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Uwe Johnsons „Jahrestage“ : Zurück zum Riverside Drive

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Text einer Tageszeitung konserviert in der Literatur

Von heute aus betrachtet ist ein literarisches Konzept, „in dem eine wirkliche Zeitung quantitativ und qualitativ mitlebt“, wie es Johnson gegenüber Unseld formulierte, ein fremd gewordenes Unterfangen. Die Funktion der „New York Times“ in dem Roman beruhte auf zwei elementaren Eigenschaften einer Tageszeitung: dass die Taktung ihrer Weltbeschreibung, wie der Name besagt, der Tag ist, und dass die Fülle des Geschriebenen am Ende dieses Tages für die Öffentlichkeit verschwunden ist. Diese beiden Gesetze des gedruckten Journalismus haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren aufgelöst, und damit wurde auch die Allianz von Roman und Zeitung, deren letzter großer Repräsentant Uwe Johnson war, in Frage gestellt.

Das serielle Prinzip des Tages, dem die Kapitelstruktur der „Jahrestage“ verpflichtet ist, spielt in Zeiten des kontinuierlich verfügbaren und erneuerten journalistischen Angebots keine Rolle mehr. Die Idee wiederum, den flüchtigen, mit Erscheinen der nächsten Ausgabe vergessenen Text einer Tageszeitung abzuschreiben und allein durch den Akt der Konservierung in Literatur zu verwandeln, ergibt in dem Moment keinen Sinn mehr, in dem das Archiv des Netzes dauerhafte Präsenz garantiert.

Aus zwei Gründen also liest man die „Jahrestage“ heute als einen Roman, der kurz vor einer epochalen Zäsur verfasst wurde, einer politischen und einer medialen, die in merkwürdiger Synchronizität in die gleiche Zeit fallen. 1989, nur sechs Jahre nach Erscheinen des letzten, lange verzögerten Bandes, nur fünf Jahre nach Uwe Johnsons Tod, beginnt der eine Teil der politischen Nachkriegsordnung zu zerfallen, und dem irreduzibel scheinenden Bruch, der sich sowohl durch Johnsons Biographie wie durch die erzählerische Ordnung der „Jahrestage“ zieht, wird eine (wie auch immer gelungene) Versöhnung ermöglicht. Die fundamentalen Veränderungen der Daten- und Wissensproduktion wiederum, die ebenfalls kurz nach der Beendigung der „Jahrestage“ ihre Macht zu entfalten beginnen, haben eine literarische Konstruktion in rasanter Geschwindigkeit historisiert, die in den Reaktionen auf die ersten Bände Anfang der siebziger Jahre noch für ihre Modernität gefeiert wurde.

Johnsons Sprache erzeugt eine ungewöhnliche Intensität

All diese geschichtlichen Distanzen, die sich zwischen den Roman und seine heutigen Leser geschoben haben, nehmen dem Buch allerdings nichts von seiner besonderen Sogkraft. Uwe Johnsons Sprache, die in jedem Ausdruck, in jedem Satz das Verhältnis zwischen den Worten und den Dingen neu zu bestimmen sucht und sich keine überkommene Formulierung, keine eingeschliffene Ungenauigkeit erlaubt, erzeugt weiterhin eine ungewöhnliche Intensität. Es hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sicher nur wenige Schriftsteller gegeben, die in ihren Lesern eine ähnlich tiefe Sehnsucht geweckt haben, die in aller Anschaulichkeit beschriebenen Orte selbst zu besuchen, die mecklenburgischen Dörfer genauso wie den Riverside Park am oberen Broadway.

In den „Jahrestagen“ begehen Gesine und Marie an fast jedem Samstag ihr wöchentliches „South Ferry“-Ritual und setzen vom Battery Park aus nach Staten Island über. Es gab eine Zeit, in der man an diesem Wochentag mit gewisser Wahrscheinlichkeit den einen oder anderen Uwe-Johnson-Touristen an Bord entdecken konnte, der einen orangefarbenen Edition-Suhrkamp-Band auf dem Schoß liegen hatte und auch diesen Programmpunkt seiner Spurensuche getreu absolvierte. Vielleicht las der Literaturtourist auf dem Schiff gerade das Kapitel mit dem passenden Datum, denn dieser Gleichschritt zwischen Romanhandlung und eigener Lektüre ist immer noch der schönste Weg, sich den „Jahrestagen“ zu nähern (und die Scheu vor ihren knapp 2000 Seiten zu mindern). Das Buch hat 366 Tageseinträge – 1968 war ein Schaltjahr – und kann ein Jahr lang zum täglichen Lesebegleiter werden. Im Jubiläumsjahr würde diese Lektüreweise sogar mit einer besonderen Kongruenz belohnt werden. Denn auch der 21. August 2017 ist ein Montag.

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