sondern auch ihren Verlegern. Deren Verlage bekommen Subventionen, die gerade die Druckkosten decken. Während österreichische und schweizerische Verlage ihre Bücher relativ selbstverständlich auch in Deutschland vertreiben, tun luxemburgische das in der Regel nicht. So erreichen sie ein Publikum von rund 600.000 Lesern. Dass davon nicht unbedingt alle die Sprache des Buches sprechen, kommt hinzu.

Literatur am Rand?

Die Éditions Guy Binsfeld hat eine alte Gaststätte zu ihrem Sitzungsraum und Verlagscafé umfunktioniert. An den Fenstern ist in schnörkeliger Schrift zu lesen, was früher in diesen Räumen zu finden war, auch die Einrichtung mit ihren alten Holztischen ist erhalten geblieben. Es soll ein Treffen werden zwischen luxemburgischen und deutschen Verlegern, ein Austausch über die Buchkultur. Schon bald kommt es zur lebhaften Diskussion: Warum deutschsprachige luxemburgische Autoren auch in luxemburgischen Buchhandlungen immer nur in der Ecke der „Luxemburgensia“ zu finden seien, der Literatur aus und über Luxemburg, will eine deutsche Teilnehmerin wissen. Das allein wäre nicht unbedingt ein Problem, doch sei diese, wie die deutsche Besucherin anmerkt, deutlich schwieriger zu finden als die restliche deutsch- und französischsprachige Literatur. Die läge gleich am Eingang auf großen Tischen, während die Luxemburger ihren Platz eher „hinter der Treppe“ hätten.

Die Luxemburger stimmen zu, ja, das sei oft so. Was dazu führe, dass ihre Literatur oft ein regionales, um nicht zu sagen: provinzielles Image habe, das ihr jedoch nicht gerecht werde. Passend dazu liest man in der Wochenzeitung „Woxx“ über Elise Schmits Kurzgeschichtensammlung: „Was aber vor allem bei ,Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen' auffällt, ist die Abwesenheit Luxemburgs in den Geschichten.“ Als wäre zu erwarten, dass eine luxemburgische Autorin zwingend über Luxemburg schreiben müsse und jede Abkehr davon gleich als Ausbruch zu bewerten sei. Oder ist es so, dass deutsche Leser keine Bücher lesen möchten, die in Luxemburg spielen? Warum scheint bei luxemburgischer Literatur die Herkunft eine solch große Rolle zu spielen? Denkt man an deutschsprachige Autoren aus Österreich oder der Schweiz, stellt sich die Situation schließlich vollkommen anders dar. Man lehnt sich wahrscheinlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man vermutet, der Großteil der Leser Daniel Kehlmanns habe nie darüber nachgedacht, dass der Autor Österreicher ist.

Im Café littéraire Le Bovary, einer Bar mit Ohrensesseln und Bücherregalen, schwärmt Elise Schmit von ihrem Sommer in Berlin. Als Gast des Literarischen Colloquiums habe sie nur geschrieben und viele Autoren kennengelernt. Die Luxemburgische Szene ist dagegen sehr klein. Jeder kennt jeden. Jeder kennt Schmit. „Elise! Elise!“, hört man immer wieder. Ihre Bekanntheit scheint die luxemburgische Bescheidenheit jedoch nicht ganz verdrängt zu haben. Kürzlich, so erzählt sie, habe sie eine Lesung mit Saša Stanišić gehabt. Man merkt, wie sie sich noch immer darüber wundert. Dabei wäre es an der Zeit, den hinteren Platz zu verlassen.

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