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Mutter kapituliert im Jeansladen: Die Schlaghosen sind nur ein gescheitertes Experiment, die Revolte nimmt ein böses Ende. Bild: Picture-Alliance

Roman „Der Sommer meiner Mutter“ : Abkopplung vom Mutterschiff

  • -Aktualisiert am

Gute Unterhaltung für die reifere Jugend, aber die Engführung von Emanzipations-, Zeit- und Technikgeschichte wirkt wie am Reißbrett konstruiert: Ulrich Woelk erzählt in „Der Sommer meiner Mutter“ von einer Mondlandung im Kinderzimmer.

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          Eigentlich will Eva ja nur Hosen für ihren elfjährigen Sohn Tobias kaufen, aber dann probiert sie im neuen „Jeansstore“ spaßeshalber selbst eine dieser neumodischen Schlaghosen an. Die Jeans sitzen wie angegossen, die Verkäuferin raspelt Süßholz, nur Tobi mault: „Jeans waren keine Hosen für Erwachsene, wie ich sie kannte – und ich wollte auch, dass das so blieb.“ Und so bleibt es dann auch. Die Mutter bricht ihre kleine Revolte ab: Jeans schicken sich nicht für eine 38 Jahre alte Hausfrau und Mutter aus einem Kölner Vorort, jedenfalls nicht 1969. Tobias lernt: Wenn er, der bisher widerspruchslos alles anzog, was seine Mutter ihm hinlegte, von ihr plötzlich in Modesachen um Rat gefragt wird, ist entweder sie unsicherer oder er erwachsener als gedacht. Die Jeans sind jedenfalls die Vorboten großer Umbrüche, sie bringen die versteinerten Verhältnisse im Hause Ahrens zum Tanzen und das morsche Gebälk ihrer heilen Welt zum Einsturz.

          Tobias’ Vater, als Ingenieur ein klassischer Homo Faber, sieht die zaghaften Befreiungsbewegungen seiner Frau naturgemäß mit Skepsis und Misstrauen, aber als dann nebenan eine Achtundsechziger-Familie wie aus dem Bilderbuch einzieht, gerät auch sein rational festgezurrtes Leben ins Rutschen. Herr Leinhard, Adorno-Fan und Unidozent, nennt sich stolz Kommunist, seine Frau Uschi raucht, flirtet und geht allein auf Vietnam-Demos. Und ihre dreizehnjährige Tochter Rosa – natürlich nach Rosa Luxemburg – hört Janis Joplin und ist auch politisch und sexuell ziemlich aufgeklärt. Tobi lebt dagegen noch hinter dem Mond. Das Modell der Saturn-V-Rakete auf dem Nachttisch, die Mondposter an der Wand, Bücher wie „Der offene Himmel“ von Heinz Haber bedeuten ihm alles. Tobias weiß alles über den Weltraum und die Zukunft, aber nichts über die Welt, die Mädchen und die Gegenwart. Rosa zeigt ihm ihre Plattensammlung und dann auch ihre Brüste, und das beeindruckt den ahnungslosen Nerd dann doch.

          Die offenherzigen Blumenkleider der Nachbarin

          In Rick Moodys „Eissturm“ kommen ungefähr zur selben Zeit Kinder unter die Räder, als ihre Eltern plötzlich wie die Hippies Schlüsselparty und Partnertausch spielen wollen. Auch bei Ulrich Woelk mündet die Emanzipation, die sich als kreuzweise Wahlverwandtschaft der Unterschiede anbahnt, in einer Katastrophe. Die flippigen Leinhards freunden sich überraschend mit ihren prüden, spießigen Nachbarn an: Beide Männer, der Ingenieur wie der Kommunist, sind zukunftsgläubige Optimisten, beide Frauen träumen von einem Sommer der Liebe und Freiheit vom Kochen und Kinderkriegen.

          Ulrich Woelk: „Der Sommer meiner Mutter“. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2019. 189 S., geb., 19,95 Euro.

          Unter Uschis Einfluss legt Eva ihre Hausfrauenschürze und Demut ab und beginnt amerikanische Krimis zu übersetzen, freche Sachen wie „Mädchen sind so“. Tobis Vater, der Mann der praktischen Vernunft, sieht mit Wohlgefallen die gebatikten Blusen und offenherzigen Blumenkleider der Nachbarin, und der linke Herr Leinhard versteht sich sogar prächtig mit Onkel Hartmut, dem Ex-Kriegshelden und Altnazi. So lösen sich Verklemmungen und Verhärtungen, und so gehen alte Elemente neue chemische Verbindungen ein. Just in der Nacht, als alle in Onkel Hartmuts Farbfernseher die Landung von Apollo 11 anschauen, macht Rosa Tobias zum Mann. Er erlebt sein erstes Mal als Raketenstart, bleibt aber als Erzähler wissenschaftlich exakt und zurückhaltend: „Obwohl ich es ja miterlebt hatte, blieb meine Vorstellung von dem, was dort unten wirklich geschehen war, eher vage.“

          Die erste Mondlandung, die sich bald zum fünfzigsten Male jährt, haben auch andere Autoren schon als Startrampe für Coming-Out- und Coming-of-Age-Dramen genutzt, etwa Alberto Muñoz Molina („Mondwind“) oder jüngst Norbert Zähringer („Wo wir waren“). Woelk ist freilich kein großer Erzähler. Er kann die Jugendkultur der sechziger Jahre anhand der üblichen Erkennungssignale (2CV, Jeans, schwarzer Rolli, Doors) routiniert evozieren, kommt dabei aber selten über Klischees und Phrasen hinaus. Der Roman beginnt fulminant: „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“ Aber Woelk kann die lakonische Härte des ersten Satzes nicht halten und verliert sich mehr und mehr in vagen Pubertätsdramen und Szenen bundesdeutscher Kultur- und Mentalitätsgeschichte.

          Ähnlich wie F.C. Delius in „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ will er Zeit- mit Emanzipationsgeschichte verknüpfen. Aber wo bei Delius der Junge durch das „Wunder von Bern“ aus sonntäglicher Bigotterie und Langeweile erlöst wird, nimmt Evas Revolte hier ein böses Ende: Linke und rechte Männer und selbst der eigene Sohn verbünden sich gegen die Frau, die mit ihrer Mondlandungsmission zu früh kam. Die Mutter scheitert mit ihrer Selbstbefreiung schon im Jeansladen, ihr Sohn koppelt sich vom emotionalen Mutterschiff ab, ohne den Machtbereich des väterlichen Kontrollzentrums zu verlassen.

          Tobias, ganz der Papa, wird Wissenschaftler bei der Europäischen Raumfahrtagentur, Rosa Schriftstellerin. Bei einer Lesung nach vielen Jahren erkennt sie ihn nicht wieder, und das passt auch zu diesem Roman, in dem Literatur und Naturwissenschaft nie zusammenfinden. Ulrich Woelk hat selbst Astrophysik studiert und Weltraumbücher wie „Die Einsamkeit des Astronauten“ geschrieben. „Der Sommer meiner Mutter“ ist gute Unterhaltung für die reifere Jugend, aber die Engführung von Emanzipations-, Zeit- und Technikgeschichte wirkt wie am Reißbrett konstruiert und die Sprache manchmal so nüchtern und emotionslos wie Ingenieurprosa. Die Mondlandung war ein großer Schritt für die Menschheit. Woelks dreizehnter Roman ist allenfalls in seiner persönlichen Erfolgsgeschichte ein kleiner Sprung vorwärts.

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