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Uwe Johnsons „Jahrestage“ : Zurück zum Riverside Drive

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Wenn die „Jahrestage“ beim ersten Erscheinen auch als präziser Manhattan-Reiseführer genutzt werden konnten, bezeugen sie heute wie kaum ein anderer Text eine verschollene Welt, ein abgedrängtes oder ausgestorbenes Personal. Auf die ursprüngliche Zeitstruktur des Romans hat dieser Wandel beinahe paradoxe Auswirkungen: Denn die als Gegenwartprotokoll entworfenen Passagen entfalten fünfzig Jahre später fast eine größere Distanz als die Beschreibungen mecklenburgischer Landschaften und Mentalitäten, die den in der Bundesrepublik aufgewachsenen Johnson-Lesern ja nach 1989 wieder auf eine Weise nahegerückt sind, die der von Leipzig nach West-Berlin geflüchtete Autor nicht voraussehen konnte.

Johnsons Hauptwerk ist ein Zeitungsroman

Die einstige Aktualität der „Jahrestage“ erscheint bei erneuter Lektüre also ebenso weit entfernt wie die Vergangenheit der Familienchronik, und dieser Effekt hat auch mit jener Protagonistin zu tun, die neben Gesine und Marie Cresspahl als eigentliche Kernfigur des Romans gelten kann: die „New York Times“. Uwe Johnsons Hauptwerk ist in vielfacher Hinsicht ein Zeitungsroman. Schon in den allerersten Kapiteln stehen die Rituale des täglichen „New-York-Times“-Kaufs an einem Stand in der 96. Straße und Gesines kunstvolle Lektüre des großformatigen Blattes auf dem Weg zur Arbeit im Zentrum: „Am Bahnsteig faltet sie das Blatt einmal und noch einmal längs, damit sie es im Gedränge durch die Ubahntür behält und in der Enge zwischen Ellbogen und Schultern die erste Seite des achtspaltigen Stabs von oben bis unten lesen kann.“ Die „New York Times“ wird als „Bewusstsein des Tages“ bezeichnet, „als sei nur mit ihr der Tag zu beweisen“, und Gesine imaginiert die Zeitung immer wieder als lebendiges Wesen, als „Tante aus vornehmer Familie“: „Wir haben uns an sie gewöhnt wie an eine Person, die im Haushalt einen Sitz hat.“

Uwe Johnson, 1974

Doch nicht nur als menschgewordenes Subjekt kommt der Zeitung in den „Jahrestagen“ eine prominente Rolle zu. Sie filtert in dem Roman vielmehr auch die gesamte Perspektive auf die zeitgenössische Welt, auf die lokalen New Yorker Ereignisse genauso wie auf die Weltpolitik im Erzähljahr 1967/68. In einem Brief an Siegfried Unseld kurz vor dem Erscheinen des ersten Bandes kalkulierte Uwe Johnson, dass sein Roman „zu etwa einem Achtel aus Transkriptionen von ,Times‘-Meldungen bestehen“ würde, und das Zitieren aus den Zeitungsberichten, die getreue Auflistung der „Nachrichtentoten“ des Vietnamkrieges etwa, eröffnet zahlreiche Kapitel des Buches und leitet auch regelmäßig in den mecklenburgischen Erzählstrang über.

Johnson hat selbst betont, dass diese von der Zeitung vorsortierte Wahrnehmung Gesine Cresspahls seinen eigenen Aufenthalt in New York ab dem Sommer 1966 widerspiegelt, während dessen die Idee zu den „Jahrestagen“ Gestalt annahm. Ein Jahr lang arbeitete er als Lektor in dem Verlag, der später seine eigenen Bücher in den U.S.A. veröffentlichte, und der strikte Büroalltag sorgte dafür, dass er die neue Stadt vorwiegend durch umfassende Zeitungslektüre auf dem Weg zwischen Wohnung und Arbeitsplatz und in den Mittagspausen kennenlernte. In seinen Frankfurter Poetologie-Vorlesungen von 1979 spricht Uwe Johnson einmal davon, dass er in den „Jahrestagen“ sein „Auffischen der in Arbeit versäumten Wirklichkeit der Stadt mit Ausschnitten aus der New York Times“ zum choreographischen Prinzip des Buches erhoben habe.

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