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Trend im Jugendbuch : Du träumst, was wir dich träumen lassen

Es sind nicht nur Menschenfreunde, die Licht ins Dunkel der Seele bringen Bild: Odilon Dimier/PhotoAlto/laif

Telefonüberwachung war gestern, der Schnüffler von morgen dringt ins Unterbewusste seiner Opfer ein: Neue Jugendbücher zeigen, wie das geht. Über den Traum bei Kerstin Gier und anderen.

          Es ist unheimlich, wenn man nachts plötzlich auf einem Friedhof steht und vier Mitschüler dabei beobachtet, wie sie einen Dämon beschwören. Und es ist beruhigend, wenn sich die Sache dann als Traum herausstellt. Kein schöner Traum, denkt sich die fünfzehnjährige Liv beim Aufwachen, gut, dass es vorbei ist. Dass es erst angefangen hat, ahnt sie ein paar Stunden später auf dem Schulhof. Denn wie sich herausstellt, hatten die Mitschüler denselben Traum - jeder für sich, aber in allen Details übereinstimmend. Offensichtlich hatten sie sich zum Gruppentraum verabredet, in etwa so, wie andere am Wochenende zum Camping gehen. Und sind nun schockiert darüber, dass Liv plötzlich in ihren Traum eingedrungen ist.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          An diesem Donnerstag erscheint bei S. Fischer der zweite Band von Kerstin Giers Romantrilogie „Silber“. Die Jugendbuch-Autorin, deren frühere Zeitreisen-Trilogie („Rubinrot“) monatelang auf den Bestsellerlisten stand, schildert in ihrer neuen Serie die Erlebnisse einer Gruppe von Jugendlichen, die in den Träumen anderer Menschen unterwegs sind. Sie schlafen ein, stehen plötzlich in einem Korridor, von dem aus überall Türen abgehen. Jede führt in den Traum eines bestimmten Menschen. Wer hindurchgeht, kann die geheimsten Wünsche, Sehnsüchte und Ängste des Schlafenden beobachten - meist ohne selbst gesehen zu werden. Und die Jugendlichen in Giers Roman machen ausgiebig davon Gebrauch.

          Dass Träume als Thema oder als Inspiration für die Literatur dienen, ist nicht neu. Autoren wie Patrick Roth, Antonio Fian oder Rudolf Leonhard haben ganze Bücher auf der Grundlage von Traumprotokollen verfasst. Im Schauerroman deuten Träume auf Künftiges voraus, im Märchen stellen Traumkönigreiche ein Refugium dar, in das man aus der bedrückenden Realität flüchtet. Doch spätestens seit Mihály Babits’ großem Roman „Der Storchkalif“, der vor bald hundert Jahren erstmals erschien, ist auch das Problematische dieses Konzepts offenkundig: Babits schildert den Fall eines reichen jungen Müßiggängers, der Nacht für Nacht träumt, ein armer Tischlerlehrling zu sein. Als sich das als immer belastender erweist, will er die Sache dadurch beenden, dass der Reiche seine Traum-Existenz in den Selbstmord treibt. Der Lehrling bringt sich um - am nächsten Morgen wird auch der träumende Müßiggänger tot aufgefunden.

          Sie wissen um die Träume

          Doch das ehrwürdige Sujet treibt in der heutigen Kinder- und Jugendliteratur ungeahnte Blüten. Gab es jemals so viele Bücher für junge Leser, in denen Träume eine derart große Rolle spielen wie in unserer Zeit? Kinderbücher wie Claudia Friesers „Der gefährliche Traum“, dessen Held im Schlaf visionsartig die Vergangenheit erlebt und so einem vertuschten Verbrechen auf die Spur kommt, oder „Die Insel der Albträume“ von Bob Konrad, in dem ein von Nachtmahren geplagter Junge den Spieß umdreht und die Monster in ihrem Refugium heimsucht. Jugendliche erfahren in Mechthild Gläsers „Stadt aus Trug und Schatten“, wie ihre träumenden Seelen in finsterster Umgebung ausgebeutet werden, während die Schlafenden davon nichts mitbekommen, und in Daniel Blythes „Wispernde Schatten“ setzen bedrohliche Träume einer Protagonistin die Handlung überhaupt erst in Gang.

          Außer der großen Konjunktur, die solche Titel zurzeit unübersehbar haben, ist aber auffällig, wie das Träumen in vielen dieser Romane das reale Leben der Jugendlichen prägt. Sie erinnern sich am nächsten Morgen genau an das nachts Erlebte. Und setzen dieses Wissen auf unterschiedliche Weise in ihrem Alltag ein.

          Ein Schulbus voller Schlafender

          Die Vorteile, die der Umgang damit etwa für Kerstin Giers verliebte Heldin Liv bereithält, liegen auf der Hand: „Das Gute an diesen Träumen war, dass man sich auch treffen konnte, wenn man schwach und krank im Bett lag, und noch besser: dass man sich nicht anstecken konnte, selbst dann nicht, wenn man sich intensiv küsste.“

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