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Brexit : Auf Monsterjagd

Potentielles Brexit-Opfer: der Grüffelo Bild: Orange Eyes Ltd

Welche Folgen hätte der Brexit? Eines zumindest ist klar: die Entstehung eines britisch-deutschen Kunstwerks wie „Der Grüffelo“ wäre nur noch schwer möglich.

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          Ein wahres Monster sei die Europäische Union, da sind sich ihre Gegner nicht nur in Großbritannien einig: Bürokratie, Regulierungswahn, Demokratiedefizit, Jobvernichtung durch Billigkonkurrenz und dergleichen mehr sind die Züge, die dieses Monster trage, und das britische Referendum über den Austritt aus der EU ist in diesem Licht betrachtet ein Akt, den seine Betreiber wahrscheinlich in die urbritische Tradition von Beowulfs Kampf mit Grendel stellen möchten. Bekanntlich wurde der Krieger nach vollbrachter Tat als Held gefeiert, doch ob die Analogie ganz aufgeht, mag man bezweifeln.

          Denn unerwartet ist nun ein weiteres Ungetüm aufgetaucht, dessen Schöpfer auch noch darauf pocht, wie eng die Existenz dieses Monsters mit den Freiheiten zusammenhängt, die der Staatenbund seinen Bürgern schenkt. Ohne diese, schreibt der deutsche Illustrator Axel Scheffler auf der Homepage seines britischen Verlags Nosy Crow, wäre er niemals zum Kunststudium nach England gekommen, er hätte niemals gemeinsam mit der schottischen Autorin Julia Donaldson den Grüffelo erfunden, von all den anderen gemeinschaftlich publizierten Büchern ganz zu schweigen.

          „Der Grüffelo“ als Vorzeigebeispiel

          „Der Grüffelo“, schreibt Scheffler zu Recht, „ist ein britisch-deutsches Gemeinschaftskunstwerk.“ Das Beispiel ist gut gewählt, auch hinsichtlich seiner ökonomischen Bedeutung: Kein Grüffelo, das bedeutete zwei Millionen Kinderbücher weniger weltweit, gar nicht gerechnet die Fortsetzungen, Theaterstücke und Filme, die Ausmalbücher und Stoffpuppen, die nach dem Buch entstanden sind. Man könnte auch nach dem Einfluss fragen, den die Bücher vom Grüffelo auf die Lesesozialisation britischer Kinder haben und den Scheffler selbst mit vielen Auftritten befördert.

          Doch Schefflers Erinnerung an die Bedeutung, die der Wegfall von Barrieren gerade auf dem Feld der Kinderbücher hat, zielt weit über das eigene Werk hinaus: Judith Kerr, mit deren Bilderbüchern in England Millionen Kinder aufgewachsen sind, ist einst als Flüchtling ins Land gekommen, und es ist fraglich, ob ihrer Familie das unter den heutigen Bedingungen in England noch gelänge. Man stelle sich jedenfalls vor, wie die Brexit-Aktivisten nach einer gewonnenen Abstimmung siegestrunken nach Hause kommen. „Was bedeutet das, Daddy?“, fragen ihre Kinder. Eine ehrliche Antwort, die Schefflers Einwand berücksichtigte, wäre: „Es bedeutet, dass es noch so etwas wie den Grüffelo nicht mehr geben wird, Liebes.“ Der Hausfrieden wäre dahin.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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