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Übersetzer-Nachlässe : Nomaden der Mehrsprachigkeit

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Für jedes Werk ein eigener Schreibtisch: Peter Urbans Arbeitszimmer im hessischen Weidmoos Bild: J. Bookmeyer / Jutta Hercher

Sprachkünstler erkennen einander: Die Geschichte des Übersetzens ist geprägt von Dialogen und Zusammenarbeit. Nachlässe wie der von Peter Urban geben wertvolle Einblicke in das Handwerk und die Menschen dahinter. Ein Gastbeitrag.

          8 Min.

          Kartoffel, Kartusche, Karzer, Käse, Kismet, klimmern, Klinse, Klitsch, Kloß, Koben, Kunte – so liest man es auf einer der Wortlisten, die sich im Nachlass des Übersetzers Peter Urban erhalten haben. Eine weit sich auffächernde Variation auf den Buchstaben K, semantisch angelehnt an das russische „chlam“, also Kram, Kroppzeug, Krempel – eine Liste zu dem Gedicht „Herren und Knechte im Alphabet“ des Sternsprachendichters Velimir Chlebnikov. Andere Listen treiben ihr Spiel mit der deutschen Silbe „lieb“ oder dem Wortstamm „mach“: Machwerk, Machtmensch, Mögen. Gehören die deutschen Wörter „mögen“ und „Machtmensch“ tatsächlich zur selben Stammsilbenfamilie? Urban fertigte derlei Listen als Hilfsmittel – ein experimentelles Kettenspiel der Sprache, wie es Kinder treiben, um sich unbekannte Sprach- und Weltreiche zu erobern. Tatsächlich ermöglichen konzeptionelle Regeln (hier die Variation auf „K“), auch Fremdes und Unbekanntes in die Sprache einzubürgern. Und nichts anderes hatte Velimir Chlebnikov im Sinn: Wie einst die Dichter des Barock wollte er mit seinen futuristischen Schriftstellerkollegen die russische Sprache erneuern.

          Nachlässe von Autoren wie Übersetzern geben zuallererst präzise Auskünfte über die Arbeit an der Sprache, wie sie allen literarischen Werken und eben auch allen Übersetzungen literarischer Werke je verschieden zugrunde liegt. Denn jedes Gedicht, jeder Roman geht je eigene Wege der Entstehung, ist aus je verschiedenen Umwegen und Irrwegen gemacht; in allen großen Kunstwerken stecken – meist unsichtbar – Recherchen, Glossarien und Vorstudien, noch fast jede Miniaturprosa hat ihren eigenen Anlass und ist begleitet von Gesprächen, Parallellektüren und Korrespondenzen. Das gilt für Autoren- wie für Übersetzertätigkeiten.

          Es ist in Deutschland seit mehr als hundert Jahren eine Selbstverständlichkeit, Autorennachlässe für die Nachwelt zu sichern, um Auskunft zu erhalten, wie sie lebten, wie sie die Sprache bewegten und sich von ihr und den Zeiten bewegen ließen. Doch auf welche Weise Übersetzer ihrerseits die Kultur und die Sprachkunst geprägt haben und prägen, harrt der Forschung. Und davor: der Archivierung.

          Jeder Übersetzer hat seine Geschichte

          Der Reichtum unserer Sprache und Literatur ist ohne den Austausch mit den Literaturen der Welt nicht denkbar. Doch wissen wir immer noch zu wenig vom übersetzerischen Tun, das sich ja nicht in fertigen Manuskripten und Verlagskorrespondenzen erschöpft. Bislang finden sich Dokumente von Übersetzern (Briefe, Gutachten, Manuskripte, Verträge, Lektorate) meist in Nachlässen von Autoren, Verlagen oder Zeitschriften. Übersetzer bevölkern die Verlagskorridore, wenn man so will. Dass Übersetzer eigene vier Wände haben, im Bergwerk der Sprache eigene Wege und Umwege und Irrwege gehen, dass sie eigene Monologe und Dialoge führen, erkennt man in seiner Bedeutung erst, wenn man ihre Nachlässe studiert.

          Jeder Übersetzer hat seine persönliche Geschichte, wie er oder sie zum Übersetzen kam und kommt. Peter Urban, geboren 1941, kam zum Übersetzen als Student. Eigentlich schrieb er damals an seiner Dissertation: „Der Dialog bei Čechov“. Und eigentlich wollte er deshalb 1964/65 zum Studienaufenthalt in die Sowjetunion. Tatsächlich reiste er nach Belgrad, weil es mit der Sowjetunion kein Kulturabkommen gab.

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