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Gegen Googles „Library Project“ : Unterschätzt die Absichten nicht!

Vorstellung der „Google Books“-App im Unternehmenssitz in Mountain View Bild: REUTERS

Mit dem Versuch, Googles „Library Project“ verbieten zu lassen, ist die Interessenvereinigung der amerikanischen Buchautoren vor Gericht schon einmal gescheitert. Jetzt geht sie mit neuem Schwung in Berufung.

          Die Authors Guild, die Interessenvereinigung der amerikanischen Buchautoren, hat in ihrem Prozess gegen Google die Berufungsschrift beim Bundesberufungsgericht in New York eingereicht. In erster Instanz war der Verband mit dem Versuch unterlegen, das „Library Project“ von Google verbieten zu lassen, soweit die elektronische Speicherung der Weltbibliotheksbestände Bücher betrifft, deren Schutzfrist nach amerikanischem Urheberrecht noch nicht abgelaufen ist. Richter Denny Chin vom Bezirksgericht in Manhattan entschied im November 2013, es handele sich bei dem gigantischen Scanprojekt um „fair use“, eine durch höhere Zwecke gerechtfertigte Nutzung urheberrechtlich geschützten Materials. Der wissenschaftliche Nutzen eines Gesamtkatalogs der Weltliteratur mit eingebauter Suchfunktion unterscheide die von Google angefertigten Sicherkeitskopien aller eingescannten Werke von gewöhnlichen Raubkopien.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In der Berufungsschrift legen die Autoren, die von den Anwaltskanzleien Frankfurt, Kurnit, Klein und Selz (New York) und Jenner und Block (Washington) vertreten werden, das größte Gewicht auf die Behauptung, Richter Chin habe die wirtschaftlichen Absichten von Google nicht angemessen gewürdigt und die wirtschaftlichen Folgen der Geschäfte des Suchmaschinenkonzerns mit den Bibliotheken, denen er den Zugriff auf die Bestände mit E-Books entgilt, vollends verkannt. Um Google ins schlechteste Licht zu rücken, stilisieren die Berufungskläger den Internetbuchhändler Amazon zum besten Freund des Autors. Das „Library Project“ sei die Antwort auf den „Search inside the book“-Service von Amazon. Amazon bezahle die Verlage dafür, dass Kaufinteressenten Probekapitel aufblättern dürften; Google müsse entsprechend zur Entschädigung der Rechteinhaber verpflichtet werden. Die Autoren beklagen, dass andere Anbieter von elektronischen Buchkopien, die zur Abführung von Tantiemen bereit seien, aus dem Markt gedrängt würden.

          Schreckensszenario Hackerangriff

          Für die Behauptung, die bloße Herstellung von Kopien könne gar keine eigenständige Leistung sein, wie sie die Rechtsfigur des „fair use“ voraussetzt, führt die Berufungsschrift die Schriften von Pierre Leval an, dem angesehenen Urheberrechtsexperten, der Mitglied des für die Berufung zuständigen Gerichts ist. Richter Chin hatte dargelegt, den Klägern gehe kein potentieller Käufer ihrer Bücher verloren, da bei der Google-Suche innerhalb der urheberrechtlich geschützten Bücher nur Auszüge von wenigen Zeilen („snippets“) angezeigt werden, die eher umgekehrt geeignet seien, Interesse am kompletten Text zu wecken. Dagegen stellen die Autoren die Behauptung, durch wiederholte Suche könne ein Leser eben doch so viele „snippets“ aneinanderreihen, dass er sich den Kauf sparen könne. 78 Prozent des Textes eines Buches seien im Suchvorgang zugänglich. Aus zwei Büchern von zweien der Musterkläger hat man zu Demonstrationszwecken 222 beziehungsweise 220 „unique snippets“ suchmaschinell erzeugt. Mit welchen technischen Hilfsmitteln ein normaler Leser aus einem solchen Fragmenthaufen vier Fünftel eines Buches rekonstruieren soll, erläutert die Berufungsschrift nicht; die Musterautoren müssen es um des Arguments willen hinnehmen, dass es für die Unverwechselbarkeit ihrer Werke auf Zusammenhang, Spannungsdramaturgie und Bogenbau offenbar nicht ankommen soll.

          Selbst wenn Google, wie Richter Chin zugunsten der Firma annahm, die Kopien der geschützten Werke nur zu Back-up-Zwecken vorhält und nicht in Umlauf bringt, sehen die Berufungskläger schon in der bloßen Existenz einer solchen Gesamtbibliothek ohne Leser ein unerträgliches Risiko für ihre Rechte. Die Sicherheitsrisiken der Datenbankwirtschaft machen in ihrer Sicht einen prophylaktischen Urheberrechtsschutz zwingend. Im Stil der amerikanischen Fernsehwerbung für Alarmanlagen und Haftpflichtversicherungen schrecken sie noch nicht einmal vor der Behauptung zurück, ein einziger Hackerangriff könne den gesamten Buchmarkt zerstören. Nicht allen Mitgliedern der Authors Guild wird wohl dabei zumute sein, dass ihre Anwälte als Illustration des Schreckensszenarios den Fall von Aaron Swartz anführen, dem Bürgerrechtsaktivisten, der 2011 vom Server des MIT 4,8 Millionen Fachaufsätze einer gemeinnützigen, für Universitätsangehörige überall auf der Welt ohnehin zugänglichen Datenbank herunterlud und 2013 Selbstmord beging, nachdem er die Bundesstaatsanwaltschaft Anklage gegen ihn erhoben hatte.

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