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Buchmessengastland Österreich : Macht die Suada schon den Österreicher?

  • -Aktualisiert am

Zu schön, um wahr zu sein? Das Thomas-Bernard-Haus in Obernathal Bild: Pictue Alliance

Heimatliebe und wohlfeile Lethargie: Bei einer Vorstellung seiner Besonderheiten läuft sich Österreich als literarisches Gastland der nächsten Leipziger Buchmesse warm, die nun Ende April 2023 stattfinden soll.

          2 Min.

          Dass der Himmel plötzlich aus Tinte ge­macht ist, scheint ganz angemessen, und dass nach mehr als drei Monaten scheinbar endlosem Sommer plötzlich der Vorhang fällt und die Temperatur in ganz Mitteleuropa über Nacht in den Keller, ebenso, denn die Fahrt geht schließlich zum Haus des großen literarischen Grantlers und Miesepeters Thomas Bernhard. Da hätte Sonne nicht recht gepasst, und auf einem Podium zur Frage, was österreichische Literatur denn ausmache, war am Vorabend in Salzburg schon die Rede von einer Negativität mit der Bereitschaft, ins Positive zu kippen: Damit ist die Bühne also neu bereitet für das Gastland der Leipziger Buchmesse im kommenden Frühjahr, das sich bei einer Reise in sein Inneres vorstellt.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Nun sitzt ein kleiner Teil des deutschen Literaturbetriebs in der zugigen Scheune des oberösterreichischen Vierkanthofes in Obernathal bei Ohlsdorf, den Bernhard 1965 mit dem Geld eines Literaturpreises erwarb und ihn sukzessive heimelig machte. Bei den Wohnräumen ist ihm das gut gelungen, wie die über Jahrzehnte offenbar schon mit großem Nachlassbewusstsein darin angesammelten Dinge im heutigen Museum zeigen; die zur Aufführungsstätte umfunktionierte Scheune indes ist für sommerlichere Temperaturen gedacht, sodass man von Schottendecken und Birnenschnaps gewärmt der dargebotenen Lesung lauscht. Es liest, hinter seiner großen, etwas an Georg Kreisler erinnernden Brille und mit wilden Haaren, der Schriftsteller Michael Stavarič aus einem noch unveröffentlichten Thomas-Bernhard-Roman, Arbeitstitel „Das Phan­tom“, der allerdings, was Endlossätze angeht, das Vorbild wohl noch bei Weitem übertreffen will.

          Wohlfeilste Lethargie

          Stavarič, der 1972 in Brünn geboren wurde, als Kind nach Österreich kam und in der Provinz des Weinviertels aufwuchs, umkreist darin Episoden des Aufwachsens eines Außenseiters wie die schwierige erste Freundschaft und die Suche nach einem geeigneten Haustier. Die Wahl fällt auf eine schwarze Mamba: „Ich ertappte mich im Fachgeschäft mehrmals dabei, mit den Fingern gegen die Scheiben zu klopfen, als gebe es ein auch schlangengeläufiges und vielleicht auch nur rudimentär bekanntes Morsealphabet, um wohlweislich Reaktionen bei den ansatzweise in Frage kommenden Kandidaten auszulösen, die freilich in ihrer von mir erhofften Dimension ausblieben, überall nur die gleiche zurschaugestellte wohlfeile, ja wohlfeilste Lethargie, die sich zu allem Überfluss schon nach wenigen Minuten auf mich selbst zu übertragen schien . . .“

          Schaukasten vor dem Bernhard-Haus in Obernathal
          Schaukasten vor dem Bernhard-Haus in Obernathal : Bild: Jan Wiele

          Unter der Schottendecke ertappen wir uns bei der Frage, ob denn die Suada das einfachste Erkennungsmerkmal für österreichische Literatur sei und ob es gewisse Lebensumstände gibt, in denen man gar nicht mehr anders kann, als zu einer Suada anzusetzen, um sich gegen alle Welt zu verteidigen und nicht in Lethargie zu verfallen, und während Stavarič also noch etwas weiter suadiert, gleitet unser Geist zu weiteren Merkmalen der österreichischen Literatur, die bei jedem Darübernachdenken schnell unter Klischeeverdacht geraten: das Böse, das Anti-Heimatliche, in dem sich womöglich nur eine verkappte Heimatliebe ausdrückt; und ist es nicht gerade der deutsche Buchmarkt, der diese Merkmale oder Klischees so liebt, dass er sie immer wieder großmacht, und hat nicht Thomas Bernhard gerade davon sehr profitiert, und was, denken wir unter der Schottendecke, bedeutet es eigentlich, dass im Bernhard-Haus wie in einem amerikanischen Dichterhaus alle diese Heimatgegenstände drapiert sind, die Wirtshausmöbel, der Wetterfleck aus grauem Loden an der Garderobe, die grünen Kachelöfen, drückt sich darin nun wirklich seine Heimatliebe aus, oder ist es nur eine böse Inszenierung, um der Nachwelt eine Nase zu drehen, und will nicht auch das kuriose österreichische Gastlandmotto, „meaoiswiamia“ (Hochdeutsch: „mehr als wir“), das man ja fast schon als Mini-Suada bezeichnen kann, diese Heimatverbundenheit einerseits mundartlich ausdrücken und andererseits ihre Exklusivität inhaltlich konterkarieren? – und in diesem Moment bricht Stavarič plötzlich ab und sagt, das werde jetzt zu lang, im Buch werde die gerade angelesene Szene dann übrigens etwa vierzig Seiten umfassen. Was könnte schöner sein als Einstimmung auf dieses literarische Gastland?

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