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Murathan Mungan im Gespräch : Wir handeln in der Türkei, als stünden wir unter Hypnose

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„Unser Leben hängt davon ab, dass die Trennung zwischen Staat und Religion aufrechterhalten bleibt“: Murathan Mungan Bild: picture alliance / dpa

Seine Stimme hat in der Türkei großes Gewicht, seine Tweets sind legendär. Das jüngste Wahlergebnis für Erdogan hat den Starautor Murathan Mungan nicht überrascht. Hier erklärt er uns, warum.

          Sie werden in Deutschland gern als Popstar der türkischen Literatur vorgestellt. Gefällt Ihnen das?

          Ich mag die Bezeichnung Popstar gar nicht. Weil sie meine Arbeit leichter erscheinen lässt, als sie ist. Man sagt das so, weil es weniger Mühe macht, darauf zu rekurrieren, als meine Bücher zu lesen. Meine Bücher sind auch eher Long- als Bestseller. Dennoch stimmt es, dass meine Auftritte gut besucht sind. Bei meiner letzten Signierstunde in der Türkei saß ich sechs Stunden da, ohne Pause.

          Sie waren begeisterter Anhänger der Gezipark-Proteste des letzten Jahres. Hat Sie das auch als Autor geprägt?

          Die Proteste haben mein Blut erneuert. Ich möchte nicht wie ein romantischer Revolutionär klingen, aber der Gezi-Widerstand hat viele Menschen, die ihre Hoffnungen, die unsere Gesellschaft schon aufgegeben hatten, wieder mit Leben erfüllt. Dort sind Menschen zusammengekommen, die sich nie zuvor getroffen haben. Nach Gezi kann in der Türkei nichts mehr so sein wie zuvor. Kein Wahlergebnis kann das ändern. Und die EU und Deutschland können uns nicht so schnell aufgeben. Ich sage Deutschland, weil es wohl kein Land gab, das enttäuschter, geradezu beleidigt auf die Wahlergebnisse reagiert hat.

          „Die Proteste haben mein Blut erneuert“: Vor wenigen Wochen kam es in Istanbul wieder zu Zusammenstößen von Demonstranten und Polizei.

          Fühlen Sie sich dazu verpflichtet, den Türken, wenn sie ihre Stimme für Korruption und Zensur abgeben, öffentlich die Leviten zu lesen?

          Es geht mir nicht darum zu schimpfen. Außerdem können diese Wortmeldungen schnell zum Schick werden. Manche Kollegen machen kaum noch etwas anderes. Aber auch mich lässt mein Gewissen immer wieder das Wort ergreifen. Die Ergebnisse der Kommunalwahlen haben mich nicht überrascht. Meine erste Reaktion war eine Twitterlektüre. Viele junge Leute schrieben, sie fühlten sich verraten und wollten nun dem Volk den Rücken kehren. Als ich das las, twitterte ich: „Weder die Achtundsechziger- noch die Achtundsiebziger-Generation hat diesem Volk den Rücken gekehrt, also hat auch heute keiner das Recht dazu. Wir müssen neue Wege finden, um uns zu verstehen und um uns verständlich zu machen.“ Dieser doppelte Prozess ist mir wichtig. Die heutige Situation ist nicht so leicht zu verstehen. Die Menschen hören in der Türkei nicht rational, sondern emotional zu. Es ist, als stünden wir unter Hypnose. Erdogan spricht die instinktiven Gefühle der Menschen an, und das in einem dramatischen Ausmaß, wie wir es in der Geschichte der Republik Türkei bislang noch nicht gekannt haben.

          Glauben Sie an das Narrativ vom Aufsteiger Erdogan als Projektionsfigur des kleinen Mannes mit der Schlussfolgerung: Wer Erdogan fallenlässt, lässt die eigene Zukunft fallen?

          Darüber habe ich oft nachgedacht. Natürlich hat jede Macht eine soziologische Entsprechung. Unter den vielen Menschen, die Erdogan wählen, gibt es gewiss Leute, die sich vorher ausgegrenzt fühlten. Erdogan gibt ihnen das Gefühl, nun dazuzugehören. Ohne ihn hätten sie Angst, sich draußen vor der Tür wiederzufinden. Darum halten sie sogar nach den vielen Korruptionsfällen an Erdogan fest. Ich möchte dazu eine Analogie versuchen: In der Türkei gibt es viele Mädchen, die Opfer von Inzest sind. Wenn sie versuchen, ihren Müttern davon zu erzählen, verschließen sich die Mütter oft. Sie haben Angst davor, was sie, wenn sie es erfahren, mit ihrem Leben noch machen sollten. Diese Angst führt dazu, dass die Mütter die Realität mit etwas anderem zudecken. Ähnlich ist es mit manchem Erdogan-Wähler. Wenn das, was behauptet wird, stimmt, so sagt er sich, und Erdogan gehen muss, was machen wir dann mit dem Rest unseres Lebens?

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