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Unterrichten mit Zoom : Vierzig Augen schauen dich an

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Vervielfältigung bis ins Unendliche: Was sehe ich, wenn ich mit zwanzig anderen im virtuellen Raum etwa über Ingeborg Bachmanns Gedichte spreche? Bild: dpa/Bearbeitung F.A.Z.

Ein Bildschirm, zwanzig Studenten, als Thema ein Gedicht von Ingeborg Bachmann: Wie soll man so nur einen einzigen ihrer Sätze aufklären? Ein Gastbeitrag über virtuelles Mosaikauslesen in Zeiten von Zoom.

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          Schon merkwürdig: Im Englischen meint „instant“ unmittelbar, im Deutschen ist es eine Art eingedampfter Zustand. Instant-Kaffee, Instant-Suppen. Mit Corona, heißt es, sei es zu Hamsterkäufen in Sachen Instant gekommen. Als ob man sich das bröcklige Trockenleben noch rasch nach Hause holen musste. Wer konnte schon wissen, woran einen die Auflösung in der Tasse später erinnern würde? Gestern saß ich wieder mal in einem Zoom-Meeting. Zwanzig angehende Schauspielerinnen und Schauspieler schauten mich aus ihren Bildkacheln sanftmütig an. Sie sehen Woche für Woche ausgeruhter aus, dachte ich. Dass eine Seuche so beängstigend schön machen kann. Wie Pfingstrosen, vor Sekunden aufgeplatzt. Richard, einer der Studenten, meinte, das wäre nur der Zoom-Weichzeichner. In der Realität sei Frühling, alle schliefen schlecht und seien megafrustriert. Ich wollte da grad nicht so rein, sondern mit ihnen über Ingeborg Bachmann sprechen, genauer über eins ihrer letzten Gedichte mit dem Titel „Auflösung“.

          „Eines Tages“, heißt es da am Anfang, „es war gestern, oder ist auch gleichgültig, da setzt dieses Gesicht sich wieder zusammen.“ Ich schaute konsterniert auf meinen Monitor. Zwanzig reale Orte, irgendwo in Europa, in einem virtuellen Raum vor mir, kaum größer als dreißig mal vierzig Zentimeter. Zwanzig Gesichter, zwanzig Münder, vierzig Augen, vierzig Hände, vierzig Ohren. Alles gleichzeitig, nebeneinander, übereinander, untereinander. Lebendig und doch eine Suggestion.

          Etwas in mir fängt an zu flattern, als hätte ich zu viele Quellwolken im Hirn. Charlotta, eine Kärntnerin wie die Bachmann, erzählt aus ihrer Kachel heraus, dass das mit der Dichterin bei ihr zu Hause nicht so einfach sei. Sie würde geliebt und gehasst zugleich. – Wieso?, frage ich. Gehasst für das Trübe, Dunkle, Weinerliche, weiß sie. Die Kärntner seien eher so Naturfreaks, die es mit der Freude am Leben ziemlich genau nähmen. Und da nerve die Bachmann nun mal. Richard schiebt seinen Kopf vorn bis an den Kachelrand, als könne er auf diesem Weg eine Bildetage tiefer, direkt in Charlottas Karee rutschen. Das tue nichts zur Sache, hält er dagegen. Es gehe allein um den Text, und „Auflösung“ handele nun mal vom weiblichen Macho. Das müsse man sich klarmachen. Aber wo landete die Eroberungsfrau denn, wenn sie versuchen würde, alles umzudrehen – die Geschichte, das Geschlecht, die Gewalt? Das sei nicht weinerlich, allerdings hätte er da schon noch ein paar Fragen.

          Angekommen im hyperpoetischen Raum?

          Das mit der Bachmann, grätscht Sofie von rechts oben dazwischen, sei komplett old school und sie gefangen in der Zeit. Heute gebe es längst genug re-empowerment. – Und die Zahlen über häusliche Gewalt in Corona-Zeiten? In Frankreich sind sie um dreißig Prozent gestiegen, erklärt Hanna, vor einem giftigen Vesuv-Ausbruch als Hintergrund sitzend. Ich sehe jede Menge Hände, Augen, Münder, höre fiepende, gedimmte Stimmen, etwas dumpf wie unter Wasser. Okay, sage ich mir, ich weiß, dass das grad nicht anders geht, die Unterrichte sind besser als nichts, ein Experiment, aber was machen wir hier? Richard pocht unbeirrt weiter auf den Text. „Die gewissenlose Ausbeutung eines leidenschaftlichen Beginnens von Du“, liest er. Was soll das heißen? – Das ist der Kern, meint Colin. Das ewige Schlamassel. Lust und Kontrolle zugleich. Oder eben die Illusion davon. Die Frau hat kein Genie-Konzept. Das ist ihr Problem. Und deshalb kommen wir halt auch nicht weiter.

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