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500 Jahre Talmud aus Venedig : Wenn es der Papst schon persönlich verlangt

  • -Aktualisiert am

Ein Wunderwerk der Druckkunst: Daniel Bombergs von 1519 bis 1523 entstandener Talmud Bild: The New York Times/Redux/laif

Vor fünfhundert Jahren begann in Venedig die Herstellung der ersten gedruckten Ausgabe des Talmuds. Um sein Unternehmen verwirklichen zu können, musste ein christlicher Kaufmannssohn aus Antwerpen einige Tricks anwenden.

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          In einem Pamphlet des Erfurter Druckers Michel Buchführer vom März 1524 mit dem Titel „Ein gesprech auff das kurtzt zwischen eynem Christen und juden ... den Eckstein Christum betreffendt“ sitzen zwei Händler in einem Wirtshaus. „Wil mich auff Venedig zu keren“, sagt der eine, „do selbst sollen sein ein reicher Christ und jude die selbigen haben ein merklich gelt tzüsamen gelegt wie wyr gehört und drucken itzunt auff ein newes die Bibel und den Talmundt hebreisch der soll ich ettliche den juden hinnein gegen Prag bestellen.“ Die Offizin Daniel Bombergs in Venedig, von der hier die Rede ist, war erst seit neun Jahren im Geschäft, aber der Ruhm ihrer Ausgaben der ersten Rabbinischen Bibel (1515–1517) und des Babylonischen Talmuds (1519–1523) hatte sich bereits weit verbreitet und hält bis heute an. Bombergs Bibel und sein Talmud waren jedoch nicht nur intellektuelle und handwerkliche Gipfel im Gewusel des italienischen Buchdrucks jener Zeit, sie wurden auch essentielle Stabilisatoren für eine seit 1492 wieder einmal in ihren Grundfesten erschütterte jüdische Kultur.

          Der Erfurter Händler war gut, aber nicht genau informiert. Finanziert wurde die „auff ein newes“ Hebräisch druckende Offizin nämlich nur von einem Christen; die Juden waren bei ihm lediglich Angestellte, da sie selbst keine Druckereien besitzen durften. Sie erledigten die Kopf- und Handarbeit, Bomberg leitete den komplexen Vertrieb auch und gerade in die obersten katholischen Kreise, wo die „hebraica veritas“, das in der hebräischen Sprache verankerte „geheime“ Wissen um die letzten Dinge und das Wesen Gottes, hoch in Kurs stand. Jüdische Gelehrtheit, immenser Fleiß, exquisiter Geschmack, internationale Geschäftsbeziehungen und sehr viel Geld führten in der vielsprachigen multikulturellen Offizin Bombergs zur ersten kompletten Drucklegung der fundamentalen Werke des Judentums.

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