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Illustratorin Ilon Wikland : Wie Lotta ihre Schleife verlor

Ihre stupsnasigen Kindergesichter kennt jeder, der je ein Buch von Astrid Lindgren aufgeschlagen hat. Doch das ist noch nicht alles: Das Bilderbuchmuseum Troisdorf zeigt das Werk der Illustratorin Ilon Wikland.

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          „Bullerbü“ heißt der famose Spielplatz gleich hinter der Burg Wissem. Augenscheinlich spukt es dort nicht. Wie im estnischen Haapsalu, wo, wie es Ilon Wikland in einem Aquarell festgehalten hat, die weiße Frau für Gespensterverhältnisse auffallend gütig auf die in einer Burgruine spielenden Kinder herabsieht. Aber in Troisdorf, im Bilderbuchmuseum der Burg Wissem, sind das Bullerbü draußen, Haapsalu und die Bilder Wiklands derzeit geradezu unheimlich gut verschränkt.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Denn Bullerbü, die Kinder aus der Krachmacherstraße oder Madita zählen zu dieser Bilderwelt Wiklands, die nun, ein letztes Mal, in einer Überblicksschau zu sehen ist. Ihre stupsnasigen Kindergesichter und leise nostalgischen Interieurs, die verrutschten Flickenteppiche und leicht schief hängenden Bilder an den Wänden kennt jeder, der je ein Buch von Astrid Lindgren aufgeschlagen hat. Es sei denn, seine Lektüre beschränkte sich auf „Pippi Langstrumpf“, „Michel aus Lönneberga“ oder „Tomte Tummetott“ – beinahe die einzigen Figuren, deren äußere Gestalt nicht von der estnisch-schwedischen Illustratorin geprägt worden sind.

          Kräfte im Glück und im Unglück der Kindheit

          Was aber geschieht mit den literarischen Charakteren, wenn sich ihre Illustrationen mit dem Geist der Zeit verändern? Nicht nur ihre Kleidung, sondern auch Mimik und Gestik, die Art der Darstellung, das Material? Auch dieser Frage geht „Über Tisch und Bänke“ nach, wobei „die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland“, so der Untertitel der Ausstellung, auf besonders reiches Material zurückgreifen kann. Wikland, 1930 im estnischen Tartu geboren, hat Tausende von Blättern aufbewahrt, die im Lauf ihrer Karriere zusammengekommen sind. So ist etwa genau zu sehen, wie Lotta, das jüngste Kind aus Lindgrens „Krachmacherstraße“, von den ersten Illustrationen bis 1997 ein immer lebhafteres Kind wird – weit weg von dem schleifchenverzierten statischen Mädchen der fünfziger Jahre. Das Vorbild für Lotta aber war immer dasselbe: Wiklands Tochter Anna.

          Seit Wikland, erst 24 Jahre alt, 1954 Astrid Lindgren traf und „Mio, mein Mio“ illustrierte, haben die beiden zusammengearbeitet. Bis heute, über den Tod Lindgrens 2002 hinaus, prägt Wikland deren Rezeption mit. Nicht nur Lotta, auch andere Texte hat sie mehrfach neu illustriert. Aus gut 200 Originalen, die das Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur Lesart mit Wikland ausgewählt hatte, hat nun das Troisdorfer Museum eine Ausstellung zusammengestellt. Neben dem Lindgren-Universum sind es vor allem Wiklands eigene Projekte, die ihre künstlerische Entwicklung sichtbar machen. Nach dieser letzten Station werden die Arbeiten zurück zu ihr und in ihr Museum „Ilons Wunderland“ in Haapsalu gehen. Dort begann Wiklands Weg als Künstlerin, mit dem Schmerz eines Kindes, das früh die Eltern und die Heimat verloren hat.

          Die wohl beeindruckendste Serie ist jene zu Wiklands erstem von drei autobiographischen Kinderbüchern: „Die lange, lange Reise“, 1996 mit einem Text von Rose Lagercrantz erschienen, schildert Wiklands einsame Flucht 1944 aus dem sowjetisch besetzten Estland nach Schweden. Deutlich jünger als die echte Ilon ist das Mädchen, das im rotleuchtenden Mäntelchen vor düsteren russischen Panzern steht, was das Schicksal als Kriegsflüchtling noch einprägsamer macht. In der vergangenen Woche ist „Eine lange, lange Reise“ als Kinderoper von Johan Ramström in Stockholm uraufgeführt worden. Wikland hat nie vergessen, welche Kräfte im Glück und im Unglück der Kindheit liegen. Und so zeigt ihr Werk auch: Bullerbü hat eine Kehrseite.

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