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Buchmesse-Ehrengast Finnland : Die Weltpolitik hält den Präsidenten vom Schreiben ab

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Finnlands Präsidenten- und prominentestes Autorenpaar: Jenni Haukio und ihr Mann Sauli Niinistö. Bild: AFP/Getty Images

Wer hat schon ein Staatsoberhaupt und eine First Lady, die Bücher schreiben? Finnland natürlich, der Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Ein Treffen mit Sauli Niinistö in seiner Sommerresidenz.

          Plötzlich ist an der nordöstlichen Grenze Europas alles Käse. Und weil auch dieser Hakenschlag der Geschichte nach einem Schlagwort verlangt, erfanden die Finnen den Begriff „Putin-Juusto“. Er bezeichnet die Milchprodukte, die Finnland gern an seinen wichtigsten Handelspartner Russland geliefert hätte. Dank des von Russland als Reaktion auf die westlichen Sanktionen verhängten Lebensmittelboykotts stapeln sie sich in den finnischen Märkten: „Putin-Käse“, zum halben Preis.

          Staatspräsident Sauli Niinistö hält trotzdem an der Einladung für zwei deutsche Journalisten fest, die wohl mehr als symbolische Geste gedacht war, um im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse, auf der Finnland Ehrengast sein wird, Offenheit und Nähe des Landes zu demonstrieren. „Hätten Sie Interesse an einem Gespräch mit dem Präsidenten? In seiner Sommerresidenz?“, hatte die Presseabteilung der Finnen gefragt.

          Das Land hat sich geöffnet

          Da sagt man schon der bekannten Literaturbegeisterung des Präsidentenpaares wegen nicht nein. Niinistös Ehefrau Jenni Haukio, die 1999 mit der Lyriksammlung „Dein Shirt ist über mich gerutscht“ debütierte und seitdem zwei weitere Bände publiziert hat, ist Programmchefin der Buchmesse in Turku - einer Veranstaltung im Oktober, die man sich eher wie Leipzig denn wie Frankfurt vorstellen muss.

          Und auch Sauli Niinistö hat den Reiz des Schreibens entdeckt. Sein Buch „Fünf Jahre Einsamkeit“ entstand als eine Art Selbsttherapie nach dem Unfalltod der ersten Gattin; sein zweites Buch, verfasst während Niinistös Zeit in der Europäische Investitionsbank, erzählt Geschichten stiller Leute wie die vom Mann, der sich selbst verlor.

          Darüber kann man schon reden. Wenn man es macht, spricht Niinistö von der „gewaltigen Genugtuung“, die ihn beim ruhigen Nachdenken über seine Zeilen erfüllt, seine Frau preist die lebendige einheimische Lyrik- und Literaturszene: „Dass immer mehr finnische Autoren international Erfolg haben, hat auch damit zu tun, dass sich unser Land der Welt geöffnet hat.“ Unter dem Tisch stürmt ein Boston-Terrier heran.

          Was passierte mit dem Teamkameraden Putin?

          Finnland hat sich in der Tat verändert, und das innerhalb weniger Jahre. Das ahnten wir schon im Taxi: Auf der Visitenkarte unseres Fahrers waren neben dessen eigener Nummer für den Notfall auch die Telefonnummern Putins, Obamas, Merkels, Hollandes und Elisabeths II. abgedruckt. Auch am Kiosk-Programm in Helsinki sieht man: Die alten, von der Euphorie im „Nokia-Land“ überdeckten Themen Finnlands sind wieder zurück. Die Furcht vor dem Erlahmen der Wirtschaft. Und vor Russland.

          Als sich die Ukraine-Krise zuspitzte und Finnland laut über den Eintritt in die Nato nachzudenken begann, sagte Putins Abgesandter Sergei Markov im Juni in einem Interview drohend: „Antisemitismus führte zum Zweiten Weltkrieg, die Russophobie könnte den dritten starten. Finnland und die baltischen Staaten gehören zu den russenfeindlichsten Ländern Europas.“ Die Finnen sind seitdem nervöser, als es die für den Gastlandauftritt in Frankfurt ausgegebene Parole „Finnland. Cool“ nahelegt. Vermutlich wirkt sich der Stimmungsumschlag sogar auf den finnisch-russischen Heiratsmarkt aus.

          Auch dem konservativen Präsidenten Niinistö stehen die Sorgenfalten deutlich ins Gesicht geschrieben. Um vier Tage verschob er das sommerliche Buchmessengeplauder mit uns, um zu Putin nach Sotschi reisen und „gute Dienste“ zur Lösung der „Ukraine-Katastrophe“ anbieten zu können. Jetzt sitzt er in der stummfilmschlosshaften Residenz Kultaranta auf einem Stuhl - stirnrunzelnd, als dächte er unentwegt darüber nach, ob der Putin von heute noch immer derselbe Mensch ist, mit dem man zur Festigung der nachbarschaftlichen Beziehungen Eishockey vor zwei Jahren gespielt hatte. Im selben Team.

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