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Treffen mit Virginie Despentes : Schreibend mit Paris verschmelzen

Die französische Schriftstellerin Virginie Despentes Bild: Ferrane Vincent / modds

Ausgerechnet Virginie Despentes, bei uns bekannt als Provokateurin und Pornographin, hat einen ergreifenden Roman über die französische Gesellschaft geschrieben. Eine Begegnung mit der Autorin in Belleville.

          Sie hat es geschafft. Überall in den Buchhandlungen in Paris liegt ihre Trilogie „Vernon Subutex“ auf den Tischen, deren dritter Band in Frankreich gerade erschienen ist. Im vergangenen Jahr wurde sie als Nachfolgerin von Régis Debray in die Académie Goncourt gewählt. Neuerdings wird sie sogar mit Balzac verglichen. Niemand spricht ihr mehr ab, zu den wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur zu gehören. Und wenn man sie fragt, wie das sei, zum Establishment zu zählen, nach all den Jahren, in denen ihre Bücher eher als Punk galten, lächelt die nach außen eher abweisend wirkende Virginie Despentes ihr verhaltenes und sehr freundliches Virginie-Despentes-Lächeln und sagt: „Es fühlt sich gut an. Ich finde es sehr angenehm.“

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vierundzwanzig Jahre ist es her, dass Despentes mit ihrem Roman „Baise-moi“ und dem ein Jahr später folgenden Film, bei dem sie Regie führte, bekannt oder besser: berühmt wurde, weil der Film, der gleich zu Beginn eine Vergewaltigung in Großaufnahme zeigte, ein Skandal und zeitweilig verboten war. Da war sie Mitte zwanzig. Seither hat sie immer weiter geschrieben. In Deutschland feierte sie mit ihrem Buch „King Kong Theorie“ vor zehn Jahren einen kleinen Erfolg; ein Buch, das keine Theorie war, sondern ihre Lebensgeschichte und ein Bekenntnis: Mit siebzehn Jahren wurde Virginie Despentes vergewaltigt, als sie zusammen mit einer Freundin von London nach Hause trampte – eine Erfahrung, aus der sich ihr ganzer Furor speist.

          Nach der Schule arbeitete sie in Plattenläden, was viel Arbeit und sehr wenig Geld bedeutete, weswegen sie sich zu Hause in Lyon vor dem Minitel-Gerät fragte, ob man sich eigentlich auch als Quereinsteigerin prostituieren könnte, was sie dann tat. Bis heute verteidigt sie die Legalisierung der Prostitution und darüber hinaus das Genre des Pornofilms: „Im Pornofilm weiß man genau, dass die Leute ,es‘ tun werden, um diesen sicheren Ausgang der Geschichte braucht man sich keine Sorgen zu machen.“ Man könne nicht in einer Spektakelgesellschaft leben, in der einem an jeder Ecke Anmache, Flirt und Sex entgegenspringen, und nicht kapieren, dass Porno ein Ort der Sicherheit sei.

          „Wissen Sie, was ,Subutex’ ist?“: Virginie Despentes im Mai.

          Um Sex ging es allerdings kaum noch, als sie ihren Roman „Apokalypse Baby“ schrieb. Und auch in „Das Leben des Vernon Subutex“, wie der Titel des ersten Bandes ihrer Trilogie heißt, der in diesen Tagen auf Deutsch erscheint, sind Sex, Prostitution oder Pornographie keine bestimmenden Themen. Hier geht es um den sozialen Abstieg und das Prekariat in Frankreich. Um einen, der eben noch ein ganz normales Leben führte und mit einem Mal nichts mehr hat, also ganz auf die Hilfe derer angewiesen ist, die in seinem Leben einmal eine Rolle gespielt haben. Es sind Menschen, die sich in ihrer Lebensweise so sehr voneinander unterscheiden wie in ihren politischen Ansichten. Virginie Despentes erfasst mit ihnen die verschiedensten Facetten der französischen Gesellschaft (deshalb der Vergleich mit den Gesellschaftsromanen Honoré de Balzacs). Und sie tut dies in einem die Dinge klar benennenden, niemals verschnörkelten Ton, für den man sie nur bewundern kann; eine Sprache – das jedenfalls ist der Eindruck beim Lesen –, zu der sie mit dem „Vernon Subutex“-Projekt überhaupt erst gefunden hat.

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