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Jill Lepores Buch über Amerika : Eine in Widersprüchen geborene Nation

Demonstration der „Black Lives Matter“-Bewegung in Texas, Juli 2016 Bild: AP

Jill Lepore und ihr wegweisendes Buch „Diese Wahrheiten“ zeigen: Die Vereinigten Staaten sind auf Menschenrechte gegründet. Aber auch auf den Verstoß dagegen. Das muss man wissen, wenn man Amerikas Gegenwart verstehen will.

          8 Min.

          Das Buch ist gewichtig, und es hat einen nicht weniger gewaltigen Titel: „Diese Wahrheiten“, so hat Jill Lepore ihre elfhundertseitige Geschichte Amerikas genannt, die jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. Begonnen hatte Lepore die Arbeit daran aber unter einem anderen Titel: „American History from Beginning to End“. Die amerikanische Geschichte – schon zu Ende? Das war im Jahr 2014, im Weißen Haus regierte damals noch Barack Obama.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mit dessen Amtseinführung im Januar 2009 hatte Lepore, Historikerin an der Universität Harvard und Mitarbeiterin des Magazins „The New Yorker“, ihr Projekt einer populären Geschichte von Kolumbus bis in die Gegenwart eigentlich abschließen wollen. Sie fand diesen Arbeitstitel witzig, „funny“, sagt sie, und er hätte ja auch gepasst: weil es Gründe gab anzunehmen, dass sich mit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten, deren Fundamente afrikanische Sklaven gelegt hatten, etwas fügte, eine Epoche endete.

          Aber dann wurde im November 2016 Donald Trump zu Obamas Nachfolger gewählt. Und damit, sagt Lepore heute, auf Deutschlandbesuch in den Frankfurter Buchmessetagen, klang ihre Pointe vom Anfang und Ende Amerikas plötzlich „wie eine Anklage. Wie ein Angriff auf Trump.“ So sei das Buch aber nicht gedacht, denn: „Ich mische mich nicht in politische Kriegsführung ein.“ Sie habe vielmehr ein Geschichtsbuch in der Tradition großangelegter Gesamtdarstellungen im Sinn gehabt, die etwas aus der Mode gekommen seien: ein Lesebuch für jeden Haushalt, welches die Lektüre vieler anderer, detaillierter Bücher ersetzt. Und so bekam es einen neuen Titel: „Diese Wahrheiten“.

          Der ist zwar, in Zeiten von Fake News, nicht weniger politisch aufgeladen, aber davon erst später mehr.

          Jill Lepore, aufgewachsen in einer Kleinstadt in Massachusetts, ist der seltene Fall einer Doppelbegabung zwischen Akademie und Journalismus. Sie lehrt und forscht seit 2003 in Harvard, inzwischen als Professorin für politische Geschichte Amerikas – und schreibt seit 2005 regelmäßig für den „New Yorker“: Essays (über Technologie), Porträts (über die Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsberg), Literaturkritiken (über Kinderbücher) und sehr persönliche Geschichten, zuletzt, im Juli dieses Jahres, über den Verlust ihrer besten Freundin Jane; ein ergreifender Text über Lebensziele, Freundschaft, verlorene und geborene Babys und Bücher.

          Sie habe immer schreiben wollen, erzählt Jill Lepore an diesem Morgen nach ihrem Auftritt beim Buchmesse-Empfang ihres deutschen Verlages – und wenn man jetzt für den „New Yorker“ ein Porträt über sie schriebe, dann müsste man, wie es die Tradition dieses Magazins ist, auch erwähnen, was Jill Lepore trägt, während sie den Kaffee vom Frühstücksbuffet ihres Hotels am Frankfurter Hauptbahnhof austrinkt: einen schwarzen Rollkragenpullover und eine schwarzweiße Brille. Sie ist Baseballfan (Boston Red Sox) und spricht schnell, und das, vermutlich, weil sie auch schnell denkt und offenbar vom Denken gute Laune kriegt, jedenfalls lacht sie oft.

          Ihr Auftritt beim ehrwürdigen Verlagsempfang von C. H. Beck am Abend zuvor hatte Lepores Doppelbegabung zwischen Erzählen und Forschen schön in Szene gesetzt: Lepore hatte ihr Publikum gleichzeitig unterhalten und unterrichtet – und kurz und knapp anhand der Illustrationen ihres Buchs erklärt, worum es geht. „Diese Wahrheiten“, das sind jene, die im ersten Satz der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 beschworen werden: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind“, so erklärten es die Gründer der Vereinigten Staaten, als sie sich von der britischen Krone lossagten.

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