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Lesereihen-Festival : „Wir konsumieren keine Literatur“

„Schaut euch in die Augen und unterhaltet euch“: Sommerlesereihe des Berliner Kollektivs „Kabeljau&Dorsch“ auf einem Neuköllner Minigolfplatz Bild: Marco Lehmbeck

Sofa statt Sprechpult, Bier statt Wasserglas: Wenn sich die Literatur der Bühne entzieht. Ein Gespräch mit den Organisatoren des Festivals der Unabhängige Lesereihen (ULF) in Nürnberg.

          2 Min.

          Literaturveranstaltungen von Wasserglaslesungen bis zu Shared Reading gibt es in großer Anzahl. Was machen Sie anders?

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Tristan Marquardt: Gerade entwickeln sich überall im deutschsprachigen Raum unabhängige Lesereihen – weil es Bedarf danach gibt. Als die Literaturhäuser entstanden, wollte man Räume schaffen, in denen Autoren ihre Arbeit präsentieren konnten. Aus vielen dieser Treffpunkte für die Autoren der Stadt wurden dann aber Orte der Repräsentation. Studenten und junge Autoren suchten nach neuen Möglichkeiten, ihre Texte vorzutragen, nach dem Motto: Wenn dir etwas fehlt, mach es selbst. Was nicht heißt, dass wir forderten, alles müsse neu und anders werden.

          Aber einiges schon?

          Lara Sielmann: Es geht darum, neue Stimmen zu fördern und Themen aufzugreifen, die sonst zu kurz kommen. Wir versuchen mit der Literatur dort hinzugehen, wo sie hingehört: mitten in die Gesellschaft. In Kneipen, in Wohnzimmer, ohne Bühne. Menschen, die Hemmungen oder kein Interesse haben, in einem Veranstaltungssaal einer Lesung zuzuhören, werden im besten Fall überrascht. Weil wir unabhängig sind, können wir mit Formaten experimentieren. Die Veranstalter sind eigentlich mehr  Kuratoren.

          Warum organisieren Sie jetzt ein Festival?

          Marquardt: Auf dem Festival lesen auch Autoren aus Ländern, von denen man in Deutschland sonst wenig hört. Minderheiten-Themen bekommen Platz. Wir wollen auch auf die Vielfalt der Veranstaltungen aufmerksam machen – und zwar bewusst in Nürnberg, nicht in Berlin, wo es ohnehin eine große Off-Szene gibt.

          Sie haben viel Lyrik im Programm, aber keine Poetry Slams.

          Marquardt: Es geht bei uns nicht darum, gegeneinander anzutreten. Im Gegensatz zu Poetry Slams sind das keine Veranstaltungen, bei denen die Zuhörer zehn Minuten nach Ende wieder alle weg sind. Das sind keine Events, wo Literatur konsumiert wird, sondern Treffpunkte. Manchmal sitzt man dann bis spät in der Nacht zusammen und diskutiert.

          Die Lesereihen-Veranstalter Tristan Marquardt, Clara Kopfermann, Tillmann Severin, Ayna Steigerwald, Lara Sielmann und Frederik Skorzinski
          Die Lesereihen-Veranstalter Tristan Marquardt, Clara Kopfermann, Tillmann Severin, Ayna Steigerwald, Lara Sielmann und Frederik Skorzinski : Bild: Mina Reischer

          Und die Etablierten müssen draußen bleiben?

          Marquardt: Die meisten von denen, die jetzt groß werden, haben früher doch bei uns gelesen. In Freiburg gibt es seit langem ein Literaturgespräch im Rathaus. Inzwischen hat dort aber eine Lesereihe namens „Zwischenmiete“ riesigen Zulauf, bei der in Wohngemeinschaften gelesen wird. Ich habe schon Autoren im Rathaus neben mir gehabt, die zugegeben haben, dass sie dort gerade lieber säßen. In der Schweiz wurde die Reihe unter dem Namen „Sofalesungen“ so erfolgreich, dass im letzten Jahr mehr als 40 Lesungen in Wohnungen, Ateliers und auf Dachterrassen stattfanden.

          Und damit lässt sich Geld verdienen?

          Sielmann: Bei unseren Veranstaltungen in Berlin achten wir darauf, dass die Autoren und Kuratoren wenigstens eine angemessene Entschädigung bekommen, aber die meisten von uns arbeiten ehrenamtlich. Was fehlt, ist eine konstante Förderung. Es ist wahnsinnig anstrengend, in monatelanger Arbeit für jede neue Reihe neue Anträge zu schreiben.

          Marquardt: Bei den freien darstellenden Künsten gibt es die Basisförderung. Auf ein ähnliches Konzept hoffen wir für die Lesereihen. Das Festival wird glücklicherweise sehr umfänglich gefördert – nur deshalb hat es geklappt.

          Schonmal über einen Podcast nachgedacht, um ein noch breiteres Publikum zu erreichen?

          Sielmann: Sicher. Es geht ja ganz grundsätzlich um Literaturvermittlung. Auf dem Festival ist das „Litradio“ aus Hildesheim dabei, das Podcastformate und Sendungen plant. Aber Literatur Kommunikation, und wir wollen mit den Lesereihen, ihren Formaten und Orten ein Antimodell zum stundenlangen Handytippen im Alltag schaffen: Schaut euch in die Augen und unterhaltet euch: über Inhalte, Lebenskonzepte, Utopien.


          Lara Sielmann und Tristan Marquardt organisieren das Unabhängige Lesereihen Festival ULF mit. Bis zum 15. September sind 25 Lesereihen aus mehr als zwölf Städten und etwa 100 Autoren zu Gast. Veranstalter ist das Netzwerk Unabhängige Lesereihen e.V.

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