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Übersetzer-Nachlässe : Nomaden der Mehrsprachigkeit

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Was können Archive tun, wie können sie ihre Sammlungspolitik bewegen, damit Übersetzernachlässe in ihr „Beuteschema“ passen? Wir leben in einer Hochzeit der Übersetzungskunst und der Übersetzungskultur, deshalb steht die Frage im Raum: Auf welche spezifische Weise können Archive ihre Sammlungsschwerpunkte weiterentwickeln, damit sich in ihren Suchnetzen mehr Übersetzernachlässe verfangen? Die jetzige Generation literarischer Übersetzer ist besonders wichtig? Nicht nur, weil wir in einer Übergangszeit leben – von der papiernen in die digitale Ära. Vor allem aus einem anderen Grund: Wir sind derzeit eine Ankunftskultur. Hier wird viel übersetzt. Und das Niveau ist hoch. Dieses Wissen gilt es zu bewahren.

Zeitgenossen sind bekanntlich blind, doch sie sind es, welche die Archive für die Zukunft bestücken. Und bei aller Blindheit: Wir können aus der Geschichte lernen. Zum Beispiel von Martin Luther, nicht dem Glaubensreformator, sondern dem Spracherneuerer. Als Luther an der Bibelübersetzung arbeitete, schickte er zwei Leute aus, die Sprüche der Handwerker und Landarbeiter zu erkunden, dem Volk aufs Maul zu schauen. Deren Rhythmen, so weiß man dank des Nachlasses, fanden Eingang in seine heiligen Texte.

Übersetzer sollten sich wichtiger nehmen

Längst ist bekannt, in welchem Ausmaß Übersetzer und Schriftsteller Sprache und Kultur ihres Landes prägen. „Jedes Gedicht spricht viele Sprachen“, hat Uljana Wolf kürzlich gesagt. Tatsächlich sind Autoren wie Übersetzer Nomaden der Mehrsprachigkeit. Ihre literarischen Nachlässe bieten Material, unsere Vorstellung vom Entstehen und Ringen der Sprachen und die Möglichkeit des Miteinanders der Sprachen zu vertiefen; späteren Generationen können die Dokumente helfen, sich mit ihren eigenen Fragen neue Wege durch die Geschichte von Sprache und Literatur zu bahnen.

Viele Autoren übersetzen, manche aus Broterwerbs-, die meisten aber aus Sprachneuerungsgründen. Rilke übersetzte Valéry, Valéry übersetzte Rilke, Rilke übersetzte Elizabeth Barrett Browning, Goethe seinen Shakespeare und so weiter. Die Liste ist endlos. Man denke in jüngerer Zeit an das Duo Peter Handke und Georges-Arthur Goldschmidt, an Jan Wagners Sweeney oder Uljana Wolfs übersetzerische Auseinandersetzung mit translingualen Dichtern. Was braucht man nicht alles fürs Selbstschreiben.

Was Übersetzer bräuchten, wäre ein wenig mehr Hochstapelei; sie müssten sich wichtiger nehmen. Über Erfindungsreichtum allerdings verfügen sie in großen Mengen. Die Wendung vom „Sonderfall des Selbstschreibens“ stammt aus Oskar Pastiors Essay „Mein Chlebnikov“. Darin erzählt Pastior – geschult an der Wirklichkeit des sozialistischen Rumäniens –, dass er die Aufweichung des normativen Denkens seiner relativen Mehrsprachigkeit, seinem eklektischen Germanistikstudium und seiner Liebe zu barocker und experimenteller Literatur verdanke. Übersetzen sei ein Sonderfall des Selbstschreibens, denn Übersetzen sei „ein Experiment“, dessen „einmalige Anordnung“ eine dem jeweiligen Projekt zugehörige Ästhetik generiere. Jeder Autor bekam bei Urban einen eigenen Schreibtisch, jeder Text „generierte“ bei Urban auch im Deutschen einen eigenen ästhetischen Eindruck.

Marie Luise Knott ist Vorstandsmitglied des Deutschen Übersetzerfonds. Der Text ist die leicht gekürzte Fassung eines Vortrags, den sie kürzlich in Marbach auf der Tagung „Übersetzernachlässe in globalen Archiven“ gehalten hat.

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