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Uwe Johnsons „Jahrestage“ : Zurück zum Riverside Drive

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Wo Gesine Cressphal wohnt: New York Upper West Side in den sechziger Jahren Bild: EDDIE HAUSNER/The New York Times

Vor genau 50 Jahren beginnt die Handlung von Uwe Johnsons „Jahrestage“, in dem er „aus dem Leben der Gesine Cressphal“ erzählt. Wie liest sich das heute?

          Der 21. August 1967 war ein Montag. Mit diesem Datum, genau vor fünfzig Jahren, beginnen nach einigen vorangestellten Seiten die regulären Kapitel der „Jahrestage“ von Uwe Johnson, die bis zum 20. August 1968 reichen, dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag. Als die ersten drei Bände dieses riesenhaften Erzählprojekts erschienen, zwischen 1970 und 1973, besaß der Roman eine historische und eine zeitgenössische Dimension: die mecklenburgische Provinz und New York, die Familiengeschichte der Cresspahls und Papenbrocks ab 1931 und die Aktualität des Tag für Tag begleiteten Jahres. Für den heutigen Leser hat sich dieser Sprung zwischen Geschichte und Gegenwart, laut Johnson das „eigenartige Strickmuster“ des Buches, in ein Verhältnis zweier historischer Ebenen gewandelt. Welche Annäherungen an den Roman sind im Jahr 2017, zum Jahrestag der „Jahrestage“, möglich?

          Eine schlichte Zahl macht die Verschiebung deutlich: Der zeitliche Abstand zwischen dem Jerichower und dem New Yorker Erzählstrang, der in der Komposition des Romans die ganze epochale Differenz zwischen den Anfängen nationalsozialistischer Macht in der Weimarer Republik und einer Weltmetropole zu Zeiten des Kalten Kriegs umfassen soll, beträgt zu Beginn 36 Jahre und ist damit 14 Jahre kürzer als der Abstand zwischen dem Datum des ersten Buchkapitels und dem heutigen Tag. Beide Stränge der „Jahrestage“ erscheinen also inzwischen als historisch, und gerade die detailgetreuen Schilderungen Manhattans, rund um Gesines Wohnhaus am Riverside Drive an der Upper West Side und um ihren Arbeitsplatz nahe der Grand Central Station, rufen eine Atmosphäre der sozialen, demographischen und ethnischen Vielfalt hervor, die in diesem Stadtteil spätestens in den 1990er Jahren radikal ausgemerzt wurde.

          Eine verschollene Welt, ein abgedrängtes Personal

          Jeder, der den schmalen Streifen Land zwischen Freiheitsstatue und dem oberen Ende des Central Parks im letzten Vierteljahrhundert eher als glasversiegeltes Einkaufs- und Immobilienareal für weiße Großverdiener kennengelernt hat, sollte die „Jahrestage“ sofort zu lesen beginnen. Denn der Roman hat unzählige Orte und Gestalten im Stadtbild von Manhattan bewahrt, die längst verschwunden sind, von der puerto-ricanischen Community an der Lower East Side zwischen Avenue A und B bis zu den Spuren alteuropäischen Lebens am oberen Broadway, in der Nähe der Wohnung von Gesine und ihrer zehnjährigen Tochter Marie Cresspahl.

          In dieser Umgebung, in Kaffeehäusern, in denen „die Zeitungen der osteuropäischen Emigranten neben dem Nachrichtenmagazin und der Regenbogenpresse Westdeutschlands“ hängen, in Figuren wie der slowakischen Nachbarin Mrs. Ferwalter, auf deren Unterarm Gesine die eintätowierte Häftlingsnummer erkennt, nehmen die beiden Zeitebenen des Romans aufeinander Bezug. Denn die Upper West Side Manhattans ist zum Zufluchtsort jener Bevölkerungsgruppen geworden, von deren Schicksal Marie in den abendlichen Erzählungen ihrer Mutter hört; auf dem Spielplatz am Riverside Drive oder beim Einkaufen am Broadway kommt es zu leibhaftigen Begegnungen mit den Entkommenen eines Schreckensregimes, dessen Siegeszug der Roman am Beispiel Jerichows minutiös dokumentiert.

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