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Roman von Marie Darrieussecq : Rettet die Psychoanalyse uns vor der Robotisierung?

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Wer ist hier echt und wer ist der Klon? Herstellung einer Augenprothese aus Glas. Bild: Picture-Alliance

Die Empfindsamkeit des Ersatzteillagers: Marie Darrieussecqs dystopischer Roman „Unser Leben in den Wäldern“ lässt eine Therapeutin gegen den totalitären Staat antreten.

          Marie Darrieussecq mag Wechselbäder: Nach den Schwärmereien und Enttäuschungen eines Hollywoodsternchens („Man muss die Männer sehr lieben“) schildert sie in „Unser Leben in den Wäldern“ einen Überwachungsstaat und die rustikale Existenz derer, die ihn fliehen. Der neue Roman, der sich auch qualitativ vom schwachen Vorgänger abhebt, entwirft eine Dystopie: Die Heldin Marie, Therapeutin mit Trauma- und Sexologie-Spezialisierung, lebt in einer Welt von Klonen, Online-Überwachung per Implantat, ruhigstellenden Drogen, Umweltverschmutzung und Organraub. Eines Tages geht sie offline und in den Wald, wo Gleichgesinnte lesen und von einer alternativen Gesellschaft träumen. Erzählt wird im Rückblick: „Ich schreibe, um zu verstehen und um Zeugnis abzulegen, in ein Heft selbstverständlich, mit einem Holzbleistift mit Grafitmine, das gibt es noch: nichts, womit man online gehen könnte.“

          So weit, so wohlbekannt, den Genreklassikern „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley (1932) und „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury (1953) fügt Marie Darrieussecq auf den ersten Blick wenig Neues hinzu. Bei näherem Hinsehen finden sich jedoch zwei Wendungen, die „Unser Leben in den Wäldern“ zu einer interessanten Variation der Dystopie werden lassen. Die erste ist die Akzentsetzung: So wichtig der Entwurf einer abschreckenden Zukunft ist, Darrieussecq zielt mehr noch auf das Wie der Enthüllung ab. Nach und nach erfährt die Heldin die Wahrheit über sich und die Gesellschaft; wie in einem Krimi erzeugt die Autorin eine düstere Atmosphäre und erzählerische Spannung.

          Der depressive Klicker wünscht sich nur eines

          Anfangs führt Marie ein erfolgreiches Leben als Therapeutin. In einer von Attentaten und Entführungen geprägten Zeit hilft sie Zeugen und Überlebenden, wieder in eine normale Existenz zu finden – wobei Normalität eine fensterlose Einraumwohnung, ein geklontes Haustier, konstanten Arbeitsdruck für Hungerlohn sowie die völlige Abwesenheit von Natur oder Erholung meint. Gelegentlich besucht Marie ihren Klon, der in seinem Bett schläft und darauf wartet, als Ersatzteillager genutzt zu werden; sie entwickelt eine enge Beziehung zu ihm.

          Zwei Patienten stören die Routine. Da wäre die Überlebende eines Flugzeugattentats, bei dem Mann und Kinder gestorben sind; ihr Selbstmord erschüttert die Therapeutin. Wichtiger noch ist „Patient Zero“, dessen Arbeit im Herstellen von Assoziationsketten besteht, die Robotern beibringen sollen, menschlich zu denken und empfinden: „Blau = Himmel = Melancholie = Musik = Prellung = blaues Blut = Adel = Enthauptung.“ Die „Klicken“ genannte Arbeit wird fünfzehn Stunden täglich ausgeübt, für zwei Dollar die Stunde und mit dem Ziel, menschliche Arbeitskräfte endgültig zu ersetzen. Der depressive Klicker wünscht sich nur eines: „dass nichts passiert“; die Sitzung besteht in Schweigen, Therapeutin und Patient kommen sich vorsichtig näher. Mitunter unterhalten sie sich, immer bemüht, die Roboterüberwachung auszutricksen. Patient Zero hilft Marie bei ihrer Bewusstwerdung – bis er spurlos verschwindet.

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