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Thomas Mann House : Auch Goethe ist heimgekehrt nach Kalifornien

  • -Aktualisiert am

Da isser wieder: Thomas Manns Goethe in Pacific Palisades. Bild: Nikolai Blaumer

Es braucht kein Pathos für diesen Glücksfall: Thomas Manns Goethe-Bände kehren in sein Haus in Pacific Palisades zurück. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Man muss vielleicht ein gläubiger Thomas-Mannianer sein, der weiß, dass hier der Josephsroman beendet und der „Doktor Faustus“ konzipiert und geschrieben wurden, um nachvollziehen zu können, in welcher Gestimmtheit ich an diesem Herbsttag auf dem Flughafen von Los Angeles hinaus ins grelle kalifornische Licht trat und mich mit der Adressangabe 1550 San Remo Drive, Pacific Palisades, ins Taxi setzte. Ein Pilger, der am Horizont die Türme von Santiago de Compostela erblickt, kann sich dem Numinosen nicht näher fühlen als ich auf der Fahrt dem Hügel zu, auf dem die bedeutendste Literatur entstand, die im zwanzigsten Jahrhundert auf Deutsch geschrieben wurde.

          Und wenn die Aussicht von der nach Norden führenden Stadtautobahn mit Brachland und Hangaren noch fatal an die Außenbezirke von Kairo erinnert, wird es, sobald man auf den Sunset Boulevard abgebogen ist, mit jedem Kilometer referenzpraller. Die Durchquerung des Universitätsviertels evoziert sofort den berühmt-schnöden Tagebucheintrag vom 6. August 1945: „In Westwood zum Einkauf von weißen Schuhen und farbigen Hemden. Erster Angriff auf Japan mit Bomben, in denen die Kräfte des gesprengten Atoms wirksam.“

          Das Haus des „notorischen Villenbesitzers“

          Fährt man dann aber vor und erblickt das von so vielen historischen Fotos bekannte Anwesen, das in dieser Villengegend hinter seinen zugewucherten Hecken ganz unauffällig und bescheiden anmutet, betritt man das liebevoll und hochwertig renovierte und exemplarisch geschmackvoll eingerichtete und möblierte Haus – welch ein vielsagender Weg des „notorischen Villenbesitzers“ von der plüschig wilhelminischen Eiche-altdeutsch-Schwere der Poschingerstraße zu dieser lichten Bauhaus- und Thonet-Moderne –, so braucht man keinerlei Pathos mehr, um zu ermessen, welch einmaliger Glücksfall es für unsere Kultur ist, dass der deutsche Staat beherzt zugegriffen hat, als Thomas Manns Heim, in dem er von 1942 bis 1952 lebte, zum Verkauf stand.

          Schriftsteller Michael Kleeberg

          Das einzige Gegenstück zu diesem „Seven-Palms-Haus“ genannten Anwesen (nur noch drei der alten Palmen sind übriggeblieben), was die Bedeutung als Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, sozialer Magnet und kultureller Nexus betrifft, ist das Goethehaus in Weimar. Aber wenn der wichtigste deutsche Schriftsteller der kurzen Blüte der Klassik und Romantik seine Hauptwerke an der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert in einer kleinen thüringischen Residenz verfassen konnte, so muss, wer einen solchen Ort fürs zwanzigste Jahrhundert sucht, eben 9300 Kilometer nach Westen reisen. Und allein dies, dass deutsche Zivilisation und deutscher Humanismus in dieser Zeit nur im Exil existieren und überleben konnten und in diesem Haus ihre Heimstatt fanden, macht die immense Bedeutung der Adresse als Erinnerungsort wie als Begegnungsstätte und Zukunftslaboratorium für die deutsche Kultur deutlich. Welch ein Anspruch! Der jetzt nur noch mit Leben gefüllt werden muss.

          Acht stützende Regalmeter

          Dafür verantwortlich sind vor allem der junge Nikolai Blaumer, der in der mosaischen Situation ist, das Haus, das er leitet, nicht selbst bewohnen zu können und jeden Morgen mit dem Rennrad von Santa Monica den Berg herauffahren muss, was ihm allerdings die Fitness beschert, die er für seinen Job braucht, und die „Fellows“ genannten wissenschaftlichen Hausgäste und Stipendiaten, die hier eine Art hochwertige Akademiker-WG bilden, und von denen einer, der in Japan lehrende Germanist Stefan Keppler-Tasaki, heute eine Hauptrolle spielt. Es ist nämlich der Abend, an dem die feierliche Rückgabe der großen, 133 Bände umfassenden Weimarer oder auch Sophien-Ausgabe von Goethes Werken stattfindet, die nach einer langen Odyssee, die Keppler-Tasaki nachzeichnet, wieder den Weg zurück ins Haus ihres ehemaligen Eigentümers gefunden hat.

          Die Prachtedition, zwischen 1887 und 1919 verlegt, war einer der letzten Schätze, den Thomas Mann nach seiner Emigration aus dem Münchner Heim retten konnte. Sie begleitete ihn auch 1938 bei seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten, und am 10. Februar 1942, wenige Tage nach dem Einzug in dieses Haus, notierte der Schriftsteller stolz: „Aufstellung der Bücher, einschließlich des großen Goethe, im Studio beendet.“

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